Inhalt

Nicole Tepasse
Countdown mit Maultasche

FAMILIE Der Einsatz ist für Angehörige eine Belastungsprobe

Es gab diese Momente, sagt Simone Uetz, in denen er sehr weit weg war. Sie spricht von ihrem Freund, Uwe Deißler, Soldat bei der Bundeswehr, und meint nicht die Kilometer, die zwischen ihnen lagen, als er seinen Dienst im Kosovo tat. "Aber so ist es einfach. Er ist Soldat und gerade im Einsatz ist er seinen Kameraden näher als mir." Sie beschreibt das ohne Wut, Enttäuschung, Eifersucht. Es sei einfach so, wiederholt sie: "Als Außenstehende, als Zivilistin ist es eben schwer vorstellbar, dass es jemand anderen gibt, der meinem Partner näher ist, als ich es in dieser Lebenssituation jemals sein könnte." Und das gerade dann, wenn man selber zuhause sitzt, der Partner trotz Telefon, E-Mail oder Skype nicht immer erreichbar, weil der Dienst vor Ort darüber entscheidet, wann Zeit ist, sich bei Familie oder Freunden zu melden. "Das muss man aushalten", sagt Uetz. "Umso verständnisvoller und ruhiger ich bin, desto konzentrierter kann er seinen Dienst tun."

Sorge um den Partner

Uwe Deißler war mehrmals in Afghanistan, da waren er und Simone aber noch kein Paar. "Ich war froh, dass der erste Einsatz, den ich als seine Freundin mitgemacht habe, ihn in den Kosovo geführt hat", sagt Uetz. Das war Anfang dieses Jahres. Froh deshalb, weil es doch ein "vergleichsweise unproblematischer Einsatz ist". Wenn die Skype-Verbindung mal abbreche, dann wisse sie, dass es am Stromausfall liege und sie nicht gleich das Schlimmste denken müsse. "Wir haben manchmal gescherzt, es sei risikoreicher, vom Stuhl zu fallen." Aber auch sie kennt das Gefühl, nervös zu werden, wenn ihr Freund stunden- oder tagelang nicht erreichbar ist.

Die Sorge um den Partner im Einsatz ist das eine. Die Sorge um die Partnerschaft das andere. Dass die rund vier- bis sechsmonatigen Einsätze die Beziehung belasten, weiß auch Hauptmann Matthias Schultz. Er und seine Kollegen koordinieren von Potsdam aus die 31 Familienbetreuungszentren der Bundeswehr. Sie kümmern sich um die Angehörigen von Bundeswehrsoldaten, die im Ausland eingesetzt sind. "Unser Personal ist handverlesen", sagt Schultz. "Wir müssen einer besorgten Mutter, die sich nach ihrem Sohn erkundigt, helfen können, aber auch ein offenes Ohr für partnerschaftliche Probleme und die vermeintlich kleinen Alltagssorgen haben." Dazu gehören Behördengänge, Umzüge oder im Winter das Haus frei schippen, damit das Kind in die Schule gehen kann. "Im Grunde muss man einfach zuhören können", weiß der Offizier zu berichten.

Die Familienbetreuungszentren sind rund um die Uhr erreichbar. Sie bieten außerdem ein Programm an, das von Informationsabenden über die Lage im Einsatzgebiet bis hin zu Zoobesuchen oder Grillabenden mit Kindern reicht. "Da treffen sich Menschen, die in der gleichen Situation stecken und Verständnis füreinander haben."

An Verständnis mangelt es in der Beziehung von Hauptfeldwebel Dana Gall und ihrem Partner nicht. Er ist wie sie Soldat. Und ihre 20-jährige Tochter, ihre Schwester, ihr Schwager - alle bei der Bundeswehr. Auch ihr Ex-Mann war Soldat. "Als er Zivilist wurde, fehlte ihm plötzlich das Verständnis für mich, meine Arbeit. Wir haben uns schließlich getrennt", erzählt Gall, 40 Jahre alt, seit ihrem 18. Lebensjahr bei der Bundeswehr. Aber auch sie erinnert sich daran, als der Einsatzbefehl für ihren Partner kam und es nach Afghanistan ging. "Da habe ich mächtig geschluckt." Als Soldat bei den Pionieren muss er anders als sie, die sich um die Logistik der medizinischen Geräte kümmert, raus aus dem Lager, rein in den afghanischen Alltag, in dem die Unsicherheit immer mit unterwegs ist. Grundsatzdiskussionen habe es aber nicht gegeben.

Mit den Auslandseinsätzen ist für beide trotzdem erstmal Schluss. Ihr Partner ist derzeit wegen Posttraumatischer Belastungsstörungen in Behandlung. Die kamen schleichend. "Das waren manchmal einfach unkontrollierte Muskelzuckungen, auch dann, wenn er in der Kaserne als Zugführer vor den jungen Soldaten stand", sagt Gall. Das habe ihn aufgeschreckt. Schließlich habe er ihnen gegenüber eine Verantwortung und wolle sie nicht verunsichern, erzählt Gall, die ihren Mann einen "Einsatzjunkie" nennt und genau weiß, wovon sie spricht. Als sie Ende Mai aus dem Kosovo zurückkam, mit insgesamt 967 Tagen Auslandseinsatz auf dem Dienstkonto, fühlte sie sich bei der Arbeit in ihrer Kaserne in Weißenfels plötzlich leer, unterfordert. Sie gestand sich ein, dass sie ein Problem hat und meldete sich zur dreiwöchigen Präventivkur an.

Wie Gall spricht auch Simone Uetz von zwei Welten: dem Schreibtisch und der "Schlammzone". Während Gall beide Welten aus eigener Erfahrung kennt, ist Simone Uetz auf die Erzählungen ihres Partners angewiesen. Wie seine Freundin empfindet, wenn er im Einsatz ist, hat Uwe Deißler erfahren, als sich die Frau eines befreundeten Soldaten mit ihren Sorgen an ihn wandte. Seit Tagen hatte sie ihren Mann in Afghanistan nicht erreicht. "In dem Moment ist ihm das erste Mal klar geworden, was zuhause abgeht, wenn er im Einsatz ist", sagt Simone Uetz. Bevor er in den Kosovo ging, hat er ihr einen Notfallkorb dagelassen: dicke Socken für die kalten Füße, die er sonst wärmt; ein guatemaltekisches Sorgenpüppchen, mit dem über Nacht die Sorgen verschwinden sollen; einen Luftballon in Herzform. "Am schönsten war aber der Countdown, den er sich ausgedacht hat: In der Kühltruhe lagen meine Lieblingsmaultaschen mit Zeitplan. An den habe ich mich gehalten und als die Schachtel leer war, war er wieder da."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag