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Johanna Metz
Keine Fata Morgana

VON JOHANNA METZ

Angeblich hat Gott die Wüste erschaffen, um wenigstens an einem Ort ungestört wandeln zu können. Wer jedoch einmal in der Wüste war, spürt durchaus etwas von diesem göttlichen Schöpfungsgedanken. Sand und Weite, wohin das Auge blickt, umgeben von dieser unglaublichen Stille, nur das sanfte Pfeifen des Windes im Ohr - eine andere Welt. Wüsten faszinieren die Menschen seit jeher, sie verheißen Abenteuer, Rückzug, Abgeschiedenheit. Im Zeitalter der grenzenlosen Mobilität sind sie unzeitgemäß - wer sich in einer Wüste bewegen und in ihr überleben will, muss Extreme aushalten, sich reduzieren und in einem Meer aus Sand ständig neu nach Orientierung suchen. Nomadenvölker, die seit Jahrhunderten in diesen unwirtlichen Regionen leben, können das. Sie wissen, wo sie Wasser finden, wie sie sich vor siedender Hitze am Tage und eisiger Kälte in der Nacht schützen können.

Die Menschen außerhalb von Sahara, Atacama und Co wissen es nicht. Und warum sollten sie auch? Da ist die Wüste, hier ist ihr fruchtbares Land - klare Verhältnisse. Doch so einfach ist es leider nicht. Die Wüsten breiten sich aus, sie rücken immer weiter vor auf grüne Erde. Eine Fläche, dreimal so groß wie Europa, ist davon schon betroffen. Die Folgen sind Wassermangel, Bodenverlust, extreme Dürren, Armut.

Aus diesem Grund soll es in dieser Ausgabe nicht allein um das Leben in den Wüsten und ihre Potenziale im Hinblick auf Rohstoffe und Energiegewinnung gehen, sondern vor allem um die Nöte, die ihre Ausbreitung, die sogenannte Desertifikation, mit sich bringt. Sie ist ganz und gar keine Fata Morgana, sondern traurige Realität. Das stellt auch die Vorsitzende des Bundestags-Entwicklungsausschusses, Dagmar Wöhrl (CSU), im Interview auf Seite 2 klar: "Die massive Ausbreitung der Wüsten weltweit ist eines der größten Umweltprobleme, die wir derzeit haben."

Und so berichtet diese Zeitung über betroffene Regionen und ihren Kampf gegen die nahende Wüste. Marcus Bensmann etwa beschreibt auf Seite 3, wie der Boden in Zentralasien durch Überweidung und Abholzung inzwischen völlig zerstört ist - und wie die deutsche GTZ vor Ort hilft. Aber nicht nur dort: Allein im Jahr 2005 haben deutsche staatliche und nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen 679 Projekte und Programme mit einem Volumen von 1,83 Millarden Euro gefördert (Seite 8).

Besonders die Entwicklungsländer leiden unter der Bedrohung: Wie unsere Berichte zeigen, führt die Desertifikation hier nicht nur zur Flucht vieler Menschen, sondern auch zu Konflikten um die Verteilung des knappen Wassers (Seite 10). Doch es gibt Hoffnung: In China entsteht eine "Grüne Mauer" aus Bäumen, die die Wüste aufhalten sollen. Deutsche Firmen entwickeln Granulate, mit denen Böden wieder fruchtbar gemacht werden (Seite 11). Und in Libyen wird gerade das größte Trinkwasserleitungsnetz der Welt gebaut (Seite 7). Wahrer Fortschritt oder Tropfen auf den heißen Stein, das ganze Bemühen?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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