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Jutta Witte
Zwei Ost-Berliner in Bischofsheim - mit der Tochter kam das Heimatgefühl

PORTRÄT II Dana Möricke und Andreas Hennig wollten nach dem Mauerfall nur für kurze Zeit in den Westen. Doch im Rhein-Main-Gebiet schlugen sie Wurzeln

Sie haben die erste Hälfte ihres Lebens in Ost-Berlin verbracht, den Fall der Mauer mitgefeiert und leben nun seit fast 20 Jahren mitten im Rhein-Main-Gebiet: Dana Möricke und Andreas Hennig fühlen sich pudelwohl in der kleinen Gemeinde Bischofsheim. Dabei wollten die beiden gar nicht so lange im Westen bleiben.

"Wir sind hier wirklich voll angekommen", resümiert Dana Möricke zufrieden auf dem Balkon ihrer Eigentumswohnung. Der Blick geht über den Main und die Weinberge der Nachbarstadt Hochheim. Es ist Fußball-WM und Fahnen wehen an den Mehrfamilienhäusern der Siedlung. Spielt die deutsche Mannschaft, fiebern Dana, ihr Lebensgefährte Andreas Hennig und die elfjährige Tochter der beiden, Hanna, beim Public Viewing im Bürgerhaus mit.

Dana und Andreas, seit ihrem 16. Lebensjahr befreundet, sind beide in Ost-Berlin aufgewachsen. Ihre Familien waren unpolitisch, pflegten aber eine kritische Distanz zu dem Regime, in das die beiden hinein geboren worden waren. Etwas Rebellion, erinnert sich Dana, sei schon möglich gewesen. Sie habe früh gelernt, die Dinge kritisch zu sehen. Ihre Eltern stellten 1971 "völlig arglos" ihren ersten Ausreiseantrag. Fünf Jahre später zogen sie ihn zurück, weil sie Nachteile für ihr Kind befürchteten.

Der 41-jährige Andreas beschreibt seine Kindheit als "schön und sicher". Seine Familie arrangierte sich, "wie es wahrscheinlich 16 Millionen andere auch getan haben". Der gelernte Elektriker, der heute in Rüsselsheim arbeitet, konnte sich als Jugendlicher nicht vorstellen, aus Berlin wegzugehen: "Ich wollte meine Kumpels nicht im Stich lassen".

Doch Dana und Andreas bemerkten, dass sie überall an Grenzen stießen. In Folge des Ausreiseantrags verlor Danas Mutter ihre Arbeit als Arzthelferin, ihr Vater wurde versetzt. Sie wurden in ein festes Schema gepresst: Junge Pioniere, FDJ, Polytechnische Schule bis Klasse zehn. Schon damals wollte Dana ihren heutigen Beruf Friseurin erlernen, musste aber zunächst eine Lehre als Köchin machen. Ihr Freund Andreas schloss die Schule mit guten Noten ab, doch wurde ihm der Weg zum Abitur verwehrt. Warum, weiß er bis heute nicht: "Ich war enttäuscht, habe aber nicht darüber reflektiert."

Die erste große Wende nahm ihr Leben, als Danas Eltern im Oktober 1989 gemeinsam mit Onkel, Tante und Cousine über Ungarn in den Westen flüchteten. Sie wollten neu anfangen, "egal wo". Die Tochter blieb, wohnte mittlerweile mit Andreas zusammen - nur wenige hundert Meter von der Grenze entfernt: "Die Mauer ging quer über unsere Straße", erzählt Andreas. Niemand rechnete damit, dass sie fallen würde.

Schön sei es gewesen, damals in Berlin zu sein, erinnert sich Dana an die Tage, die dem Mauerfall vom 9. November 1989 folgten, und an ihren ersten Abstecher auf den Kurfürstendamm: "Es war eine extrem aufregende Zeit." Schon bald jedoch stellte sich den beiden die Existenzfrage. Als das Unternehmen, für das Andreas arbeitete, Ende 1990 auf Kurzarbeit umstellte, stand die Entscheidung, in den Westen zu gehen, nicht mehr zu Debatte. Sie zogen ins hessische Raunheim zu Danas Eltern, die ihnen in ihrer Vierzimmerwohnung ein Zimmer abtraten, und begannen ein neues Leben.

"Wir sind sofort gestartet und waren seitdem keinen Tag arbeitslos", berichtet Dana und bringt die Erwartungen, die sie damals hatten, auf den Punkt: "Wir wollten Arbeit haben, versorgt sein und reisen können." Dass sie für immer bleiben würden, glaubten weder ihre Berliner Freunde noch sie selbst: "Wir wollten für eine kurze Zeit weg - als Überbrückung, bis die wirtschaftliche Lage in unserer Heimat wieder besser wird."

Anfangs fiel es schon schwer, sich in der neuen Umgebung zu integrieren. Westdeutsche Vereinsstrukturen und das Leben in der Kleinstadt blieben ihnen zunächst fremd. Mit dem Herzen seien sie weiter in Berlin gewesen, beschreiben sie die damalige Gefühlslage. Dennoch blieben sie zwölf Jahre in Raunheim, um dann, als Hanna vier Jahre alt war, in ihre jetzige Wohnung nach Bischofsheim zu ziehen. Dabei gab das Kind den Ausschlag: "Erst als unsere Tochter 1998 hier zur Welt gekommen ist, haben wir uns richtig heimisch gefühlt", blickt Dana zurück.

Hanna besucht mittlerweile das Gymnasium in Rüsselsheim, ihre Mutter arbeitet fünf Stunden am Tag in einem Friseursalon. Im Vergleich zu ihren Jahren im Osten schätzt sie vor allem, dass sie nun ein eigenbestimmtes Leben führen kann. Auch auf Reisen erkundet die Familie am liebsten alles auf eigene Faust: "Pauschalurlaube sind uns ein Graus", sagt Andreas. Fahren die drei nach Berlin, hat Dana "immer das Gefühl, nach Hause zu kommen". Ihre Eltern leben heute in der Nähe Berlins, die meisten alten Freunde sind dort geblieben oder wohnen im Speckgürtel der Hauptstadt.

"Trotzdem wollen wir hier nicht mehr weg", versichern beide. Ihre Kindheit und Jugend in der DDR ist noch oft Thema - in Gesprächen auch mit Freunden aus dem Westen. "Wir haben unseren eigenen Staat untergehen sehen und drei Währungen erlebt - das kann sich heute niemand mehr vorstellen", resümiert Andreas. Er hege keinen Groll, blickt er auf die DDR-Zeit zurück, trotz vieler negativer Erfahrungen. Er hat darauf verzichtet, Einblick in seine Stasi-Unterlagen zu nehmen. Aber die Befürchtung, dass irgendwann alles in Vergessenheit geraten könnte, treibt ihn um: "Es war eine Diktatur", betont er. In der Klasse seiner Tochter will er seine Geschichte erzählten, wenn dort das Thema DDR ansteht. Seine Lebensgefährtin denkt über eine andere Form der Aufarbeitung nach: "Irgendwann", sagt sie, "schreibe ich vielleicht einmal eine Familienchronik."

Die Autorin arbeitet als freie

Journalistin in Wiesbaden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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