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Jérôme Cholet
Die schleichende Katastrophe

UMWELT Wo die Wüste ankommt, stirbt fruchtbares Land - und Millionen Familien droht die Vertreibung

Über China, Australien, Niger oder Turkmenistan verdunkeln Sandstürme regelmäßig den Himmel. Die Menschen leiden unter Smog und müssen Atemmasken tragen. Krankheiten breiten sich aus. Und mehr noch: Die Stürme tragen in ihren Ursprungsregionen fruchtbaren Boden ab und transportieren ihn über viele Kilometer hinweg - manchmal sogar über Ozeane - an Orte, an denen er nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden kann. "Dabei ist fruchtbare Erde ein endliches Gut", sagt Luc Gnacadja, Exekutivsekretär der UN-Konvention zum Kampf gegen die Desertifikation (UNCCD).

Die Anzahl und Intensität von Sandstürmen hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Sie sind nur ein offensichtliches Symptom eines gewaltigen, unterschätzten Problems: der zunehmenden Desertifikation der Welt. "Mehr als ein Drittel der Erde sind Trockengebiete, 70 Prozent davon Verwüstungsprozessen ausgesetzt", erläutert Susanne Neubert vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik die Dimension. "Insgesamt sind 110 Länder betroffen."

Durch Überweidung, falsche Nutzung oder Abholzung werden aus fruchtbaren Böden tote Wüsten. Wo der Mensch die letzten Bäume fällt, Büsche als Brennholz verfeuert, sein Vieh die letzten Pflanzen abgrasen lässt und die natürliche Vegetation sich kaum mehr regenerieren kann, stirbt das Land. Die Folge: verkrustete Erde in Afrika, vernarbte Hänge in Zentralasien, versandete Plateaus in Lateinamerika. Am Ende kommen die Sandstürme und tragen die letzten fruchtbaren Schichten Erde davon.

Waren in den 1990er Jahren nur etwa 15 Prozent der Trockengebiete unseres Planeten geschädigt, so waren es im Jahr 2005 bereits 25 Prozent. Jedes Jahr verliert der Planet etwa 12 Millionen weitere Hektar fruchtbaren Bodens, das entspricht etwa der der gesamten Ackerfläche Deutschlands. Damit geht auch die ökologische Grundlage für die Produktion von rund 20 Millionen Tonnen Getreide verloren. Und der Verlust der Böden beschleunigt sich jedes Jahr um etwa ein Prozent.

Betroffen sind vor allem die Schwächsten der Schwachen. "Von den zwei Milliarden Menschen, die in Trockengebieten leben, lebt die Hälfte in extremer Armut", sagt UNCCD-Chef Gnacadja. "Vor allem Subsistenzfarmer und nomadisch lebende Viehzüchter sind dadurch stark verwundbar."

Aber auch die Industrieländer in Europa und Nordamerika bekommen den schärferen Wettbewerb um das knappe Gut fruchtbarer Boden zu spüren - die Nahrungsmittelpreise steigen, die Angebotsvielfalt nimmt ab. Gudrun Kopp (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, mahnt: "Wir können es uns in einer globalisierten Welt nicht mehr leisten, die Nahrungsgrundlage der Menschen durch Verlust produktiven Landes zusätzlich zu gefährden."

Rekorddürre in Afrika

Nahrungsmittelknappheit, Hunger und Dürre - das war schon in den 1970er Jahren der Anlass, das Thema Desertifikation auf die globale Agenda zu setzen. Zwischen 1968 und 1974 kam es in der afrikanischen Sahelzone zu einer schweren Katastrophe: Mehr als 50 Millionen Menschen litten unter massiver Hitze und absoluter Trockenheit, Hunderttausende starben, Zehntausende wurden zu Flüchtlingen. Mehr als eine Million Menschen mussten mit Nahrungsmitteln aus dem Ausland versorgt werden. Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen auf ausgelaugten, verkrusteten Böden, die Sand aßen, gingen um die Welt.

