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Jutta Lietsch
Der Traum von der eigenen Jurte

MONGOLEI Viele Mongolen versuchen ihr Glück als Nomaden - mit schwerwiegenden Folgen für die Steppenlandschaft

Auf den kargen Weideflächen neben der Flughafenstraße der Hauptstadt Ulan Bator grasen Schafe und Ziegen. Die Hirten haben sie zwischen die Bretterzäune getrieben, mit denen Neusiedler ihre Grundstücke markieren. Ab und zu hält ein Auto, die Insassen schauen prüfend nach den Tieren. Der Nationalfeiertag Naadam steht vor der Tür, und so manche Familie will sich zum Festessen mit frischem Fleisch versorgen. Um die 80.000 Tugrik, etwa 40 Euro, verlangen die Hirten für ein Schaf. Ist der Handel perfekt, wird es gleich an Ort und Stelle geschlachtet.

Die Summe von 40 Euro gilt in diesen Tagen als gutes Geschäft. Noch im vergangenen Herbst erzielten die Hirten nur einen Bruchteil dieses Preises, eine junge Ziege gab es damals schon für drei Euro. Aber das war vor dem bitterkalten Winter 2009/2010, der verheerend war für die Herden. Annähernd neun Millionen Schafe, Ziegen, Kamele und Pferde starben. Die Folge: Zehntausende Familien wussten nicht mehr, wie sie sich ernähren sollten, und flüchteten in die Slums von Ulan Bator und den anderen Siedlungen des Landes. 1,4 Millionen Menschen - die Hälfte aller Bewohner der Mongolei - leben mittlerweile in der Hauptstadt, an ihrem Rand wuchern neue Quartiere aus Filzjurten.

"Dzud" nennen die Mongolen solche Klimaeinbrüche, die immer wieder die Steppe heimsuchen. Über ein Drittel der knapp drei Millionen Mongolen lebt von der Viehzucht. Die Nachfahren Dschingis Khans treiben die Herden über die weiten Weidegründe - wenn auch immer häufiger nicht mehr auf dem Pferderücken, sondern auf dem Motorrad oder im Jeep. Die Nomadenkultur präge die Seele ihres Volkes, sagen die Mongolen. Sie bestimmt das Nationalgefühl wie in wohl keinem anderen Land der Welt.

Bedrohte Weidegründe

Nichts ist für die Hirten wichtiger als saftiges Grasland, damit die Tiere sich in den kurzen Sommermonaten ein Polster anfressen und kräftig genug sind, um den langen und eisigen Winter zu überstehen. Doch die üppigen Weidegründe sind bedroht. Schuld daran ist eine Kombination aus ungünstigem Wetter und viel zu großen Herden. Der jüngste "Dzud" war daher wohl nur Vorbote einer schwierigen Zukunft.

Nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern haben sich die Wetterverhältnisse in der Mongolei stärker verändert als in anderen Regionen der Welt. In den vergangenen 70 Jahren stiegen die Temperaturen durchschnittlich um 2,14 Grad Celsius - allerdings innerhalb des Landes regional und saisonal unterschiedlich. Während es mancherorts in den Wintern eisiger wurde als gewohnt, kletterte die Quecksilbersäule in den Gebieten der großen Seen und im Osten zeitweise fünf bis acht Grad Celsius höher als früher. Hinzu kommt die Sorge ums Wasser: Nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 sind von 5.128 Flüssen und Bächen 852 ausgetrocknet, 1.181 von 3.747 Seen und Teichen verschwunden. In der Nähe von Goldminen und Bergwerken, die in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Industrie des Landes geworden sind, sind die Gewässer häufig durch giftige Chemikalien verschmutzt.

Die dramatischen Auswirkungen dieser Entwicklung zeigt ein Vergleich von Satellitenbildern aus den Jahren 1992 und 2002. In dieser Zeit ist das Grasland um 46 Prozent geschrumpft, die Wüste frisst sich mit aller Macht voran. Im selben Zeitraum verschwand auch ein Viertel der Wälder, sodass heute nur noch rund zehn Prozent der Mongolei bewaldet sind. Tragischerweise ist es gerade das traditionelle Nomadenleben, das das Ökosystem der Mongolei gefährdet: Denn es trägt dazu bei, die Steppe und das Grasland zu zerstören.

