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Michael Backfisch
Der Boom der Wüstenstädte

ARABISCHE HALBINSEL Wie sich Dubai und Abu Dhabi zu Zentren für erneuerbare Energien mausern (müssen)

Den 19. Juli werden die Bewohner von Sharjah so schnell nicht vergessen. In der rund eine Million Einwohner zählenden Stadt vor den Toren Dubais brach die Stromversorgung für drei Tage komplett zusammen. Haushalte, Hotels, Fabriken und Krankenhäuser standen plötzlich ohne Elektrizität da - und das mitten in der Wüste. Das Thermometer kletterte tagsüber auf über 40 Grad; nachts flohen die Menschen auf die Dächer, um der Hitze ihrer Häuser zu entkommen.

Das Szenario von Sharjah kann sich jederzeit in jeder Großstadt auf der Arabischen Halbinsel wiederholen. Das Elektrizitätsvolumen der Kraftwerke hält nicht Schritt mit dem sprungartig wachsenden Energiebedarf des 2,7 Millionen Quadratkilometer umfassenden Wüstenplateaus. Die immer zahlreicher werdenden Ölraffinerien und Gasverarbeitungs-Anlagen in der Region fordern ihren Tribut. Hinzu kommen die Klimaanlagen, die den Energieverbrauch während der heißen Sommermonate nach oben treiben. Die Regierung Abu Dhabis schätzt, dass der Energiekonsum von derzeit 8 Gigawatt pro Jahr bis 2020 auf 20 Gigawatt steigen wird. Sollte der Nachfrageschub nicht durch massive Investitionen in neue Kraftwerke ausgeglichen werden, drohen weitere und noch heftigere Stromausfälle als in Sharjah.

Ende des Raubbaus

Ob Riad, Doha, Dubai oder Abu Dhabi - die aus der Wüste gestampften Millionenmetropolen stehen vor großen Herausforderungen. Die Städte haben in den vergangenen Jahren infolge milliardenschwerer Petrodollar-Einnahmen ein rasantes Wirtschaftswachstum hingelegt. Die Bevölkerung nahm im Schnitt zwischen zwei und drei Prozent zu. In der Folge wurde ein Häuserkomplex nach dem anderen gebaut, der Wüste wurde immer mehr urbaner Raum abgetrotzt. Doch allmählich werden die Städte zu den Opfern ihres eigenen ökonomischen Erfolgs. Die Hitze und die Trockenheit treiben die Nachfrage nach Wasser in die Höhe. Bereits heute führen die Vereinigten Arabischen Emirate, deren größte Mitglieder Abu Dhabi und Dubai sind, die Liste der globalen Verschwender an. Im Schnitt verbraucht jede Person in dem gut fünf Millionen Einwohner zählenden Golfstaat 550 Liter pro Tag. In Deutschland liegt der Wert bei 125 Litern.

Verschlimmert wird die Lage durch einen Mangel an Kapazitäten. So produziert das rund eine Million Einwohner zählende Abu Dhabi 800.000 Kubikmeter Wasser pro Tag aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Doch der Bestand reicht nur für drei Tage. "Sollte es zu einem gravierenden Ausfall kommen, könnte dies in eine Katastrophe münden", warnt Peter Menche, Projekt-Direktor der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Abu Dhabi. Steuert die Region nicht mehr Nachhaltigkeit an, könnte sich die Wüste eines Tages die boomenden Zivilisations-Oasen zurückholen. Bereits in den 1980er-Jahren kursierte am Persischen Golf ein Sprichwort, das im Kampf gegen die Wüste die Möglichkeit eines Scheiterns vorwegnahm: "Mein Vater ritt ein Kamel, ich fahre einen Cadillac, mein Sohn fliegt ein Düsenflugzeug, mein Enkel einen Überschall-Jet. Aber mein Urenkel wird wieder ein Kamel reiten."

So weit wollen es die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate nicht kommen lassen. Sie haben den Raubbau an den eigenen Ressourcen erkannt und versuchen den Kurswechsel. "Energieeffizienz" und "Grünes Bauen" heißen die neuen Zauberwörter. "Zwischen Riad und Kuwait-City macht sich ein neues Umweltbewusstsein breit",sagt Boris Ritter, Chef der Beratungsfirma Sesam Business Consultants in Dubai: "Im Vergleich zur Situation vor drei bis vier Jahren legt man heute bei Neubauten Wert auf ökologisches Profil. Zum Teil werden aber auch ältere Gebäude nachgebessert."

Auch wenn der Umdenkungsprozess erst langsam in Gang kommt und gelegentlich verwässert wird: Dubai und Abu Dhabi geben die Richtung für ein grünes Energiebewusstsein in der Region vor. So hat sich das rund 1,5 Millionen Einwohner zählende Dubai dem amerikanischen LEED-System ("Leadership in Energy & Environmental Design") für ökologisches Bauen verschrieben. Nach LEED-Kriterien bekommen Gebäude Punkte in Energieeinsparung, Verminderung von CO2-Emissionen, Effizienz im Wasserverbrauch oder Baumaterialien, die höchste Isolierung im Wüstenklima garantieren. Wer mehr als 80 Punkte sammelt, erhält die Platin-Auszeichnung. Das Rendite-Kalkül der Vergangenheit - maximaler Profit bei möglichst billigen Baumaterialien - ist passé. Dafür hat auch die Wirtschaftskrise gesorgt. Das rohstoffarme Dubai, das mit massiven Schulden mit dem Rücken zur Wand steht, muss knappes Geld nachhaltig verwalten. Je niedriger die Energieausgaben, desto besser.

