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Susann Kreutzmann
Das weiße Gold

ROHSTOFFE In der Atacama-Wüste gibt es die weltweit größten Lithiumvorkommen - Basis für Technologien der Zukunft

Chiles Atacama-Wüste besticht durch ihre bizarre Schönheit. Im gleißenden Sonnenlicht glitzern Millionen Salzkristalle im Salar de Atacama in den Farben des Regenbogens. Durch die heißen Temperaturen verdunstet das wenige Wasser schnell. Zurück bleibt eine filigrane Kraterlandschaft, in der sich verkrustete Salzskulpturen auftürmen. Pinkfarbene Flamingos sind der einzige Farbflecken weit und breit. Am Horizont erheben sich die Gipfel der Anden. Fast unwirklich mutet der Blick über die Ebene der trockensten Wüste der Welt im Norden des Landes an.

Noch vor einigen Jahren galt die Atacama-Wüste als Geheimtipp unter Weltenbummlern. Inzwischen weiß fast jeder, dass sich in ihren Salzpfannen, den Salaren, noch ein ganz anderer Schatz verbirgt: Lithium. Das weiße Leichtmetall ist der Rohstoff der Zukunft. Lange war es ein unbedeutendes Metall, das nur in einigen Antidepressiva verwendet wurde. Doch heute steht Lithium für Elektromobilität. Das Auto der Zukunft fährt mit energieeffizienten Lithium-Ionen-Batterien. Zudem ist es der Grundstoff für leistungsfähige Akkus, ohne die weder Mobiltelefone noch Blackberrys oder Computer funktionieren würden.

Im Anden-Dreieck Bolivien, Chile und Argentinien lagern rund 70 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen. Das größte Reservoir verbirgt sich im Uyuni-Salzsee im Hochland Boliviens. Das Salar ist viermal so groß wie das Saarland. "Wir wissen, dass Bolivien das Saudi-Arabien des Lithiums werden kann", sagt Francisco Quisbert, einer der Führer der Landarbeitergewerkschaft Fructas: "Wir sind arm, aber nicht dumm. Das Lithium ist unser Eigentum."

Auch Boliviens Präsident Evo Morales hat das Lithium als "nationalen Rohstoff" eingestuft und der Förderung höchste Priorität eingeräumt. Unter dem Motto "Partner, nicht Herren" möchte Bolivien von der Ausbeutung profitieren und eine leistungsfähige nationale Industrie aufbauen. Ausländische Investoren will man sehr kritisch aussuchen. "Wir sind offen für Partner", erklärt die staatliche Minenagentur Comibol. Allerdings will Bolivien Mehrheitseigner sein.

Millionen Tonnen

Jahrtausende hindurch hat der Regen Salze wie Kali, Magnesium oder Lithium aus den Vulkanen der Anden gewaschen und in ein Becken befördert. Die US-amerikanische Firma Geological Survey geht davon aus, dass sich in der Salzkruste des Uyuni-Salar 5,4 Millionen Tonnen des weißen Goldes befinden. Wie hier finden sich in auch in anderen Wüsten der Welt zahlreiche Rohstoffe (siehe Kasten). In Botswana beherbergt die Ödnis Diamanten, in Niger Uran, in Saudi-Arabien Öl. Afghanistan hat vor kurzem verkündet, große, nicht erschlossene Lithiumreserven im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu besitzen.

Die französische Beratungsfirma Meridian International Research hat errechnet, dass man die fünffache Menge der heutigen weltweiten Lithiumproduktion von rund 90.000 Tonnen im Jahr bräuchte, um die gesamte Produktion der Automobilindustrie auf Hybridfahrzeuge umzustellen. Auch die Nachfrage nach Lithium-Batterien wird in den kommenden Jahren noch weiter steigen. Eine Technologie, die Lithium ersetzen kann, ist derzeit nicht in Sicht.

In Bolivien wird das weiße Gold noch nicht kommerziell gefördert. Lediglich eine Pilotanlage wird betrieben. Im Niemandsland in 3.800 Metern Höhe ohne Mobilfunkverbindung, Strom und Wasser hat die Minengesellschaft Comibol ein paar Baracken errichtet. Bei Regen ist das Gelände schwer zugänglich, denn gepflasterte Straßen sind nicht vorhanden. Das kostbare Lithium in Bolivien wird noch mit Spitzhacke und Schaufel gefördert. Kleinbauern türmen meterhohe Salzkegel zum Trocknen auf. Das so destillierte Salz wird dann mit klapprigen Karren in das sechs Stunden entfernte Potosí gebracht.

Dennoch sind die Bolivianer optimistisch und wollen in den kommenden Jahren zum weltweit größten Lithium-Exporteur aufsteigen. Völlig unklar ist aber, wie viele der Ressourcen am Salar überhaupt ausbeutbar sind und welche ökologischen Folgeschäden die Förderung in dem einzigartigen Naturreservat nach sich zieht.

Die neue bolivianische Verfassung, über die Anfang 2009 abgestimmt wurde, gibt der indianischen Bevölkerung zudem mehr Rechte. So ist geregelt, dass sie die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen haben, die sich auf ihrem Gebiet befinden. Die Indigenas, die rund um den Uyuni-Salzsee leben, können selbst entscheiden, wer eine Konzession für den Lithium-Abbau bekommt. "Der Grund, warum wir ausländische Investoren zurückdrängen ist, dass sie der Gemeinschaft nie etwas zurückgeben", sagt Gewerkschafter Quisbert: "Wir träumen von einem Projekt in den Händen der Bolivianer." Gegen ausländische Investoren hat sich die Landarbeitergewerkschaft Fructas bislang erfolgreich gewehrt. Doch die japanischen Konzerne Mitsubishi und Sumitomo und die französische Gruppe Bolloré verhandeln schon mit der Regierung. Nur Verträge gibt es noch nicht.

