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Rolf Clement
Stark im Aufbau

TRUPPENSTRUKTUR Bei manchen Fähigkeiten hat die Bundeswehr die Nase vorne. Doch sie stößt an ihre Grenzen.

Als die USA und einige Koalitionspartner 2003 Krieg gegen den Irak führten, befürchteten viele, dass Bagdad mit biologischen oder chemischen Waffen gegen die Stationierungsorte der Koalitionstruppen vorgehen könnte. Schon in den Wochen vor Kriegsausbruch hatte die Bundeswehr ABC-Abwehrtruppen in Kuwait stationiert, um etwaige Verseuchungen im Falle eines Angriffs zu beseitigen. Die ABC-Abwehrtruppe wurde bei Kriegsausbruch verstärkt, obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) jede Beteiligung an dem Krieg abgelehnt hatte. Die deutsche ABC-Abwehrtruppe galt als die effektivste der Welt. Deshalb hatten die USA die Deutschen gebeten, ihre Truppen für diese Aufgabe bereitzustellen.

Bei den späteren Truppenpräsentationen der Nato gab die Bundeswehr das Feld der ABC-Abwehr aber ab. Die tschechische Armee hat auf diesem Gebiet Fähigkeiten entwickelt und diese aktiv in der Nato vorgestellt. Heute fällt vielen im Bündnis bei Thema ABC erst einmal Tschechien ein. Da dessen Armee aber im Vergleich zur Bundes- wehr recht klein ist, bezweifeln Experten, dass die Tschechen diese Fähigkeit im Krisenfall lange genug anbieten können. So steht die deutsche ABC-Abwehrtruppe immer noch weit oben auf der Liste der Nato.

Mobile Sanitätszentren

Ähnlich verhält es sich bei der Sanitätstruppe. Für jeden Einsatz haben die Sanitäter eine Schlüsselrolle. Jeder Soldat achtet darauf, wie er versorgt werden kann, wenn er in einem Einsatz verletzt wird. Dies ist ein wesentliches Element für seine Motivation und damit letztlich für seine Einsatzfähigkeit. Deutschland geht mit dem Anspruch in Einsätze, dass die Sanitätsversorgung dabei dem Niveau eines Kreiskrankenhauses entspricht. Daran orientiert sich die Ausstattung der mobilen Sanitätszentren, die die Bundeswehr mit in die Einsätze schickt. Um diese medizinische Versorgung gab es bereits in den 1990er Jahren politische Diskussionen. Der damalige Koordinator für UN-Einsätze, der deutsche General Manfred Eisele, wies darauf hin, dass die deutsche Sanitätsversorgung sehr gut sei, aber auch so teuer, dass die UNO sich diese nicht leisten könnte. Eisele erntete damals heftige Kritik von Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU), der dann einer Verlängerung der Dienstzeit Eiseles bei der UNO nicht zustimmte.

Soldaten beim Schulbau

Die Bundeswehr hat sich mit diesen und einigen weiteren Fähigkeiten einen sehr guten Ruf in der internationalen Gemeinschaft erworben. Die deutschen Minenräumer sind seit fast zwei Jahrzehnten immer wieder angefordert worden, weil sie trotz einiger Mängel herausragende Leistungen erbringen. Bei den konventionellen U-Booten ist vor allem die Industrie aus Deutschland führend, aber auch die U-Boot-Flotte gilt als sehr effektiv, wenn es etwa um die Blockade von Häfen geht. Die Luftwaffe verfügt mit den Recce-Tornados über Systeme, die bei der Aufklärung von Bodenzielen - etwa Luftabwehrstellungen - so wirksam sind, dass selbst die US-Streitkräfte sie seinerzeit für den Kosovo-Krieg angefordert hatten: Immer wieder flogen die Tornados an der Spitze der Flugzeuge, die im jugoslawischen Luftraum von der Flugabwehr erfasst werden konnten.

Den deutlichsten Vorsprung hat die Bundeswehr aber im zivilmilitärischen Bereich. Bei dem Stabilisierungseinsatz nach dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina hatten die damals Verantwortlichen schnell erkannt, dass für den Wiederaufbau eines Landes nicht nur die Gewährleistung der Sicherheit entscheidend ist, sondern auch der Aufbau von Verwaltungsstrukturen. Später im Kosovo wurde der Einsatz noch breiter angelegt, da wurden auch Schulen und andere Einrichtungen des Staates von den Soldaten mit aufgebaut. Dort betrieb die Bundeswehr zeitweise auch ein Gefängnis.

Schneller als andere Armeen stellte sich die Bundeswehr auf diese Herausforderung ein. In Afghanistan wurde dieses Konzept weiterentwickelt: Nun sind in den Wiederaufbauteams, etwa in Kundus, auch Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Entwicklungshilfeministeriums und der Bundespolizei.