Abu Dhabi verfolgt die gleiche Öko-Logik, nur aus anderen Gründen. Das Emirat, das auf den fünftgrößten Ölreserven der Welt sitzt, sucht sein "schwarzes Gold" möglichst teuer zu verkaufen, statt es für den Binnenverbrauch billig zu verfeuern. Das Emirat fährt dabei zweigleisig: Einerseits soll Energie eingespart, andererseits sollen zunehmend alternative Quellen eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um die Energieeffizienz einzelner Gebäude, sondern um die Einbettung in ein ökologisches Gesamtkonzept. Hoch im Kurs stehen etwa hitzegeschützte, überdachte Gehwege oder bepflanzte Zonen. Die Regierung hat eine "Vision 2030" entwickelt. Mit dem Bau von Masdar City, der ersten CO2-freien Stadt der Welt, strebt das Emirat einen Eintrag in das globale Geschichtsbuch für nachhaltiges Wirtschaften an. Dieses Experiment soll unter härtesten Bedingungen, mitten in der Wüste, stattfinden. Natürliche Wasservorkommen gibt es dort nicht, im Sommer klettern die Temperaturen bis auf 50 Grad. Zudem erschweren Sandstürme die Lage.

Riesige Testfelder

Noch besteht das sechs Quadratkilometer große Areal vor den Toren von Abu Dhabi vor allem aus Wüste. Doch Schritt für Schritt soll das Reißbrett-Projekt umgesetzt werden. In der Computer-Animation ist Masdar City bereits als Hightech-Oase im Sand zu bestaunen. Die Architektur weist viele sonnengeschützte Winkel und Gassen auf - eine riesige Fußgängerzone, die an einen orientalischen Souk erinnert. Auf diese Weise bleibt das Klima erträglich. Die eng gestellte, schattenspendende Bauweise soll vermeiden, was Hochhäuser in der Wüste extrem belastet: Sie müssen mit einem gigantischen Energieaufwand heruntergekühlt werden. Auf den Dächern von Masdar City sollen zudem Sonnenkollektoren prangen, die für umweltfreundlichen Strom sorgen. Derzeit gibt es ein Testfeld, in dem Solarzellen von mehr als dreißig internationalen Firmen auf extreme Klimafaktoren wie Hitze, Staub und Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht geprüft werden. Die Geräte mit der besten Wüstentauglichkeit sollen am Ende den Zuschlag bekommen. Die Wände in den grünen Musterstadt werden optimal isoliert, um die Kühle in den Räumen zu halten. Und auch die Verkehrsplanung von Masdar City lässt die Herzen der Ökologen höher schlagen. Durch die Straßen werden Elektroautos und Elektrozüge summen - Benzinfresser sind tabu. Wasser soll aus einer solargetriebenen Entsalzungsanlage am Persischen Golf fließen. Und der Müll wird natürlich vorschriftsmäßig recycelt: 50.000 Menschen sollen hier leben, 1.500 Firmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien wirtschaften. Die erste Phase des 22 Milliarden Dollar teuren Vorhabens soll 2016 abgeschlossen sein. "Dieser Ort ist ein lebendes Labor für eine Revolution, die bereits begonnen hat", betont der Chef des Masdar-Projekts, Sultan Al Jaber.

Dennoch hat die Finanzkrise auch die Ölscheichs von Abu Dhabi nicht verschont. Die mehr als 20 Milliarden Dollar umfassende Finanzspritze für das hochverschuldete Nachbaremirat Dubai trieb die Stadtkämmerer in eine ungewohnte Sparsamkeit. Auch deshalb wird das Gesamt-Projekt Masdar City derzeit neu durchgerechnet. Am ehrgeizigen Entwurf einer "grünen Stadt-Oase in der Wüste" werde jedoch nicht gerüttelt, heißt es in den Macht-Zentralen von Abu Dhabi.

Mit Atomkraft

Dass sich ausgerechnet die Wüstenmetropolen der Vereinigten Arabischen Emirate zu einem Zentrum für erneuerbare Energien mausern, mag auf den ersten Blick verwundern. Viele Jahre hindurch hatte das Öl-Imperium ausschließlich fossile Quellen angezapft. Nun das Umdenken: Bis 2020 sollen sieben Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Die Solartechnik spielt dabei eine Schlüsselrolle. Windkraft-Anlagen, Biomasse und ab 2020 auch Kernreaktoren sollen den Energie-Mix der Zukunft abrunden. Für die Emiratis ist es nur folgerichtig, dass die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (Irena) ihren Hauptsitz in Masdar City haben wird. "Wir können der Welt zeigen, dass erneuerbare Energien machbar sind, und dass dies passieren wird", verkündete Irena-Direktorin Hélène Pelosse bereits voller Optimitismus.

Der Autor arbeitet als Auslandskorrespondent des "Handelsblattes" in Dubai.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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