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Hellmut KÖNIGSHAUS Für den Wehrbeauftragten hat die Sicherheit und Gesundheit der Soldaten Priorität. Und er weiß, wo in der Truppe der Schuh drückt
Interview
»Wir haben zu wenige Ärzte«

Wäre der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus die gute Fee aus dem Märchen, welche drei Wünsche würde er dann den deutschen Soldaten in Afghanistan sofort erfüllen?

Der erste Wunsch wäre, dass sie ihren Dienst in einem sicheren Umfeld erfüllen können und gesund nach Hause zurückkommen. Das wäre der wichtigste Wunsch. Der zweite Wunsch: dass die Soldatinnen und Soldaten auch weiterhin für vier Monate und nicht länger in den Einsatz geschickt werden, weil die Trennung von der Familie ein großes persönliches Opfer darstellt. Und der dritte Wunsch, der hängt eng mit dem zweiten zusammen, wäre eine Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten für die Soldaten mit ihren Angehörigen, insbesondere die Kommunikation im Feldlager in Kundus. Dort ist es wegen der Zeitverschiebung sehr schwierig, mit der Familie zu telefonieren, weil das afghanische Telefonnetz am Abend, wenn in Deutschland Mittagszeit ist, abgeschaltet wird. Die Kommunikation mit der Heimat gehört zu den ganz zentralen Anliegen der Soldatinnen und Soldaten.

Gehört eine bessere militärische Ausrüstung für das deutsche Isaf-Kontingent nicht zu den drei wichtigsten Wünschen?

Doch. Ich habe ja das sichere Umfeld für die Soldatinnen und Soldaten und ihre gesunde Heimkehr als den wichtigsten Wunsch genannt. Und zum sicheren Umfeld gehört natürlich eine gute, angemessene Ausrüstung für die Truppe.

Der deutsche Sprecher der Isaf, Brigadegeneral Josef Blotz, hat Ihre Aussage, es sein ein "Drama" mit der Ausrüstung in Afghanistan, als "völlig unangemessen" zurückgewiesen. Was stimmt denn nun?

Herr Blotz hat seine Privatmeinung geäußert. Anders als dies dargestellt wurde, handelte es sich nicht um eine offizielle Darstellung der Isaf. Das wäre auch erstaunlich, denn es gehört nicht zur Aufgabe der Isaf-Führung, die Arbeit des deutschen Wehrbeauftragten zu kommentieren.

Was ist denn der Maßstab, nach dem Sie die Ausrüstung und die Ausbildung der Truppe beurteilen?

Mein Maßstab ist die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten. Sie haben die gleichen Grundrechte wie jeder Bürger im Inland. Und deshalb können sie erwarten, dass sie entsprechend ausgebildet und ausgerüstet werden, wenn sie in einen Auslandseinsatz geschickt werden. Und es gehört zu meinen Aufgaben, auf Mängel hinzuweisen, wenn sie unsere Soldaten gefährden könnten. Diese Mängel werden von Soldaten in ihren Eingaben an mich klar benannt - von Soldaten aus den Einsatzgebieten, von Soldaten, die aus dem Einsatz zurückgekehrt sind, und von Soldaten, die auf einen Einsatz vorbereitet werden. Außerdem habe ich das Recht, entsprechende Unterlagen beim Verteidigungsministerium anzufordern und einzusehen.

Bei meinen Truppenbesuchen kann ich mir zudem ein sehr gutes Bild von der Situation vor Ort machen. Wenn ich durch das Feldlager in Kundus laufe, das immer wieder mit Raketen beschossen wird, und acht Jahre nach Einsatzbeginn auf Soldaten treffe, die immer noch in Zelten leben müssen, dann habe ich eine sehr gute Vorstellung davon, was zu tun ist.

Beklagt sich ein Obergefreiter über andere Probleme als ein Stabsoffizier? Oder gehen die Eingaben der Soldaten im Einsatz in ähnliche Richtungen?

