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Interview mit Ute Kumpf (SPD)
»Vereine müssen um Migranten werben«

ZIVILGESELLSCHAFT Ehrenämter sollten zur Integration beitragen, fordert Ute Kumpf (SPD), stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Unterausschusses "Bürgerschaftliches Engagement"

Rauchverbot in Bayern, Schulreform in Hamburg, Stuttgart 21: Es scheint, als erlebe Deutschland eine Renaissance in Sachen bürgerschaftliches Engagement. Stimmt das?

Was wir erleben, ist ein Teil vom weiten Feld Bürgerengagement. Die direkte politische Beteiligung gewinnt momentan an Popularität. Die Leute möchten an Entscheidungen Anteil nehmen, sie wollen gehört werden und die parlamentarische Arbeit überwachen. Sie wollen nicht alles den Parteien überlassen. Aber bürgerschaftliches Engagement ist nicht nur direkte Demokratie. Dazu gehört ebenso das Engagement in Parteien oder als Schulsprecher, in einem Freiwilligen Sozialen oder

Ökologischen Jahr oder der klassische ehrenamtliche Einsatz, etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein. Und in diesen Bereichen gibt es ein kontinuierlich stark ausgeprägtes Engagement.

Ein stark ausgeprägtes Engagement - was bedeutet das?

Insgesamt haben wir beim bürgerschaftlichen Engagement stabile Zahlen: Die Ergebnisse des Freiwilligensurveys belegen, dass in den letzten zehn Jahren 23 Millionen Bürger, das entspricht einem Anteil von 36 Prozent, in irgendeiner Form aktiv sind. Dabei ist ein interessanter Trend zu beobachten: In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr ältere Menschen engagiert. Vor allem bei den Über-70-Jährigen ist die Quote gestiegen. Mittlerweile sind 25 Prozent von ihnen bürgerschaftlich engagiert, 2004 waren es nur 22 Prozent. Das sind fitte Senioren, die sich sagen: Ich habe Kompetenzen, ich möchte die Gesellschaft mitgestalten.

Wie stellt sich die Situation am anderen Ende der Skala, also bei den Jugendlichen, dar?

Es heißt immer, die Jugendlichen wären schwer für ein bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen. Das ist falsch. Die Bereitschaft unter Jugendlichen, sich einzubringen, ist groß. Beispielsweise kommen auf jeden Platz für ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr zwei Bewerber. Gleichzeitig aber nimmt der Leistungsdruck auf Jugendliche zu, insbesondere durch Verkürzung der Schul- und Studienzeiten. Das hat Auswirkungen: Es gab einen leichten Rückgang des Engagements von Jugendlichen. Dennoch waren 2009 immer noch 35 Prozent der Jugendlichen aktiv. Viele kämpfen um freien Zugang und gegen Sperren im Internet und gegen Rechtsextremismus. Auch das ist bürgerschaftliches Engagement!

Stichwort Freiwilliges Soziales Jahr: Wird bürgerschaftliches Engagement in Zukunft immer bedeutender für die moderne Demokratie? Beispielsweise, wenn - wie derzeit diskutiert - die Wehrpflicht fallen sollte?

Sollte die Wehrpflicht fallen, ist auch der Zivildienst obsolet. Das muss aufgefangen werden. Aber es ist der falsche Weg, aufgrund von Kostendruck die Zivistellen allein über das Ehrenamt oder die Freiwilligendienste ersetzen zu wollen. Das führt zu einem Missbrauch des Ehrenamtes. Schon jetzt beobachten wir den Trend in großen Wohlfahrtsorganisationen, über die Ehrenamtspauschale in Kombination mit einem Minijob die Sozialversicherung zu sparen. So werden Personalkosten reduziert - zu Lasten der Beschäftigten. Nichtsdestotrotz müssen die Rahmenbedingungen für Freiwilligendienste vereinheitlicht und die finanzielle Unterstützung für Träger und Engagierte verbessert werden.

Wo besteht in Deutschland sonst noch Handlungsbedarf?

Bislang wurde versäumt, auf Menschen mit Migrationshintergrund zuzugehen. Vereine und gemeinnützige Organisationen müssen aktiv um Migranten werben und für das bürgerschaftliche Engagement gewinnen. Außerdem muss die Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen verbessert werden. Bei ehrenamtlichen Bildungslotsen müssen sich Lehrer auch auf Kritik einstellen, nur um ein Beispiel zu nennen. An dieser Stelle müssen wechselseitiger Respekt und die Anerkennung des Ehrenamtes gefördert werden.

Wie trägt der Bundestags-Unterausschuss "Bürgerschaftliches Engagement" dazu bei, Freiwilligenarbeit in der Gesellschaft zu stärken?

Seit 2002 arbeiten wir an der Verbesserung der Rahmenbedingungen des bürgerschaftlichen Engagements. Wir haben schon einiges geschafft. Nach der Sommerpause steht auf der Tagesordnung, wie das Engagement von Migranten gefördert werden kann, außerdem die Vorbereitung auf das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011. Freiwilliges Engagement muss im europäischen Recht gestärkt werden. Außerdem kämpfen wir weiter für die Verbesserung der Infrastruktur. Menschen, die sich engagieren wollen, brauchen Anlaufstellen, wo sie Informationen und Möglichkeiten finden. Wenn also jemand Lesepate werden möchte oder sich in einem Mehrgenerationenhaus einbringen will, dann muss er schnell an sein Ziel kommen können und nicht ewig suchen müssen. Auch der fachliche Austausch mit Experten ist wichtig. Am 6. September etwa haben wir zu der Fachtagung "Meine Meinung zählt" eingeladen. Wir diskutieren Stand und Perspektiven der Bürgerbeteiligung, sowohl auf kommunaler als auch auf nationaler Ebene. Sie sehen, vor uns liegen noch große Aufgaben.

Das Interview führte Tatjana Heid

Aus Politik und Zeitgeschichte

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