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Rolf Schneider
Frühere Fronten verwischen

FREMDHEITEN Nach mehr als vier Jahrzehnten der Trennung gibt es nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West. Doch haben 20 Jahre staatlicher Einheit auch Spuren des Zusammenwachsens hinterlassen

Wann immer es darum geht, die Fremdheit und die Unterschiede zwischen Deutschen-Ost und Deutschen-West zu benennen, fällt der Begriff "Mauer in den Köpfen". Medienleute benutzen ihn ebenso wie Diskutanten am Stammtisch. Das Bild ist in vielerlei Hinsicht schief, doch was damit ausgedrückt werden soll, lässt sich schwerlich bestreiten. Nach wie vor existieren erhebliche materielle und mentale Unterschiede zwischen Ost und West.

Geringere Einkommen

Da gibt es materielle Ungleichheit. Sie ist mit Zahlen und Fakten zu belegen: Ehemalige DDR-Bürger besitzen weniger Vermögen, und nach wie vor verdienen Menschen in ostdeutschen Betrieben und Einrichtungen durchschnittlich weniger als entsprechende Arbeitnehmer im Westen. Laut Statistischem Bundesamt betrug das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen in produzierendem Gewerbe und Dienstleistungsbereich 2009 für die neuen Länder 2.486 Euro, für das frühere Bundesgebiet hingegen 3.248 Euro. Dies entspricht der Arbeitsproduktivität, die im Osten etwa ein Drittel unter der westdeutschen liegt.

Dafür ist die Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern deutlich höher als im alten Bundesgebiet, sieht man von einzelnen Städten etwa im Ruhrgebiet ab: Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete im Durchschnitt des vergangenen Jahres für den Osten eine Quote von 13,0 Prozent, fast doppelt so hoch wie die im Westen mit 6,9 Prozent.

Mentale Unterschiede lassen sich schwerer bestimmen. Manche haben rein ethnische Ursprünge: Die Leute in Brandenburg sind von Natur aus anders gestimmt als die Leute im Rheinland, und ebenso unterscheiden sich Oberbayern und Ostfriesen; mit den politischen Ereignissen des Nachkriegs hat das alles nichts zu tun. Wahr ist freilich auch: Aus fast einem Halbjahrhundert erlebten Realsozialismus trugen die Ostdeutschen entscheidende Prägungen davon.

Eigeninitiative nicht gefragt

Die Erziehung im Kommunismus zielte auf Anpassung und geistige Uniformität, was auch bedeutete: Unselbständigkeit. Eigensinn, Originalität und Eigeninitiative brachten im täglichen Leben bloß Probleme, also ließ man besser davon. (Als der SED-Staat seinem Ende entgegen ging, zeigte sich, wie erheblich der Wille zu Auflehnung gleichwohl war.) Aus 40 Jahren DDR stammt die verbreitete Vorstellung, der Staat habe eine umfassende Fürsorgepflicht; selbst Bürgerrechtler von 1989 gingen wie selbstverständlich von solcher Überzeugung aus.

Marktabläufe und Marktverhalten betreffend war das Gros der Ostdeutschen völlig ungeübt. Man hatte, als Alternative zum ungeliebten Realsozialismus, ein Bild vom paradiesischen Westen, geprägt durch das westdeutsche Werbefernsehen, das bis auf wenige Regionen, "Täler der Ahnungslosen" genannt, überall in der DDR zu empfangen war. Die erste sinnliche Begegnung mit dem Warenangebot des Westens schien dieses Bild zu bestätigen. Schon bald aber zerbrach es.

Dafür stellte sich ein Gefühl der Überwältigung ein. Es begann mit den Bananenverkäufern, die unmittelbar nach dem Mauerfall den Osten stürmten, und setzte sich fort mit den Gebrauchtwagenhändlern, die sich kaum anstrengen mussten, um ihre Bestände loszuschlagen. Die ostdeutschen Käufer machten es ihnen leicht. Viele von ihnen verschuldeten sich dabei, über alle ökonomische Vernunft hinaus.

