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Anne Haeming
Gebautes Gedenken

EHRENMAL Seit fast einem Jahr würdigt eine Erinnerungsstätte in Berlin die gefallene Bundeswehrsoldaten

Die Bremse zischt, der Bundeswehrbus kommt direkt vor dem Denkmal zum Stehen. Die Türen schwenken zur Seite, zwei Dutzend junge Männer in Jeans und T-Shirt sowie ein, zwei Frauen steigen aus. Sie schlendern kurz in den offenen Andachtsraum, dann zurück auf den Bürgersteig, erst mal rauchen. Es ist ein Hubschrauberregiment aus Niedersachsen, vier Tage unterwegs in Berlin, eine politische Bildungsreise.

Sie kamen an der Bendler-Brücke vorbei und an der Stauffenbergstraße, dann rechts in diese Seitenstraße mit fast dörflichem Charme, einspurig schmal, beidseitig gesäumt von Bäumen. Hier steht es, das Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin. Der Stopp sei spontan gewesen, sagt der Reiseleiter, man fuhr ja sowieso gerade hier entlang; später geht es noch zum Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor.

"Es ist wichtig, dass es einen Ort gibt, an dem man der toten Kameraden gedenken kann", sagt einer, "das Grab auf dem Friedhof ist ja eher für die Familienangehörigen". Ein anderer findet, das Ehrenmal sei Ausdruck der Anerkennung für die Bundeswehr, und dass das dringend nötig gewesen sei. In der Gruppe sind Wehrpflichtige wie Berufssoldaten, ein paar waren auch schon bei Auslandseinsätzen dabei. Sie alle wissen, dass der Tod zu ihrem Beruf dazugehören kann. Das Denkmal ist somit auch ein Mahnmal - eine Erinnerung an eine mögliche Zukunft, "killed in action".

Eingeweiht wurde dieses erste "zentrale Ehrenmal" für gefallenen Soldaten der Bundeswehr im vergangenen September. Es war eine Idee des ehemaligen Verteidigungsministers Franz-Josef Jung (CDU), nach eigenen Angaben auf einer Afghanistanreise 2005 inspiriert von einem "unscheinbaren, von unseren Soldaten in Eigeninitiative errichteten Gedenkstein in Kabul, der an die Toten des deutschen Isaf-Kontingents in Afghanistan erinnert", "gefallen im Einsatz für den Frieden". Statt drei dezentralen Gedenkstätten in der Provinz, für jeden Teil der Streitkräfte eine eigene, sollte nun eine bundeswehrübergreifende her, errichtet in der Hauptstadt. Den Wettbewerb gewann der Münchner Architekt Andreas Meck, ab Herbst 2007 wurde gebaut.

Die Tatsache, dass es ein solches Denkmal überhaupt gibt, zeigt bereits, dass sich die Rolle der Bundeswehr in den vergangenen Jahren maßgeblich verändert hat. Aus der reinen friedensstiftenden Karitativ-Armee, die Brunnen bohrt und Mädchenschulen aufbaut, wurde ein Heer, das sich in "kriegsähnlichen Zuständen" befindet und in einem "umgangssprachlichen Krieg" kämpft. Die "Neue Wache" in Berlin, die abstrakt an die "Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" erinnert, ist dafür die falsche Adresse. Die deutsche Bevölkerung musste erkennen, dass Bundeswehrsoldaten getötet werden - und töten. Ein Novum, schien doch lange der allgemeingültigste Satz des Landes zu sein, dass "von deutschem Boden" nie wieder Krieg ausgehen dürfe.

Die Eröffnung des Ehrenmals fiel auf Tag Vier nach dem "Sündenfall" ("Der Spiegel"), bei dem 2009 ein deutscher Offizier das Bombardement zweier Tanklaster nahe Kundus anordnete, bei dem auch Zivilisten starben. Während Politik und Öffentlichkeit den militärischen Realitäten noch hinterherhinkten, kommt sie im Denkmal zum Vorschein. Man kann sagen, es erkennt an, wenn auch nicht expressis verbis, dass deutsche Soldaten im Krieg kämpfen und fallen.

Schwer zu finden

Doch wer hier nicht mit dem Bundeswehrbus vorbeigebracht wird, hat es schwer. Es ist ein Denkmal für Eingeweihte. Weder das Bundesverteidigungsministerium, noch die Bundeswehr verraten bislang, immerhin ein Jahr nach der Einweihung, online, wo sich das sogenannte Ehrenmal genau befindet. Selbst wer weiß, dass es auf dem Gelände des Bendlerblocks - heute Sitz des Bundesministeriums für Verteidigung - liegt, muss suchen. Das Areal ist groß, die Südost-Ecke befindet sich, wie geschildert, in einer unscheinbaren Seitenstraße, benannt nach dem Berliner Schokoladefabrikaten Hildebrand. Und dann ist das Denkmal auch noch über Nacht geschlossen, täglich ab 18.00 Uhr, donnerstags ab 20.00 Uhr. Die Schwierigkeit, sich diesem Denkmal physisch zu nähern, es geographisch zu verorten, ist paradigmatisch. Das Ehrenmal der Bundeswehr, es entzieht sich.