Nun, ein Obergefreiter ist an Dienst- und Lebensjahren meist deutlich jünger als ein Stabsoffizier. Und der Obergefreite schildert seine Probleme mitunter weniger geschliffen und dafür drastischer in der Aussage als ein erfahrener Stabsoffizier. Die Eingaben benennen jedoch sehr oft ähnliche Probleme. Stabsoffiziere sind aber beispielsweise meist deutlich länger als vier Monate im Einsatz.

Die Sicherheit der Soldaten wird immer ins Feld geführt, wenn ihre Ausrüstung und Bewaffnung thematisiert wird. Erzeugt dies nicht die gefährliche Illusion, es gebe eine hundertprozentigen Sicherheit, wenn die Truppe nur entsprechend ausgerüstet ist?

Diesen Eindruck erweckt doch niemand. Aber weil es keinen hundertprozentigen Schutz gibt, dürfen wir uns doch nicht mit weniger zufrieden geben, als möglich wäre. Das unterscheidet die Bundeswehr übrigens von früheren deutschen Armeen. Auch das gehört zur Inneren Führung. Jeder Soldat der Bundeswehr hat den berechtigten Anspruch darauf, dass seine Interessen berücksichtigt werden.

Nun soll das deutsche Isaf-Kontingent aufgestockt werden und auch mit mehr schweren Waffensystemen, etwa zusätzlichen Panzerhaubitzen...

...wichtig ist vor allem, dass diese Panzerhaubitzen auch für das dortige Klima nachgerüstet werden...

Zudem soll beispielweise die Zahl der Schützenpanzer Marder erhöht werden, ebenso die Zahl der Waffenstationen für den Radpanzer Dingo. Das klingt nach einer massiven Aufrüstung. Bereitet sich die Bundeswehr auf eine weitere Eskalation des Konfliktes vor?

Sie bereitet sich darauf vor, den vor uns liegenden Herausforderungen in Afghanistan gerecht zu werden. Das hat nichts mit Eskalation zu tun. In der Vergangenheit wurden die Soldaten zu oft mit einfachen ungeschützten Transportfahrzeugen auf Patrouille geschickt. Jetzt werden geschützte Fahrzeuge eingesetzt mit den entsprechenden Waffenstationen. Der Verteidigungsminister hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Lage in Afghanistan umgangssprachlich einem Krieg entspricht. Dann muss man dem deutschen Kontingent eben auch die entsprechende Ausrüstung zur Verfügung stellen.

Zu den von Ihnen angesprochenen Herausforderungen gehört auch, dass die Bundeswehr verstärkt in den Dörfern zusammen mit der afghanischen Armee Flagge zeigen soll. Ist eine Eskalation nicht absehbar?

Das ist reine Spekulation. Natürlich ist ein Soldat gefährdeter, wenn er sein Fahrzeug verlässt und zu Fuß patrouilliert. Umso wichtiger ist es, dass er auch die richtige Ausbildung erhält. Deshalb lege ich so viel Wert auf die Einsatzvorbereitung. Es genügt nicht, wenn in Afghanistan die entsprechende Ausrüstung vorhanden ist. Die Soldatinnen und Soldaten müssen vorher auch an der neuen Ausrüstung in Deutschland ausgebildet werden.

Und dies geschieht nicht?

Ich habe gerade mehrere Truppenbesuche absolviert. Dort wurde mir berichtet, dass zum Beispiel nicht genügend Fahrzeuge zur Verfügung stehen, mit denen es die Soldaten in Afghanistan dann zu tun haben. In Germersheim zum Beispiel - dort werden pro Jahr 7.000 Soldatinnen und Soldaten für den Einsatz ausgebildet - steht nur ein Dingo 1 zur Verfügung. Aus Hammelburg wurde mir berichtet, dass auszubildende Kraftfahrer von dort zurückgeschickt wurden, weil nicht genügend Fahrzeuge zur Verfügung standen. Und es geht ja nicht nur um die Kraftfahrer. Auch die aufgesessenen Soldaten müssen üben, wie sie bei einem Angriff auf das Fahrzeug reagieren müssen. Und das ist abhängig vom jeweiligen Fahrzeugtyp. Das Gleiche gilt für die Munition. In Afghanistan verfügt die Truppe über ausreichende Bestände, aber bei der Einsatzvorbereitung in Deutschland nicht.