Die Vereinten Nationen gründeten daraufhin das Sudan-Sahel-Büro und wandten sich den Ursachen des Problems zu. Sie erkannten: Die Region war durch Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, nicht nachhaltiges Landmanagement, falsche Bewässerungstechniken und den einsetzenden Klimawandel aus dem Gleichgewicht geraten. "Der Verlust von Böden, Entwaldung, Artensterben, Klimawandel und die Verknappung von Wasserressoucen verursachen zusammen Verwüstung", sagt auch Susanne Neubert vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Sie betont aber auch, dass diese Faktoren nicht nur Ursache, sondern gleichermaßen Folge der Desertifikation seien. Schließlich sind Böden die größten Speicherorte im weltweiten Kohlenstoffkreislauf: Sie enthalten doppelt so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre. Eine Abnahme der Bodenqualität führt zu geringerem Pflanzenwachstum; der im Boden gespeicherte Kohlenstoff nimmt ab. Die Folge sind mehr CO2-Emmissionen in die Luft. Darunter leidet auch die Biodiversität: In den ersten 25 Zentimetern unter der Erde leben mehr Organismen als in den Kilometern darüber. Zwar sehen Mikroben, Pilze und Bakterien nicht so spektakulär aus wie Tiger oder Orang-Utans - ihre Bedeutung für den Menschen, die Umwelt und das Klima ist jedoch erheblich größer. "Der Verlust der biologischen Vielfalt ist eine der größten globalen umweltpolitischen Herausforderungen unserer Zeit", urteilt auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Insofern ist Desertifikationsbekämpfung immer auch Klima- und Umweltschutz.

Auf eine genaue Definition von Desertifikation als eine von Menschen verursachte Verschlechterung der Böden einigten sich die Vereinten Nationen erst 1992 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung. Von da an erkannte die Staatengemeinschaft die globale Dimension des Problems an. Es wurde als ökologische Herausforderung in eine Reihe mit dem Klimawandel und der Bedrohung der biologischen Vielfalt gestellt, zudem beschlossen die UN-Mitglieder das Übereinkommen zur Bekämpfung der Desertifikation (UNCCD). Es trat vier Jahre später in Kraft und wurde 1999 durch die Einrichtung eines Sekretariates in Bonn flankiert.

Inzwischen wird Desertifikation auf allen Kontinenten beobachtet. Mehr als 250 Millionen Menschen sind direkt betroffen. Der Aralsee, einst das größte Binnengewässer der Welt, verlor 90 Prozent seiner Wassermenge und hinterließ eine von Düngemitteln und Pestiziden verschmutzte, giftige Wüste. In der Mongolei waren im Jahr 2007 von mehr als 5.000 Flüssen und Bächen 852 ausgetrocknet und mehr als 1.000 von fast 4.000 Seen und Teichen verschwunden. Etwa 30 Prozent des chinesischen Territoriums sind bereits Wüste oder kurz davor, zu Wüste zu vertrocknen. Die natürliche Vegetation des brasilianischen Nordostens wurde zu 80 Prozent abgeholzt oder verbrannt und der Inselstaat Haiti ist auch deshalb so verwundbar für Wirbelstürme, weil nicht einmal mehr drei Prozent des Landes bewaldet sind. Auch in Spanien, Griechenland und auf Zypern nimmt die Zahl ausgelaugter Böden zu - Wasser wird zur Mangelware, Wetterextreme häufen sich.

Desertifikation zerstört Lebensräume, untergräbt Nahrungsmittelsicherheit, führt zu Hunger und Krankheiten, Flucht und kriegerischen Auseinandersetzungen. In den Trockengebieten der Welt sind deshalb schon mindestens zehn Millionen Menschen zu Umweltflüchtlingen geworden, 135 Millionen Menschen drohen durch Wüstenbildung zu Flüchtlingen zu werden. Und die Bevölkerung in den kargen Gebieten nimmt durch hohe Geburtenraten weiter zu. Experten gehen davon aus, dass sich der Migrationsfluss in der Sahelzone von der Wüste in die Küstenstädte in den kommenden Jahrzehnten verdreifachen wird. Mehr als 272 Millionen Menschen wären betroffen - auch Europa würde über das Mittelmeer mit diesen wachsenden Flüchtlingsströmen konfrontiert.

Und so verursacht Desertifikation viele Katastrophen. Sie bedroht unser gesamtes Ökosystem - und doch ist die öffentliche Aufmerksamkeit für das Problem erstaunlich gering. "Dem Thema fehlen die spektakulären Bilder, die sensationellen Katastrophen", sucht UNCCD-Chef Luc Gnacadja nach einer Erklärung. Und er warnt zugleich: "Die Ausbreitung der Wüsten ist ein schleichender, leiser Prozess - etwa mit Hautkrebs vergleichbar - und bedroht unser Leben."

Der Autor arbeitet als freier Journalist mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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