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Hans-Willy Bein
Gegen den Strom

ELEKTRIZITÄTSNETZE Leitungen stoßen an ihre Grenzen. Der politisch gewünschte Ausbau kommt nur schleppend voran

Bayern ist Sonnenscheinland. Hier scheint die Sonne häufiger und intensiver als in anderen deutschen Regionen. Statistisch dürfen sich die Menschen im Schnitt über 1.250 ungetrübte Stunden im Jahr freuen. Die Bürger nutzen die Gunst der Lage und investieren kräftig in Photovoltaikanlagen. 40 Prozent der deutschen Solarkraftwerke sind im Freistaat installiert. Annähernd 70.000 Anlagen lieferten 2008 im Versorgungsgebiet des größten deutschen Energiekonzerns Eon in Bayern Strom. In diesem Jahr werden es mehr als doppelt so viele sein.

Angeheizt durch eine hohe Vergütung für die Einspeisung von Sonnenstrom in die öffentlichen Netze boomt die Installation von Photovoltaikanlagen auch anderswo in Deutschland. Die installierte Leistung schnellte von 6.000 Megawatt (MW) im Jahr 2008 auf fast 10.000 MW 2009 hoch, ein Plus von mehr als 60 Prozent. Und es geht weiter. "Im ersten Halbjahr 2010 haben wir in Deutschland fast so viele Anlagen angeschlossen wie im gesamten vergangenen Jahr", stellt Carsten Körnig fest, der Geschäftsführer des Bundesverbands Solar.

Inzwischen hat der Bundestag das Erneuerbare-Energien-Gesetz novelliert und rückwirkend zum 1. Juli die Fördersätze um bis zu 13 Prozent reduziert. Zum 1. Oktober wird eine weitere Drosselung um drei Prozent wirksam. Noch ist es zu früh, um verlässliche Aussagen über die Auswirkungen treffen zu können. Eon registriert in Bayern bislang "nur einen ganz leichten Abwärtstrend" bei der Zahl der Anschlussanträge für neue Anlagen.

Mit dem Ausbau der Photovoltaik oder auch anderen dezentralen Erzeugungsanlagen werden die Haushalte, die bisher Stromverbraucher waren, zu Stromproduzenten. Sie speisen Elektrizität in die öffentlichen Netze ein. Dort fließt der Strom plötzlich nicht mehr nur in eine Richtung. Und das erfordert eine völlig neue Netzstruktur.

"Durch den starken Ausbau der erneuerbaren Energien stoßen die Stromnetze an ihre Grenzen", sagt Dierk Paskert, Netzvorstand der Eon Energie. Gerade an den Küsten und im Windenergieland Schleswig-Holstein führe dies zu einem "dramatischen Ausbaubedarf". Auch Hans-Jürgen Brick, der Chef der RWE-Netztochter Amprion, die die Höchstspannungstrassen des Essener Konzerns betreibt, sieht die deutschen Stromnetze an der Belastungsgrenze.

Neue Technologien

"In der Energiewirtschaft hat in den nächsten zehn Jahren der Ausbau der Stromnetze und die Erforschung neuer Speichertechnologien absolute Priorität", bestätigt Hildegard Müller, die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Dabei geht es nicht nur um die Erweiterung der Kapazitäten für den Stromtransport sondern auch um ganz neue Steuerungstechnologien.

"Die Netze müssen intelligenter werden", sagt Arndt Neuhaus, der Chef der RWE Rheinland Westfalen Netz, die die Verteilnetze des Konzerns in Nordrhein-Westfalen, Rheinlandpfalz und Niedersachsen betreibt. Die Firma ist Konsortialführerin in einem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt "Netze für die Stromversorgung der Zukunft". Dabei werden Netz-Konzepte entwickelt, um den lokalen und regionalen Veränderungen der Versorgungsaufgabe entsprechen zu können. "Als Ergebnis der bisherigen Untersuchungen kann festgehalten werden, dass die Mittel- und Niederspannungsnetze sich in ländlichen Regionen deutlich stärker verändern werden als städtische Netze", sagt Neuhaus. Allerdings kommt der Ausbau der Trassen nur schleppend voran.

"Ein noch nicht genau bezifferbarer Teil der Erneuerbaren Energien kann nicht in die Netze eingespeist werden, weil die Kapazitäten nicht ausreichend sind", moniert der energiepolitische Sprecher der SPD, Rolf Hempelmann. Das vor fast einem Jahr in kraft getretene Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) habe "keine ausreichende Wirkung erzielt".

"Bereits jetzt liegen wir mit dem EnLAG weit hinter den gesteckten Zielen zurück", räumt auch Thomas Bareiß ein, der Koordinator in Energiefragen der Union. Von den von der Deutschen Energieagentur für erforderlich erachteten 850 Kilometern seien bisher gerade rund 90 Kilometer an Netzausbau realisiert. Bareiß hält eine Vereinfachung der Genehmigungen für dringend geboten. Gleichzeitig sei es wichtig, ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen, um den erforderlichen Infrastrukturausbau zu bewerkstelligen. Mit dem Energiekonzept müsse die Bundesregierung die Frage klären, inwiefern die bestehenden Netzrenditen ausreichend seien, um Mittel für die notwendigen Investitionen freizusetzen. "Hier sehe ich durchaus noch Handlungsbedarf", sagt Bareiß. Wichtig sei, dass sich Effizienz- und Investitionsanreize die Waage hielten

Dem SPD-Parlamentarier Rolf Hempelmann geht das alles nicht schnell genug. Das Bundeswirtschaftsministerium habe als Reaktion auf den stockenden Ausbau lediglich eine "Gesprächsplattform" eingerichtet und halte das offensichtlich für ausreichend. Die Antwort des Ministeriums auf eine Kleine Anfrage seiner Fraktion (17/2047) zeige, dass die Bundesregierung kein Konzept habe. Dabei ist für Hempelmann klar: "Deutschland kann die Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht erreichen, wenn der Netzausbau nicht vorankommt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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