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Jasna Zajcek
Jeden Tag weinende fünf Minuten

SOLDATINNEN Vor neun Jahren öffnete sich die Bundeswehr den Frauen. Heute stehen sie mit an vorderster Front. Ein Erfahrungsbericht

Stellt ein Journalist eine Anfrage bei einer Pressestelle der Bundeswehr oder beim Bundesministerium der Verteidigung mit der Bitte um ein Gespräch mit weiblichen Soldaten, so heißt es stets: "Die Kameradinnen sind in erster Linie Soldaten und wollen keine Sonderposition innerhalb der Truppe. Es gibt keine Unterschiede in der Behandlung durch Vorgesetzte, in der Ausbildung oder im Einsatz. Sie wollen keine besondere Aufmerksamkeit." Soweit die Theorie. Trotzdem wollte ich einige der 16.900 Frauen, unter ihnen rund 2.500 Offiziersanwärterinnen, die insgesamt neun Prozent der Truppe stellen, für meine Recherche persönlich sprechen - und das am besten ohne die engagierten, allgegenwärtigen Presseoffiziere, die normalerweise bei Zusammenkünften mit Journalisten eifrig Antworten auf Fragen geben, die nicht ihnen gestellt wurden.

Um die frischgebackenen Abiturientinnen, die sich im Sommer 2009 als Offizieranwärterinnen bei der Marine qualifiziert hatten, kennen zu lernen und ihre Beweggründe für den freiwilligen Dienst an der Waffe zu verstehen, nahm ich eine Einladung der Marine gerne an. Für einen Monat der militärischen Grundausbildung lebte ich mit 18- bis 20-jährigen jungen Frauen "embedded" in einem männlich dominierten Umfeld - der Marineschule Mürwik in Flensburg. Schon nach einer Woche des frühen Aufstehens, des militärischen Drills und unzähliger Liegestütze verabschiedeten sich die ersten jungen Frauen zurück ins zivile Leben.

Zwar hatten sie sich zuvor ausführlich über die vom Wehrdienstberater als hervorragend dargestellten Studien- und Berufsmöglichkeiten informiert, nicht aber über den Alltag des Soldaten - und der Soldatin. Anders ihre männlichen Kameraden: Diese waren zwar meist körperlich fit genug, um die Anforderungen zu erfüllen, hatten sich aber nicht vor Augen geführt, dass viele Verwaltungstätigkeiten, Wache schieben und das Auswendiglernen von Soldatengesetzen und Nautischen Regeln ebenso wie Putzen und Marschieren zum militärischen Dienst fürs Vaterland gehören.

Die Beweggründe der jungen Frauen, die sich für ein Leben bei der Bundeswehr entschieden haben, waren vielschichtig. Eine Matrosin - der niedrigste, der "Einsteigerdienstgrad" der Marine - kam aus einer Seefahrerfamilie. Ihr Haus wurde 1997 durch den Einsatz der Bundeswehr vor dem Oderhochwasser gerettet. Aus Dankbarkeit - und weil ihr Seefahrertraum in der freien Wirtschaft ungleich schwieriger zu verwirklichen wäre - verpflichtete sie sich für 13 Jahre bei der Marine. Nach ihrem ersten Törn auf der "Gorch Fock", den alle Marineoffizieranwärter durchstehen müssen, nach ihrer ersten langen Fregattenfahrt von Ghana in Westafrika nach Kreta, war sie immer noch genau so enthusiastisch wie am ersten Tag ihrer Ausbildung. Da sie zuvor in einem Sportinternat gelebt hatte, Disziplin und nicht allzu viel Freizeit gewöhnt war, fiel es ihr sehr leicht, sich dem militärischen Alltag anzupassen. Auch Pressesprecher bestätigten mir mehrfach, dass "Sportinternate ideal auf das Militär vorbereiten" würden.

Hartes Training

Anderen weiblichen Offizieranwärtern bereitete das straffe Sport- und Lernprogramm Probleme; nach rund einem Monat waren fast alle der 17 mir bekannten jungen Frauen "Marsch- und Sportbefreit", da sich Blutblasen, Bänderdehnungen, Rückenschmerzen häuften und zur Regeneration kaum Zeit blieb. Hat eine Soldatin aber "Trainingsausstände beseitigt", wie auftrainieren im Militärjargon heißt, so kann sie durchaus mit den männlichen Kameraden mithalten. Die körperlichen Anforderungen sind zu schaffen - die seelischen fallen je nach Typ mehr oder weniger ins Gewicht. Einzelne, aus nicht ganz gefestigten Familienzusammenhängen, können in der Gemeinschaft der Kameraden erstmals im Leben aufgehen, andere kapseln sich ab. Sie sehen zunächst nur ihre Familie als die Gemeinschaft an, von der sie wirklich verstanden werden.