Anders sieht es am chilenischen Salar de Atacama aus, dem größten Salzsee in der Atacama-Wüste. Hier lagern weitere drei Millionen Tonnen Lithium - und der industrielle Abbau ist schon in vollem Gang. Die chilenische Sociedad Quimica y Minera hält einen Marktanteil von 30 Prozent und gilt als weltweit größter Lithium-Produzent. Die Lithiumlauge wird in langen Becken aufgefangen, destilliert und chemisch weiterverarbeitet. Übrig bleibt das schneeweiße Pulver. Die Bedingungen für die Rohstoffgewinnung sind hier besser als in Bolivien. Das Salar liegt 1.500 Meter niedriger als in Bolivien. In der Atacama-Wüste regnet es nur alle sechs Jahre, so dass das Wasser durch die hohe Sonneneinstrahlung schneller verdampft und Lithium in konzentrierter Form gewonnen werden kann.

In der chilenischen Atacama-Wüste werden schon seit dem 19. Jahrhundert Rohstoffe abgebaut, zuerst Salpeter, dann folgte der Kupferbergbau. Die Menschen leben also seit Jahrhunderten von und mit dem Bergbau. Zudem sind Straßen in die nächst gelegene Küstenstadt Antofagasta ausgebaut. Von dort wird das Lithiumkarbonat verschifft. Gleichzeitig jedoch steht der Bergbau in der Atacama-Wüste auch für einen der größten Konflikte in der chilenischen Gesellschaft: dem Kampf um Wasser. Die Bergbauindustrie, die zu 75 Prozent in privaten Händen liegt, verbraucht fast die gesamten Frischwasserzuflüsse aus den Gletschern. Insgesamt 3,5 Millionen Liter pro Einwohner macht der Konsum pro Jahr aus, mit steigender Tendenz. Zum Vergleich: Den dort lebenden indigenen Gemeinschaften stehen weniger als 500 Liter pro Jahr und Kopf zur Verfügung. Das sind etwa 1,3 Liter Wasser pro Tag. Als Folge des hohen Verbrauchs "trocknen Flussläufe aus, die Menschen werden ihrer Lebensgrundlage beraubt und müssen in die Städte abwandern, wo sie sich als Tagelöhner verdingen", erklärt die Umweltaktivistin Sara Larraín, die sich in der Nichtregierungsorganisation Chile Sustentable engagiert. "Unser Land muss dringend seine Wasserprobleme lösen, um weitere soziale, ökologische und wirtschaftliche Konflikte zu vermeiden." Vor allem müsse das Recht auf Wassernutzung wieder an die Bevölkerung zurückgegeben werden, fordert Larraín, die 1999 als Präsidentschaftskandidatin in Chile antrat. "Für uns ist das Wasser das Blut der Erde", sagt auch Julio Ramos, Repräsentant des Volkes der Lickanantay, das seit mehr als 12.000 Jahren in der Atacama-Wüste siedelt. Es lebt im Gleichgewicht mit Mutter Erde, der Pacha Mama, und entnimmt ihr nur das, was es braucht. Dieses Bild des Lebens hat sich von einer Generation auf die nächste vererbt. "Doch die Gesetze des Marktes wiegen schwerer als unsere Menschenrechte und die unseres Volkes", sagt Ramos bitter.

Umstrittenes Wassererbe

Seit Zeiten der Pinochet-Diktatur ist in Chile gesetzlich geregelt, dass Wasser ein "öffentliches Gut", aber auch ein "Wirtschaftsgut" ist. Der Umgang mit Wasser wird somit geregelt als sei es Privateigentum. Die aktuellen Probleme in der Atacama-Wüste resultieren genau aus diesem Gesetz. "Man kann sagen, dass die Diktatur das nationale Wassererbe an Privatfirmen verschenkt hat", erklärt Maria Paz Aedo von der Heinrich-Böll-Stiftung: "Viele bäuerliche oder indigene Gemeinschaften besitzen zwar Land, aber nicht die Wassernutzungsrechte." Und wenn sie keinen Zugang zu Wasser haben, sind sie gezwungen, ihr Land zu verlassen. Deshalb fordern viele Organisationen eine Verfassungsänderung, damit Wasser wieder zum Gemeingut erklärt wird.

Das Wasser der Region ist zudem ein endliches Gut, weil es sich um fossiles Grundwasser aus den Anden handelt. "Im vergangenen Monat haben die Vereinten Nationen den Zugang zu Trinkwasser als Menschenrecht verankert", erläutert Ingrid Hönlinger (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzende der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe im Bundestag. "Hoffentlich tut sich nun auch in Chile etwas", sagt sie.

Der Bergbau hat der Atacama-Wüste schon heute schwer zugesetzt, viele Baugruben sind vergiftet zurückgelassen worden. Die Lithium-Förderung könnte das fragile Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen, die Landschaft zerstören. "Vielfach ging der Rohstoffabbau in Lateinamerika auf Kosten der Umwelt und damit am Ende auch auf Kosten der Menschen", sagt Hönlinger: "Der Lithiumabbau muss daher nachhaltig und unter Beteiligung der Einwohner geschehen." Den Touristen blieben andernfalls wohl nicht einmal mehr die pinkfarbenen Flamingos - den Einwohnern würde nach dem Boom auch die letzte Einnahmequelle versiegen.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Südamerika.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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