Dieser breite Ansatz findet in der Bundeswehr seine Begründung in der Wertbindung des Einsatzes, die durch die Innere Führung vermittelt wird. Zum Prinzip der Inneren Führung gehört, dass die Soldaten politisch gebildet werden, so dass sie das Umfeld des Einsatzes, aber auch die kulturellen Gegebenheiten im Einsatzland kennen lernen. Dabei werden sie über Traditionen, Gewohnheiten und Sitten unterrichtet, so dass sie mit viel Einfühlungsvermögen auf die jeweilige Situation eingehen können. Dies hatte die Bundeswehr schon in Somalia bei ihrem zweiten Auslandseinsatz verinnerlicht. Dort bereits brachte ein junger Oberstleutnant zwölf Regionalfürsten, die ihre Region mit großer Eigenständigkeit verwalteten und sich nicht hineinreden lassen wollten, mit einem großen ortsüblichen Palaver dazu, zu einem von Minister Rühe angesetzten Termin zur Übergabe medizinischen Geräts für ein von der Bundeswehr betriebenes Krankenhaus zu kommen. Er dankte ausführlich für die Gastfreundschaft in der Region, in der die Bundeswehr im Rahmen eines UN-Auftrags zur Beruhigung der Bürgerkriegsparteien eingesetzt wurde, und bat um den Besuch der zwölf bei "seinem" Häuptling, der aus dem fernen Deutschland gekommen sei, um diesen Dank persönlich zu überbringen. Der junge Oberstleutnant Volker Halbauer ist heute General.

Die Bundeswehr ist also besonders stark, wenn die Aufgabe des Wiederaufbaus, des Friedenserhaltens gestellt ist. Dafür ist sie als Armee, die im Kalten Krieg auf reine Verteidigungsaufgaben ausgerichtet war, besser geeignet als für offensive Operationen, solche des Friedensschaffens. Hinzu kommt das politische Rüstzeug, das in einer Armee, die - nicht zuletzt durch die Wehrpflicht -einen Querschnitt der Gesellschaft in ihren Reihen abbildet, leichter vermittel- und umsetzbar ist als in einer Berufsarmee.

Mittlerweile ist die Bundeswehr aber an die Grenzen ihrer Fähigkeiten gestoßen. Vor allem der Einsatz in Afghanistan hat Mängel offenbart, die Handlungsbedarf hervorrufen. Die klimatischen Bedingungen in den Einsatzregionen, auch beim Anti-Piraten-Einsatz der Marine vor Somalia, beanspruchen Mensch und Gerät in besonderer Weise. So sind beispielsweise die Geräte in Afghanistan durch die dortigen Sandstürme intensivem Verschleiß ausgesetzt. Die betrifft besonders die Hubschrauber, sowieso ein Mangelgerät bei der Bundeswehr. Es werden Drohnen eingesetzt, die bei den dort manchmal herrschenden Temperaturen nicht die gewünschten Ergebnisse bringen. Die Meerestemperaturen vor Somalia sind auch für die dort eingesetzten Marineschiffe ein Problem. Dies sind nur einige Beispiele für konkrete Mängel, die die Bundeswehr hat, wenn sie sich weltweit auf den Weg macht, den ihr Politiker auftragen.

Schwächen bei Infantrie

Aber es gibt auch strukturelle Probleme, die die gegenwärtig beratende Strukturkommission im Verteidigungsministerium bewegt. Dazu gehört etwa eine große Schwäche bei der Infantrie. Die Bundeswehr hat in den letzten Jahren großen Wert auf Spezialisten gelegt, Fernmelder, Aufklärer, Pioniere und manches andere. Der "einfache" Infantrist, der in Afghanistan gebraucht wird, um Checkpoints zu unterhalten oder Gebiete von Aufständischen dauerhaft zu befreien, ist in der Bundeswehr zu wenig vertreten. Die Kommission sollte auch die Gewichtung der Teilstreitkräfte überprüfen. Sollte nicht ein Land mit weltweiten Interessen, vor allem bei der Sicherheit der Transportwege, ein größeres Gewicht auf die Marine legen, als dies die gegenwärtige Struktur abbildet? Das Verhältnis der Teilstreitkräfte zueinander ist seit dem Kalten Krieg wenig verändert worden. Damals war die Marine im Wesentlichen für die Sicherung der Nord- und Ostsee zuständig, ein überschaubarer Auftrag. Umgekehrt: Plant die Bundeswehr für die heutigen Szenarien nicht mit zu vielen Kampfflugzeugen? Auch sind die noch recht umfangreichen Panzerverbände wohl zu groß.

Planen mit Unbekanntem

Für die Planer gibt es viele Unbekannte in ihrer Rechnung. Welche Szenarien werden sich entwickeln? Sind künftige Missionen eher solche wie im Kosovo oder eher welche vom Typ Afghanistan? Wie stark muss die Bundeswehr noch für die traditionelle Landes- und Bündnisverteidigung ausgerüstet sein? Schließlich ist Deutschland zum Beistand verpflichtet, wenn ein anderes Nato-Land an der Peripherie des Bündnisgebietes, also beispielsweise die Türkei oder die baltischen Staaten, in Auseinandersetzungen verwickelt werden sollte.

Hier muss ein ausgewogenes Verhältnis erreicht werden. Und bei diesen Reformen dürfen die Stärken, die die Bundeswehr hat und für die sie in der Allianz hoch angesehen ist, nicht abgebaut werden. Es gibt also Diskussionsstoff, der über rein fiskalische Erwägungen hinausgeht.

Der Autor ist Mitglied der Chefredaktion

des Deutschlandfunks und Korrespondent

für Sicherheitspolitik. Zudem sitzt er im

Beirat für Fragen der Inneren Führung

beim Bundesminister der Verteidigung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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