Liegt das an der Planung der militärischen Bürokratie oder verfügt die Truppe generell über zu wenige Fahrzeuge?

Sie stehen nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung. Es sind in der Vergangenheit zu wenige Fahrzeuge bestellt worden und nun lassen sie sich nicht kurzfristig beschaffen. Militärfahrzeuge werden von der Industrie nicht auf Vorrat produziert in der Hoffnung, dass sich möglicherweise ein Käufer findet.

Die Rüstungsindustrie muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, dass sie vereinbarte Liefertermine nicht einhält...

Es wird gerne auf die Industrie geschimpft, die nicht termingerecht liefert. Aber die Industrie kann auch nicht einfach neue Produktionskapazitäten aufbauen, wenn nicht geklärt ist, ob diese auch längerfristig benötigt werden. Es gibt aber auch andere Gründe: Hubschrauber können beispielsweise nicht abgenommen werden, weil die Prüfkapazitäten fehlen. Zudem werden oft zu komplexe Waffensysteme bestellt.

...zum Beispiel?

Der Kampfhubschrauber Tiger ist ein solches Beispiel. Die Franzosen setzen ihn längst erfolgreich ein. Aber die Deutschen haben weiter gehende Vorstellungen darüber, was dieser Hubschrauber alles können soll. Die ersten Soldaten, die an den neuen Hubschraubern ausgebildet werden sollten, scheiden demnächst bereits wieder aus dem Dienst aus und haben bislang eigentlich nur Fotos der Hubschrauber gesehen. Es wäre besser, den Hubschrauber in verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zu bestellen, als alle Fähigkeiten in eine Maschine packen zu wollen.

Zu den Sorgenkindern gehört auch die medizinische Versorgung...

...die ist im Einsatz gut. Über die medizinische Versorgung höre ich keine Klagen und die Soldaten berichten auch, wie gut sie etwa im Bundeswehrkrankenhaus in Kundus versorgt werden. Und ich habe größte Hochachtung davor, wie die Sanitäter Verwundete aus gefährlichen Situationen bergen und behandeln.

Gilt das auch für die Behandlung traumatisierter Soldaten?

Soldaten, die psychologische Betreuung benötigen, weil sie beispielsweise unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden - und das sind zunehmend mehr -, werden in Deutschland behandelt; zum Beispiel im neuen Traumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Dort wird sehr gute Arbeit geleistet. Davon habe ich mir jüngst selbst ein Bild machen können. Was die Zahl der Psychologen und Psychiater bei der Bundeswehr angeht, kann man sich natürlich immer mehr wünschen. So viele Fachleute gibt es auf diesem Gebiet allerdings nicht - auch nicht im zivilen Bereich. Das hat mir kürzlich der Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer bestätigt.

Unter Personalmangel leidet der Sanitätsdienst aber doch insgesamt?

Das stimmt. Bei der Sanität ist die Situation leider überhaupt nicht gut. Ich habe Standorte erlebt, wo von fünf Sanitätsdienstposten kein einziger besetzt war. An vielen Standorten kommen nur noch zivile Vertragsärzte zur Behandlung. Doch diese dürfen Untersuchungen mit amtlichen Charakter, die beispielsweise bei Beförderungen nötig sind, nicht vornehmen. Wir haben insgesamt zu wenige Ärzte und Sanitäter und in der Folge wird das vorhandene Personal überlastet. Der Sanitätsdienst leidet unter dem gleichen Phänomen wie die Einsatzvorbereitung: Für die Soldaten im Auslandseinsatz versucht man - und dies ist ja eine richtige Entscheidung - das Optimum zu gewährleisten. Dies geht jedoch häufig zu Lasten der Truppenversorgung im Inland.

Das Interview führte Alexander Weinlein

Aus Politik und Zeitgeschichte

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