Zu dem subjektiven Gefühl der Überwältigung trugen auch Westdeutsche bei, die nunmehr in den neuen Länder ihrer Beschäftigung nachgingen: Regierungsbeamte, die angereist waren, um neue Administrationen aufzubauen, Hochschullehrer, die ostdeutsche C4-Professuren besetzten zum ohnmächtigen Zorn ihrer aussortierten ostdeutschen Mitbewerber. Zudem kamen Glücksritter, Schwindler, Versager. Es kamen auch Idealisten, und es kamen dringend benötigte Experten, ohne die der Aufbau Ost nicht zu leisten war.

Die Medien stürzten sich auf die Schwindler und Versager, "bad news is good news". Entsprechend beschäftigten sie das öffentliche Bewusstsein. Der Treuhand-Untersuchungsausschuss des Bundestages musste sich in den 1990er Jahren mit zahlreichen Fällen von "Vereinigungskriminalität" befassen. Andere leisteten vorzügliche Arbeit, machten im Osten Karriere, wurden dort heimisch und auch populär. Beispiele sind der aus Hannover stammende erste Oberbürgermeister Leipzigs nach 1990, Hinrich Lehmann-Grube (SPD), und der erste Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Kurt Biedenkopf (CDU). Auch weniger prominente Zeitgenossen kamen und bewährten sich: Künstler und Anwälte, Kaufleute und Industrielle, Lehrer und Journalisten, Mediziner und Hoteliers.

Die Demonstranten des revolutionären Herbstes 1989 riefen "Wir sind das Volk". Sie zeigten damit ihre Entschlossenheit, sich der alten Obrigkeit zu verweigern. Ihre späteren Sprechchöre lauteten: "Wir sind ein Volk", womit sie den Willen zum staatlichen Zusammenschluss ausdrückten. Die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit stand als Forderung im westdeutschen Grundgesetz, die Majorität der Bevölkerung und der politischen Klasse empfand sie zuletzt als einigermaßen entleerte Formel.

Verflogene Begeisterung

Die Öffnung der Berliner Mauer versetzte dann auch das Staatsvolk zwischen Elbe und Rhein in eine Art Begeisterungsrausch. Er teilte die Eigenschaft aller Räusche: rasch zu verfliegen und einen Kater zu hinterlassen. Mancherorts hält er sich bis heute. An schwäbischen und bayerischen Stammtischen kann man vernehmen, allein die westdeutsche Solidaritätsabgabe finanziere die Ostdeutschen. Dass auch die Ostdeutschen jene Abgabe zahlen, wollen viele nicht wahrhaben. Ohnehin steht es mit dem Wissen und der Neugierde betreffend die neuen Länder und deren Problemen im Westen nicht besonders gut. Noch immer haben viele Altbundesbürger nicht die Insel Rügen und nicht das Elbsandsteingebirge besucht und verspüren überhaupt keine Lust, je dorthin zu fahren.

Ist dies der Zustand, und ist er unabänderlich? 20 Jahre nach dem staatlichen Zusammenschluss sind die früheren Fronten vielfach nicht mehr eindeutig auszumachen. Die Bevölkerung mischt sich. In Hochschulen sitzen nebeneinander Erstsemester aus Ost und West, viele geboren nach dem Ende der Teilung. Die Lebensbedingungen in den neuen Bundesländern haben sich den westdeutschen angenähert und nähern sich weiter an. Die alten Städte zwischen Werra und Oder zerfallen nicht mehr, sondern wurden aufwendig restauriert. Die Infrastruktur im Osten ist sogar häufig besser als im Westen.

Allerdings: Noch immer hängt Ostdeutschland wirtschaftlich am Tropf der alten Bundesrepublik. Noch immer wandern junge Menschen ab und hinterlassen verarmende Regionen mit einer vergreisenden Bevölkerung. Es ist unbestritten, dass eine völlige Angleichung der Lebensverhältnisse in den einstigen deutschen Teilstaaten weiter auf sich warten lässt. Dem unerwarteten, dem auch unverdienten Glücksfall der deutschen Wiedervereinigung widerspricht das alles nicht.

Der Autor lebt als Schriftsteller bei Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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