Auch bei Dienstälteren waren diese Unterschiede während meiner Besuche "im Feld", also bei den Auslandseinsätzen in Bosnien, im Kosovo, im Libanon, im Sudan und in Dschibuti zu beobachten. Allerdings ist dies meiner Erfahrung nach kein Frauen-, sondern ein typenspezifisches Problem. Im Libanon traf ich zum Beispiel einen Fregattenkapitän, der jeden Quadratzentimeter seines bescheidenen Wohncontainers mit Fotos von seinem Baby daheim gepflastert hatte. Im Kosovo traf ich eine Frau Hauptfeldwebel, die jeden Tag ihre "weinenden fünf Minuten" hatte - nach dem täglichen Telefonat mit ihrem vierjährigen Sohn. Ich sprach im Libanon aber auch mit Afghanistan-Veteraninnen, die den Unifil-Einsatz als "Urlaub" bezeichneten, ebenso wie hochqualifizierte Soldatinnen, die frustriert waren. Denn sie sollten libanesische Soldaten ausbilden; die waren aber aufgrund ihres traditionellen Rollenverständnisses noch weit davon entfernt, eine Frau als weisungsbefugt zu sehen und ließen sie dies auch spüren.

Viele Soldaten und Soldatinnen im Kosovo waren stolz auf bereits Geschafftes im Einsatz und genossen immer noch engagiert und neugierig den ersten längeren Auslandsaufenthalt ihres Lebens genossen. Doch auch hier gab es männliche und weibliche Deutsche in Uniform, die das Feldlager an den Wochenenden längst nicht mehr verließen, da der Sonntag der einzige Zeitpunkt zum "Sport machen, Wäsche waschen, Briefe schreiben und 'mal ein Bier trinken" war.

Beim Eufor-Einsatz in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina), an dem derzeit rund 130 deutsche Soldaten beteiligt sind, gab eine 27-jährige Sanitäterin an, vor "lauter Langeweile zu verzweifeln", während eine andere es genoss, viel Zeit im Gespräch mit den internationalen Kameraden zu verbringen und sich selbst und andere Sanitäter weiterzubilden. Im Kosovo, auf den Fregatten im Unifil-Einsatz, war es ähnlich: Während einige ihren Dienst trotz wiederkehrender Routine engagiert, karrierebewusst und enthusiastisch erledigten, "rissen" andere "einfach den Dienst ab", waren mit den Gedanken stets in der Heimat und voller Sehnsucht und Heimweh. Das waren junge Menschen, die das sichere Gehalt eines Staatsdieners erhalten, aber unabhängig von ihrem Geschlecht die wechselnden Auf- enthaltsorte und die Trennung von ihren Lieben nicht verkraften konnten, die ihr Arbeitgeber bestimmt.

Gelungene Integration

Bei der Marine, gerade auf "seegehenden Einheiten", also Booten und Schiffen, genießen Frauen einen besonderen Status, der je nach ihrer Attraktivität variiert. Generell und offiziell sind natürlich alle Kameradinnen. Spricht man aber ohne einen Presseoffizier und in entspannter Atmosphäre - zum Beispiel in Dschibuti, bei 40 Grad Außentemperatur und einigen kühlen Bier - mit den jungen Herrn Seefahrern, so wird klar, dass die Männer ihre Kameradinnen natürlich in die Kategorien einordnen, in die Frauen bei der Bundeswehr inoffiziell kategorisiert werden. Die Einteilungen gehen von "eine Süße" über "die ist ein guter Kumpel" bis hin zur undankbarsten Klassifizierung: "Die ist ein Mannsweib, da hab ich Angst, die nachts auf Deck zu treffen."

Vielleicht kann man nach nahezu zehn Jahren, in denen auch in der Bundesrepublik Frauen alle Karrieren in allen Waffengattungen offenstehen, eines abschließend beurteilen: dass die Integration des "schwachen Geschlechts" in die "starke Truppe" - zumindest offiziell - geglückt ist. Der Ausspruch, dass "die Bundeswehr nur ein Spiegel der Gesellschaft ist", gab es schon, bevor Frauen in die Bundeswehr durften. Er weist, wenn es um geschlechterspezifische Missstände geht, auf ungelöste Probleme in der deutschen Gesellschaft hin - und die gibt es längst nicht nur im Militär.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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