Mit der Abkehr von der so- wjetischen Planwirtschaft boomte das Nomadentum plötzlich. Im Wendejahr 1990 zogen noch weniger als 150.000 Hirten durch das Land. Seitdem beschlossen zehntausende Familien, darunter viele arbeitslos gewordene Staatsbedienstete, ihr Glück in der Jurte und mit einer eigenen Herde zu suchen. So verdoppelte sich innerhalb eines knappen Jahrzehnts die Zahl der Nomaden und wuchs auch danach schnell weiter. Viele von ihnen hatten keinerlei Erfahrung in ihrem neuen Beruf - und wurden mit den raschen Wetterwechseln nicht fertig. Bis zum letzten Katastrophenwinter ist die Zahl der Nomaden zwar wieder leicht auf rund 360.000 gesunken. Ihre Herden aber wuchsen - je nach Schätzung - auf 47 bis 54 Millionen Tiere.

Mongolische Politiker, Wissenschaftler und internationale Experten sind sich einig, dass es so nicht weiter gehen kann. "Die Menschen müssen sich wieder mehr an die Natur anpassen", sagt die mongolische Mitarbeiterin der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Ulan Bator, Saran Selenge. Ihr deutscher Kollege Klaus Schmidt-Corsitto stimmt zu: "Zwanzig Millionen Tiere könnte die Mongolei gut verkraften, aber nicht viel mehr." Doch in den vergangenen Jahren haben die Behörden die Aufzucht von Kaschmir-Ziegen sogar noch mit Subventionen gefördert, weil deren Wolle auf den internationalen Märkten gute Preise erzielte.

Eigentlich soll auch eine neue Agrarpolitik her, um zu ökologisch vernünftigen Herdengrößen zurückzufinden und zugleich die Existenz der Nomaden zu sichern. Doch die Politiker des Landes stehen unter Druck. "In der Bevölkerung ist es ein Tabu, den Hirten vorzuschreiben, wie viele Tiere sie halten dürfen", berichtet Schmidt-Corsitto. "Wer da eingreift, riskiert es, nicht wiedergewählt zu werden."

Die GTZ gehört zu den vielen internationalen Organisationen, die seit den neunziger Jahren in der Mongolei aktiv sind. Sie half unter anderem bei der Formulierung eines neuen Weidegesetzes, das noch durch das Parlament muss. Um den Hirten am Rande der Gobi-Wüste zu helfen, unterstützte die Organisation zudem den Zusammenschluss von Nomadenfamilien zu sogenannten "Nutzergruppen". Ihre Mitglieder stellen feste Regeln für die Bewirtschaftung der Weiden auf, helfen sich gegenseitig beim Verkauf der Tiere und versuchen, gemeinsam neue Einkommensmöglichkeiten zu erschließen - indem sie etwa Jurten an Touristen vermieten. Seit Anfang 2009 versucht die GTZ zudem, durch den Walderhalt Barrieren gegen das Vordringen der Wüste zu schaffen und den Wald als Einkommensquelle zu erhalten. "Es ist effizienter, bestehende Bäume zu bewahren als ein Wüstengebiet neu aufzuforsten", sagt Schmidt-Corsitto. Die Familiengruppen löschen Waldbrände, vertreiben Holzdiebe und erhalten im Gegenzug das Nutzungsrecht für ein Stück Wald. Mit dem Verkauf von legal geschlagenem Holz bessern sie ihre Einkommen auf.

Doch insgesamt bleibt es erst einmal bei Modellversuchen. Von etwa 80 Nutzergruppen aus dem Jahr 2007 sind nur noch etwa dreißig übrig geblieben. Ein Agrargesetz, das die Größe der Herden regelt, liegt in weiter Ferne. Der Grundkonflikt zwischen nomadischer Lebensweise, Umweltzerstörung und den aktuellen wirtschaftlichen Erfordernissen harrt noch einer Lösung. Derzeit ruhen die Hoffnungen darauf, dass die Hirten an jedem einzelnen Tier wieder mehr verdienen - auch über Exporte. Dann wären sie nicht mehr darauf angewiesen, immer größere Herden über das Grasland zu treiben. Doch bislang ist es nicht gelungen, einen vernünftigen Absatzmarkt zu schaffen. Es fehlt an Hygienekontrollen, Kühlketten und internationalen Anforderungen entsprechenden Schlachthäusern und Fleischfabriken. Die Folge: Fleisch und Milch entsprechen weder asiatischen noch amerikanischen oder europäischen Normen. So bleibt derzeit nur der Straßenverkauf, der jedoch weder nachhaltig ist, noch stabile Erlöse verspricht.

Die Autorin arbeitet als

Südostasienkorrespondentin

für verschiedene Zeitungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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