Inhalt

Knut Teske
Uralte Nomadenkultur

AUSTRALIEN Bis heute wandern Aborigines durch das Outback

Australien, der Wüstenkontinent, zu 75 Prozent aus ariden Gebieten bestehend, zu 40 Prozent aus reiner Wüste - das sind immerhin an die drei Millionen Quadratkilometer - blickt auf die wahrscheinlich längste (und wo sie noch herrscht) ursprünglichste Nomandenkultur unseres Globus zurück.

Sie erstreckte sich über 50 bis 60.000 Jahre in natürlicher Unbekümmertheit, wenn auch in unterschiedlichen Formen, in einem geschlossenene Lebensraum, bis ja, bis wieder einmal der Weiße Mann mit seinem ganzen Selbstverständnis in das Biotop der Ureinwohner eingriff (und es endgültig per Gesetz 1984 beendete - so perfekt, wie man glaubt, natürliche Lebensbedingungen durch Menschenwerk regeln zu können). Die letzten Nomaden gehörten zum Volk der Pintupi.

Die meisten Aborigines "down under" aber fühlen sich heute noch mehr ihrer uralten Unruhe verbunden als der für sie statisch anmutenden modernen Lebensweise, mehr der roten Landschaft des Outbacks als den grauen Betonwände in den für sie eingerichteten städtischen Wohnanlagen.

Kreislauf der Natur

Immer noch trifft man im glühenden Herzen des abgelegenen Kontinents Aborigines scheinbar gedankenverloren durch den heißen Sand wandernd, in Wahrheit auf der Suche nach Wasser, Kleintieren oder Schlangen. Sie legen eine für den arglosen Weißen erschreckende Mimikry an den Tag, wenn sie plötzlich neben ihm auftauchen. In ihnen pocht das Blut der Ahnen, die Jahrtausende entlang der Wasserquellen ihren Lebensweg suchten.

Je trockener ihr angestammtes Gebiet, desto umfangreicher ihre Wanderschaft. So ergaben sich auf natürliche Weise Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Stämmen, die sich zwangsläufig, entsprechend dem Kreislauf der Natur, immer wieder begegneten. Was zu einer gewissen kulturellen Homogenität führte. Anderseits gab es Stämme, die sich nie über den Weg gelaufen sind, nie den Tieren nachstellen mussten, nie, was ihre Behausungen betraf, über Laubhütten hinausgekommen sind. Das waren Stämme wie die Gunditjamara, die am Wasser lebten und in dieser Aquakultur zu findigen Aalzüchtern wurden, oder die seefahrenden Ngaro - Menschen, die keinerlei Verbindung zu den "Landeiern" unter den Nomaden hatten und deren Schnalzlautsprache nicht verstanden.

Größe teilt. Wie viele Stämme den Kulturraum der australischen Wüste nie verlassen haben, weiß man nicht. Man weiß nur, dass sich ihr Königsweg zum Überleben auf die erfolgreiche Suche nach dem Kleinsten stützte: dem nur von ihnen erspürten Wassern, dem Tautropfen, der Destillation verschiedener Flüssigkeiten, dem Ritzen bestimmter Baum- und Pflanzenarten.

Uraltes Wissen, auch darüber, wie man andererseits mit der Sintflut, mit den Sturzbächer eines Monsuns lebt - überlebt.

War es das Wissen von 30.000 Jahren oder 60.000? Oder mehr noch? Wie sind sie damals in ihrer "Traumzeit" herübergekommen, die aus Afrika ausgewanderten Ureinwohner, nachdem der südliche Halbkontinent Gondwana schon vor Millionen von Jahren auseinandergebrochen ist und Australien zur Insel machte? Wer kannte damals Schiffe oder wenigstens Boote, auch nur Flöße? Was trieb sie vorwärts - übers Meer? Der Zwang zur Flucht oder der Mut zu Neuem? Sind die Ahnengeister - die Regenbogenschlange, das große Känguru - Ausdruck von Angst oder genialischer Phantasie? Oder die "Songlines"? Einerseits spiegeln sie die reine Mystik wider; andererseits auf wundersame Weise die erste Straßenkarte.

Die ledergegerbten Nomaden: Sie dürfen heute in Häusern leben und Land besitzen. Sie studieren, und im Jahr 2000 wurde Cathy Freeman Olympiasiegerin über 400 Meter. Die Stadionrunde als "Traumpfad" der Moderne?

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag