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Frauke Manninga
Mythos »Wasserkrieg«

ERKENNTNIS Eine düstere Prognose, die sich nicht erfüllt hat

Seit Mitte der 1980er Jahre ist er in aller Munde: der Krieg um Wasser. Amerikanische Wissenschaftler brachten Wasserknappheit erstmals als wichtigste Kriegsursache der Zukunft ins Gespräch - eine düstere Prognose, die sich rasant verbreitete. Das räumliche Zusammenfallen von Regionen mit großer Wasserknappheit und solchen mit kriegerischen Auseinandersetzungen schien die These zu stützen. Und Aussagen - wie die des damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat - gaben ihr zusätzlichen Zündstoff: "Das einzige, um das Ägypten noch einmal Krieg führen würde, ist Wasser!"

Doch nach fast zwanzig Jahren hat sich gezeigt: Durch Desertifikation hervorgerufene Wasserknappheit verursacht keine Kriege. Zwar kommt es innerhalb nationalstaatlicher Grenzen immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um Wasser und Weiden, wie in Uganda (siehe Aufmacher auf dieser Seite), Sudan oder Botsuana. "Bislang hat es allerdings keinen einzigen zwischenstaatlichen Krieg gegeben, der nur um Wasser geführt wurde," sagt Annette Edig, Wasserexpertin und Referentin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. "Allerdings ist Wasser ein hoch emotionales Thema, mit dem man die Menschen leicht mobilisieren kann. Hinter den meisten Konflikten versteckt sich jedoch eine ganz andere Ursache."

Trotzdem hat sich der Mythos Wasserkrieg bis heute gehalten. Vielfach wird er als rhetorischer Vorwand für militärische Auseinandersetzungen von Regierungen genutzt. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass Wasserknappheit lediglich konfliktverschärfend wirken kann. "Erst politische, soziale und wirtschaftliche Bedingungen entscheiden, ob Konflikte gewaltsam oder friedlich ausgetragen werden," sagt Sören Scholvin vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA-Institut) in Hamburg.

Gemeinsame Initiativen

Wasserknappheit, das hat sich gezeigt, kann die zwischenstaatliche Kooperation sogar fördern. Bestes und aktuellstes Beispiel hierfür ist das Nilbecken. Hier versuchen die neun Nil-Anrainer, darunter vor allem Ägypten, Äthiopien und Sudan, im Rahmen einer gemeinsamen Initiative, der Nile Basin Initiative, Wege zur bestmöglichen Nutzung des Flusswassers zu finden. Auch wenn dies nicht immer problemlos funktioniert, zwingt das gemeinsame Interesse die Staaten zur Kooperation.

"Auch wenn Ägypten niemals ein Abkommen unterzeichnen wird, das ihm nicht die lebensnotwendige Menge Wasser zusichert", urteilt Hani Raslan, Nilbecken-Experte des regierungsnahen Al-Ahram Centers in Kairo, "so wird die Regierung doch immer den Dialog mit den anderen Nilanrainern suchen." Raslan meint: "Der Kalte Krieg ist vorbei. Heute setzt Ägypten auf Kooperation."

Die Autorin arbeitet als Wissenschaftlerin und Publizistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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