Die Sonne bringt die bronzefarbene Stahlhülle zum Funkeln. Das ausgestanzte Muster ist angelehnt an die ovalen Erkennungsmarken der Soldaten, mal ganz, mal als halbe Marken, wie bei toten Soldaten üblich. Zum Gelände des Ministeriums hin stehen die durchbrochenen Stahlwände doppelt, versetzt, der Blick aufs Dahinter verschwimmt. Die Wände der Längsseite sind verschiebbar; mal ist die Seite zur Straße hin offen, mal die zum Paradeplatz auf der anderen Seite. Mal ist das Ehrenmal für die Bevölkerung frei zugänglich, mal nur für die Militärangehörigen.

Der Eindruck, der im Innern des Kubus entsteht, erinnert an heruntergelassene Jalousien, Gartenlaube und militärische Tarnnetze, die einen unsichtbar machen für die Blicke der Feinde. Der Rest ist Beton, die linke Wand golden gestrichen, versehen mit der Zeile "Den Toten unserer Bundeswehr - für Frieden Recht und Freiheit". Am rechten Ende geht das offene Gebäude in einen Halbraum über, ganz in Schwarz, fensterlos. Hier scheinen die Namen aller jemals gefallenen Bundeswehrmitglieder als Lichtzeichen auf, nacheinander, am schwarzen Beton. Derzeit rund 3.100 Mal, streng chronologisch: "Bröring Hermann" leuchtet es hell auf dunkel, oder "Rabel Horst". Wer hier um einen trauert, muss lange warten.

Die Lage, die Architektur, die Inschriften, alles wurde und wird kritisiert, daneben taucht auch die Frage auf, ob ein "Ehrenmal" nicht das falsche Signal sei, man fürchtet einen Rückfall in ritualisiertes Heldengedenken und "politischen Totenkult", wie es der Historiker Reinhart Koselleck nannte. Ob unter den Toten, die derzeit dort mit Namen genannt werden, auch ehemalige Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS sind, werde mangels Bedeutung nicht gesondert aufgeführt, erklärte die Bundesregierung Anfang des Jahres auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion. Ein anderer Einwand: Statt nur der toten Soldaten zu gedenken, sollte ein Denkmal für alle Deutschen errichtet werden, die bei Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten ums Leben kommen.

Kritik am Standort

Wie Lage, Architektur und Inschrift des Ehrenmals bewertet werden, hängt letztlich davon ab, ob die Toten als Staatsbürger in Uniform gelten oder als Heeresangehörige, ob man die Bundeswehr politisch wahrnimmt oder militärisch. Die Bundeswehr ist eine "Parlamentsarmee", von der Legislative beauftragt. Deshalb, so bemängeln Kritiker, habe das Denkmal nichts auf dem Gelände des Ministeriums zu suchen - sein legitimer Platz sei beim Parlament.

Und dann ist da diese Schiebewand, die mal die Öffentlichkeit, mal die Bundeswehr ausschließt, das Ehrenmal jedoch nie für alle gleichzeitig zugänglich macht. Eine Raumdefinition für die Legislative, die politischen Vertreter, gibt es nicht. Dennoch ist an der goldenen Wand von "unserer Bundeswehr" die Rede: Das "Wir", das hier spricht, könne nur die Bundesrepublik sein, findet etwa Manfred Hettling, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Halle; politischer Totenkult ist eines seiner Forschungsgebiete. Das Ganze sei "unentschieden" und "nicht hinreichend durchdacht", sagt er. "Verstehen Sie mich nicht falsch", schiebt er nach, "ein Denkmal war längst überfällig".

Politische Trauerkultur vermisst

In USA und Kanada ist der "Memorial Day" ein offizieller Feiertag, der "Arlington National Cemetery", eine riesige grüne Fläche mit vielen weißen Grabsteinen, ist die zentrale Grabstätte für ehemalige US-Soldaten. Gerade stellte dort ein Künstler monatelang seine Porträtserie über "Fallen Heroes" aus, die gefallenen Helden der Nation.

Dem Historiker Hettling fehlt neben der hierzulande militärisch-religiösen eine "politische", "staatsbürgerliche" Trauerkultur. Es könne sein, meint der Historiker, dass es in einigen Jahren das Bedürfnis nach einem neuen Denkmal gebe. Denkmäler seien "Identitätsstifter der Überlebenden", sagte Koselleck einmal. Und vielleicht bräuchte die Bundesrepublik tatsächlich eines, das bei der Neudefinition hilft, in "kriegsähnlichen" Zeiten. Eines, das für die umfassendste aller Gruppen gedacht ist: der Bevölkerung.

Die Autorin arbeitet als

freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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