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Thomas Wiegold
Von Geltow in die weite Welt

LOGISTIK Das Einsatzführungskommando ist das Nervenzentrum der Auslandsmissionen - und sorgt selbst für Toilettenpapier

Das ist keine normale Kaserne, draußen im Wald hinter Potsdam. An Stelle der zivilen Wachmänner, die inzwischen vor den meisten Bundeswehreinrichtungen zu finden sind, steht vor dem Tor ein Soldat im Kampfanzug, den Gefechtshelm festgeschnallt. Wenige Meter dahinter behält im mit Sandsäcken verbarrikadierten Wachhäuschen sein Kamerad mit angelegtem G36-Sturmgewehr die Einfahrt fest im Blick: Die Henning-von-Tresckow-Kaserne in Geltow, eine knappe Autostunde von Berlin entfernt, beherbergt das Einsatzführungskommando der Bundeswehr - das Nervenzentrum der deutschen Streitkräfte für ihre Auslandsmissionen.

Von Geltow aus steuern Generalleutnant Rainer Glatz, rund 400 Soldaten sowie 50 Beamte und zivile Mitarbeiter die weltweiten Einsätze der Bundeswehr, vom Isaf-Engagement am Hindukusch bis zur abschmelzenden Balkan-Mission im Kosovo, vom Kampf gegen die Piraterie vor der somalischen Küste bis zur unbewaffneten Beobachtermission im Süd-Sudan.

Wenn das Kommando Spezialkräfte (KSK) in seine geheimen Einsätze zieht, verfolgen die dem Einsatzführungskommando angegliederten Experten des Kommandos Führung der Operationen von Spezialkräften (FOSK) jeden Teil seines Auftrags. Und auch die Offiziere der Krisenunterstützungsteams, die deutsche Botschaften in schwierigen Regionen beraten und für den Notfall Pläne zur Evakuierung deutscher Staatsbürger vorbereiten, unterstehen der "höheren Kommandobehörde" im märkischen Kiefernwald.

Junge Geschichte

Das Einsatzführungskommando ist, gemessen an der mehr als 50 Jahre dauernden Geschichte der Bundeswehr, eine relativ junge Einrichtung. Während des Kalten Krieges hatte die Bundesrepublik Deutschland keinen Bedarf an einer eigenen Organisation für ihre Einsätze - im Verteidigungsfall hätte die kollektive Verteidigung des Bündnisses gegriffen, die Kommandozentralen der Allianz hätten die Befehlsgewalt bekommen, und die deutschen Truppen wären "sofort der Nato unterstellt worden", sagt Befehlshaber Glatz.

Der Gedanke, dass deutsche Soldaten zu weltweiten Missionen tausende Kilometer von Deutschland entfernt ausrücken könnten, war in Zeiten der Konfrontation von Nato und Warschauer Pakt schlicht abwegig - die Organisation dafür wurde gar nicht erst geschaffen.

Erst Anfang der 1990er Jahre, beginnend mit dem Einsatz von Bundeswehr-Sanitätern in Kambodscha, der ersten bewaffneten Auslandsmission in Somalia 1993 und vor allem mit den Balkan-Einsätzen brauchte die Truppe eine eigene nationale Kommandostruktur. Zunächst führten vor allem das Heer die Einsätze von Koblenz, später auch die Marine ihre Schiffe in internationalen Organisationen von Glücksburg aus.

Im Jahr 2001 schließlich wurde das Einsatzführungskommando installiert, um über die Teilstreitkräfte Heer, Marine und Luftwaffe hinweg eine gemeinsame Führungsorganisation zu schaffen. Auch die - zivile - Wehrverwaltung musste sich auf weltweite Anforderungen einstellen. Sowohl die politische Führung, das Verteidigungsministerium, als auch die Verbündeten sollten einen dauerhaften Ansprechpartner bei der Bundeswehr haben.

Der Start 2001 gestaltete sich allerdings etwas hektisch, wie sich der erste Befehlshaber Friedrich Riechmann im Gespräch mit "Das Parlament" erinnert. Das neue Kommando zog in eine Kaserne ein, die zuletzt dem IV. Korps der Bundeswehr als Quartier gedient hatte - und in den Jahrzehnten zuvor der Wehrmacht als Luftwaffenschule, der Nationalen Volksarmee der DDR erst als Luftverteidigungsschule und dann als Kommando der Landstreitkräfte, ehe 1990 hier die Bundeswehr die Vereinigung der beiden deutschen Armeen im Heereskommando Ost organisierte.

"Die Kommunikationsausstattung war archaisch", erinnert sich Riechmann an den Beginn im Juli 2001. "Das war Kalter Krieg, und auch noch schlecht." Viel Zeit, sich darüber aufzuregen, hatte der inzwischen pensionierte Generalleutnant allerdings nicht: Die vorgesehenen neun Monate, das neue Kommando aus dem Boden zu stampfen, wurden durch die Ereignisse des 11. Septembers 2001 jäh unterbrochen. Wenige Wochen später steuerte Riechmann mit seinem noch jungen Kommando die deutsche Beteiligung an der US-Operation "Enduring Freedom" mit Tausenden von Bundeswehrsoldaten, mehreren Fregatten, Schnellbooten und Flugzeugen.

