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Harald Kleinschmid
Mit dem Kopf beim Absteiger Cottbus - mit dem Herzen bei Schalke 04

PORTRÄT I Im Dorf Wulkow nahe der polnischen Grenze hat der westdeutsche Banker Peter Gröning eine neue Heimat gefunden

Am Schluss erzählt Peter Gröning von einem 800-Seelen-Dorf im Kreis Mettmann bei Düsseldorf, in dem der Rentner einst aufgewachsen ist und in dem es damals genauso beschaulich zuging wie heute in Wulkow bei Frankfurt an der Oder. Und dass er danach den Niedergang von Kohle und Stahl an Rhein und Ruhr erlebte, um nach 1990 dieselben Erfahrungen zuerst im sächsischen Riesa und anschließend im Nordosten Brandenburgs zu machen. Dorthin hatte es ihn verschlagen, nachdem sich der Bankkaufmann bereiterklärt hatte, nach der Wende im Osten ein Geldinstitut aufzubauen. Er zog zwei Filialen hoch, baute mit seiner Frau ein Häuschen und begann ein neues Leben. Die Menschen hatten es ihm angetan. Dem kontaktfreudigen Rheinländer imponierten Zusammengehörigkeitsgefühl und Hilfsbereitschaft der Dörfler. Das hatte er seit der Kindheit nicht mehr erlebt. Die Brücken ins Ruhrgebiet brach das kinderlose Ehepaar weitgehend ab.

Wahl in den Gemeinderat

Umso mehr engagierte sich Gröning dafür in der neuen Heimat: "Wenn ich auf ein Dorf ziehe, kann ich nicht auf die Leute warten, sondern muss auf die Leute zugehen." Drei Jahre später wählten ihn die Wulkower in den Gemeinderat - dort mehr eine Frage der Persönlichkeit als der Parteizugehörigkeit.

In seinem Dorf und seiner Bank erlebte der Neubürger die Probleme der Nach-Wende-Zeit hautnah. Der Zerfall der alten Strukturen, die Massenentlassungen, die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zwangen zur Suche nach neuen Ideen: So entstand 1991 das Projekt "Ökologische Dorferneuerung", angestoßen unter anderem von der damals amtierenden Bürgermeisterin und dem damaligen Pfarrer. Natürlich schlug ihnen das Argument, "grüne Spinner" zu sein, von Anfang an entgegen und ist bis heute zu hören, aber der Erfolg gab den Initiatoren recht und zog weitere Interessierte an wie Gröning samt Ehefrau.

Heute leben in Wulkow etwa 250 Menschen, das Dorf ist entgegen dem Trend gewachsen. Man setzt auf Öko-Landbau, Energieberatung, Gewässerpflege, Fischzucht. Vier- bis fünfmal im Jahr gibt es einen Wochenmarkt für regionale Produkte. Hauptanziehungspunkt ist das sogenannte Ufo, ein Niedrig-Energie-Haus mit 200 Quadratmetern, das mit Erdwärme und Sonnenkollektoren beheizt wird. Vor zehn Jahren, als das Dorf auch Außenstelle der Expo 2000 war, gab es großen Zuspruch und viele Interessierte. Von 40 bis 50 Öko-Seminaren im Sommerhalbjahr kann man heute nur noch träumen. Auch der Besuch von Schulklassen aus dem nahen Frankfurt hat nachgelassen. Da es kaum mehr öffentlichen Nahverkehr gibt, scheuen Lehrer und Schüler den Anmarschweg über die märkischen Felder.

Trotzdem denkt Peter Gröning nicht ans Aufgeben. Im Frühsommer wurde das Erdgeschoss des vierstöckigen frisch renovierten Öko-Speichers mit Cafe, Bio-Laden, Büro und Veranstaltungsraum eröffnet. Darin stecken 100.000 Euro Fördermittel und unzählige freiwillige Arbeitsstunden. Dem Verein Öko-Speicher steht der 63-jährige Ex-Banker vor. Und der hat für den als "Tag für Wulkow" deklarierten Arbeitseinsatz den im DDR-Deutsch gebräuchlichen Begriff "Subotnik" in seinen Sprachschatz übernommen - anders als die "Kaufhalle", die Gröning konsequent "Supermarkt" nennt.

Die Platten der Terrasse vor dem Öko-Speicher sind von Jugendlichen aus aller Herren Länder gelegt, die im Rahmen eines alljährlich stattfindenden Work-Camps drei Wochen lang nach Wulkow kommen, angeheuert von einem "Verein junger Freiwilliger". Wenn dann die 20-Jährigen aus Afrika, Asien oder Russland das Erreichte in Ost-Brandenburg bewundern, relativieren sich die Vorbehalte der Älteren gegen die Folgen der Einheit relativ schnell. Dann erscheinen die Unsicherheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, die höhere Miete und die gestiegenen Strom- und Wasserpreise plötzlich in einem anderen Licht.

Trotzdem sieht Peter Gröning die Mauer in den Köpfen der heute 50- bis 60-Jährigen noch mindestens eine Generation lang bestehen. Und zwar nicht nur bei den Menschen im Osten, wo bei vielen "vieles weggebrochen" ist, wo die Arbeitslosigkeit auch den Verlust gesellschaftlichen Ansehens zu Folge hatte, wo das unterschiedliche Lohnniveau zwischen Ost und West die Abwanderung fördert und Eigeninitiative lähmt. Auch im Westen stellt der Rheinländer noch viel Ignoranz gegenüber dem Osten fest. "Wie kann man nur so bescheuert sein und in die Zone gehen", schallte es ihm bis zum Ende der 1990-er Jahre entgegen, wenn er mal wieder in seiner ehemaligen Stammkneipe in Essen auftauchte. "Schon bei dem Wort 'Zone' stellten sich mir die Nackenhaare auf", sagt Gröning und begründet unter anderem damit, warum er nur selten in die alte Heimat fährt. Macht er es doch, hört er, dass man im Ruhrgebiet mancherorts "nur noch mit dem Panzer über die Straßen fahren kann", während in Bautzen, Görlitz und Dresden "alles schnieke" sei. Aber wenn so ein Wessi dann doch nach Wulkow fahre, ans "östliche Ende der zivilisierten Welt", sei er "erschlagen von der Tatsache, dass hier keiner aufgefressen wird".

Aber auch manche Wulkower pflegen ihre Vorbehalte. Nicht nur gegen Wessis, auch gegen die unmittelbar benachbarten Polen. In Vorwende-Zeiten, heißt es, kauften die Polen alles leer, jetzt hat man trotz sinkender Rate Angst vor Kriminalität. Und über die Grenze wird allenfalls zum Tanken, Einkaufen oder Haareschneiden gefahren.

Trotz allem ist die deutsche Einheit für Peter Gröning "ein Segen". Der umtriebige Rentner belässt es bei dieser Feststellung und schildert, wie er es genießt, "von Hahn, Schaf, Ziege oder Trecker geweckt" zu werden. Das "ständige Summen des Ruhrgebiets" muss er "nicht mehr hören". Etwas Sehnsucht aber bleibt: Mit dem Kopf ärgert er sich über den Abstieg der letzten ostdeutschen Fußball-Erstligisten. Mit dem Herzen aber fiebert er bei jedem Spiel von Schalke 04 mit.

Der Autor war bis 2005 Korrespondent

des Deutschlandradios in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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