Erheblicher Lernprozess

Das war für die Bundeswehr ein Kulturschock. Die Marineeinheiten "wurden mit Auslaufen aus dem Suezkanal einem Heeresoffizier unterstellt", muss der frühere Fallschirmjägergeneral Riechmann noch heute grinsen. "Das bedurfte natürlich eines erheblichen Lernprozesses." Obwohl sich der Zusammenprall der traditionell rivalisierenden Teilstreitkräfte bald erledigt hatte: "Das Einsatzführungskommando gibt ja keine Befehle wie in der Skagerrak-Schlacht und weist die Schiffe an, links rum zu fahren", sagt Riechmann. "Das macht der internationale Befehlshaber. Ich habe nur geprüft, ob sie im Mandatsgebiet bleiben."

Der jeweilige internationale Befehlshaber, sei es der Isaf-Kommandeur in Afghanistan oder der jeweilige EU-Kommandeur im Anti-Piraten-Einsatz am Horn von Afrika, gibt auch weiterhin die Order für die Operationen deutscher Soldaten in ihren Einsätzen. Für die Bundeswehr ist erklärter politischer Wille, nur gemeinsam mit Freunden und Alliierten in Missionen zu ziehen - ob in der Uno, der Nato oder der Europäischen Union. Selbst wenn jetzt ein deutscher Zwei-Sterne-General in Masar-i-Sharif das Kommando über die Operationen im Norden Afghanistans hat: Seine Operationsbefehle kommen aus dem - amerikanisch geführten - Hauptquartier in Kabul.

Doch für die Deutschen, sagt der heutige Befehlshaber Glatz, bleibe immer noch genug zu tun. Allein schon deswegen, weil die Bundeswehr in diesen multinationalen Einsätzen - wie alle Verbündeten - zum Teil eigene Regeln hat: Deutsche Gesetze und vor allem das Mandat, mit dem der Deutsche Bundestag die Truppe ins Ausland geschickt hat, schreiben den Soldaten Grenzen vor.

Deutlich wurde das in jüngster Zeit an der Diskussion, ob bekannte Anführer von Aufständischen in Afghanistan gezielt getötet werden dürfen - auch außerhalb laufender Kampfhandlungen. Für andere Verbündete wie die USA ist das keine Frage, und auch nach Ansicht der Bundesregierung wäre das nach dem Völkerrecht zulässig. Dennoch ist das der Bundeswehr verboten. Glatz und seine Offiziere achten darauf, dass solche Bestimmungen schon in der Planung einer Operation befolgt werden: "Gäbe es eine Abweichung, wären wir diejenigen, die gegenüber dem Generalinspekteur quasi die ,rote Karte' ziehen müssten. Dieser müsste dann die nationale Postion in die militärischen Gremien der NATO einbringen."

Um das Geschehen in den Einsatzländern im Blick zu behalten, ist die Operationszentrale, der Kern des Einsatzführungskommandos, rund um die Uhr besetzt. Rund 120 Soldaten sind nötig, um in dem großen, fensterlosen Raum mit seinen Computerarbeitsplätzen und den Riesen-Bildschirmen an der Stirnwand an 365 Tagen im Jahr jederzeit den Überblick zu behalten - Wochenenden oder Feiertage spielen keine Rolle. Zum Beispiel am ersten Weihnachtstag 2008: Da stellten Soldaten der deutschen Fregatte "Karlsruhe" Piraten vor Somalia - und mussten sie wieder laufen lassen. Die damaligen Regeln, so entschied der diensthabende Offizier im Einsatzführungskommando, reichten nicht aus, die Seeräuber in Gewahrsam zu nehmen. Die Bestimmungen wurden wenig später geändert.

Traurige Pflicht

Die Soldaten in der Operationszentrale erfahren als erste, wenn etwas schief geht. Und sie haben auch die traurige Pflicht, die Nachricht von gefallenen deutschen Soldaten weiterzugeben - und den Rücktransport in die Heimat zu organisieren.

Ein Großteil der Arbeit des Kommandos ist weniger heikel, aber nicht weniger wichtig. Gemäß dem Bonmot "Amateure sorgen sich um die Strategie, Profis kümmern sich um die Logistik" organisieren die Spezialisten den Nachschub, buchen Frachtraum und schicken Container auf die Reise. An den schlichten Zahlen lässt sich ablesen, wo der Schwerpunkt des militärischen Engagements liegt: Im ersten Halbjahr 2009 planten die Logistiker des Einsatzführungskommandos den Transport zu Lande, zur See und in der Luft von 20.505 Tonnen nach Afghanistan - in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es dann schon 75.885 Tonnen. Mit allem, was die Truppe braucht. Munition zum Beispiel. Aber auch: Toilettenpapier.

Der Autor schreibt als freier Journalist über sicherheitspolitische Themen und die Bundeswehr. Er betreibt den Internet-Blog "www. augengeradeaus.net".

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