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Hans-Jürgen Fink
Crash-Kurs im Osten

UNTERNEHMEN Die industrielle Struktur der DDR ist zerschlagen. Doch hinter High-Tech-Clustern wie dem Chemiedreieck bleiben sogar westdeutsche Regionen zurück

Nach diesem Tag war nichts mehr wie zuvor. Nur wenige Minuten war dieser Sonntag alt, da stürmten die ersten Ost-Berliner aus der Bankfiliale am Alexanderplatz und reckten die neuen blauen Scheine jubelnd in die Berliner Sommernacht. Endlich war sie da - die D-Mark, und mit ihr der Traum von Wohlstand, Freiheit und gleichen Lebensbedingungen wie im Westen. "Kommt die D-Mark nicht zu mir, gehen wir zu ihr..." hatten die Demonstranten im Winter 1989/90 auf den Straßen und Plätzen der DDR skandiert. Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung in Bonn nicht. Über alle Bedenken führender Wirtschaftsexperten hinweg setzte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) - den Massenexodus der Ostdeutschen vor Augen - auf eine politische Lösung: die schnelle Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Am 1. Juli 1990, drei Monate vor der staatlichen Vereinigung, trat sie in Kraft. Löhne, Renten und Bargeld wurden 1 zu 1 respektive 1 zu 2 gegen harte D-Mark getauscht - ein Geschenk, das sich für die DDR-Wirtschaft schneller als gedacht als vergiftet erwies.

Tatsächlich wirkte die Währungsunion wie ein Schock, der die Kombinate und Volkseigenen Betriebe (VEB) in den Untergang führte. Über Nacht wurden sie schutzlos in eine globale Wettbewerbssituation katapultiert. Diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen. Die Produktions- und Beschäftigungsstruktur der DDR entsprach den bundesdeutschen Verhältnissen der 1960er Jahre. Die ostdeutschen Produkte waren auf den Weltmärkten kaum gefragt. Wenn doch, deckten die Erlöse die Kosten nicht.

Auch die heimischen Märkte gingen verloren. Versicherungsagenten und Autohändler, Banken, Baumärkte und Discounter fielen wie Heuschrecken in die DDR ein und schöpften die neue Kaufkraft ab. Selbst Joghurt und Käse aus eigenen Landen blieben in den Läden links liegen. Schließlich kappten die alten Partner im RGW, dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe des Ostblocks, die traditionellen Kontakte. Mit ihren Devisen kauften Russen, Polen, Tschechen und Ungarn lieber gleich die weit attraktiveren Waren im Westen ein. Folge: Binnen Jahresfrist sank die ostdeutsche Wirtschaftsleistung auf ein Viertel des letzten DDR-Jahres.

Verkaufen um jeden Preis

Die Wende zum Aufschwung Ost, den Systemwechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft sollte die Treuhandanstalt organisieren. Noch von der DDR-Regierung unter Hans Modrow (PDS) war sie gegründet worden, um die sozialistischen Betriebe fit zu machen für die kapitalistische Zukunft. Für eine behutsame Sanierung aber fehlten Zeit und Geld. Privatisierung ist die beste Sanierung, verkündeten stattdessen die von Bonn eingesetzten Behördenchefs Detlev Karsten Rohwedder und Birgit Breuel. Verkaufen um jeden Preis hieß fortan die Anstaltsmaxime. Als die Treuhandanstalt am 31. Dezember 1994 ihre Bücher schloss, hatte sie 4.000 VEB direkt abgewickelt, 10.000 weitere in Teilen verkauft - teils weit unter Wert, stets mit üppigen Beihilfen als Mitgift, meist ohne Kontrolle über das weitere Schicksal. Ein Dorado auch für Glücksritter und Betrüger: Erwerber übernahmen Betrieb und Beihilfen, verkauften die Immobilien, meldeten Konkurs an und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Oft wurden die Filetstücke marktgängiger Produkte in den westdeutschen Mutterkonzern transferiert, die Kapazitäten im Osten geschlossen.

Anders gingen ausländische Interessenten vor. Sie wollten nicht nur neue Märkten erobern, sondern die geeigneten Produktionsstandorte dazu, so wie die Amerikaner (Dow Chemical) in Buna oder die Franzosen (Elf Aquitaine) in Leuna. Mit Solvey in Bernburg oder Opel in Eisenach kehrten Alt-Eigentümer an ihre Vorkriegsstandorte zurück. Hier und dort gelang es sogar, eher politisch begründete DDR-Anlagen wie die Raffinerie in Schwedt oder das Stahlwerk Eisenhüttenstadt zu sanieren. Überlebt haben auch manche MBO's (Management Buy-Out): Mitarbeiter kauften ihren sozialistischen Betrieb, übernahmen die Schulden, erkämpften Kredite, entdeckten Marktnischen, in denen sie reüssierten. Fast märchenhaft liest sich die Erfolgsgeschichte der Rotkäppchen-Sektproduzenten, die mit der Übernahme von Mumm auch im Westen Fuß fassen konnten. Dennoch: Der Crash-Kurs der Treuhand hat Existenzen vernichtet, die im neuen Deutschland durchaus ihren Platz hätten behaupten können.

Auf 600 Milliarden D-Mark hatte Rohwedder das volkswirtschaftliche Vermögen der DDR ursprünglich geschätzt. Unter Treuhand-Regie verwandelte es sich in einen Schuldenberg von rund 270 Milliarden D-Mark und mehr. Die industrielle Struktur der DDR war zerschlagen. Von 4 Millionen Werktätigen in Treuhand-Betrieben hatten am Ende noch 1,5 Millionen einen Job. Übrig blieben kleine und mittlere Produktionseinheiten. Mit 3.500 Arbeitnehmern ist die Thüringer Jenoptik heute das größte Unternehmen in Ostdeutschland, das zudem - eine Rarität -über eine selbständige Firmenzentrale sowie über eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung verfügt. Die übrigen fungieren meist als verlängerte Werkbank bundesdeutscher oder ausländischer Konzerne, ohne eigenes Marketing und direkten Marktzugang.

Technologisch indes machten die Industriebetriebe in den vergangenen 20 Jahren einen halben Jahrhundertsprung nach vorne. Entsprechend dynamisch entwickelte sich die Produktivität. Viele Unternehmer verabschiedeten sich vom bundeseinheitlichen Tarifsystem, reduzierten die Arbeitskosten und haben so im Wettbewerb oft auch international die Nase vorn. Mit einem Anstieg von 12 Prozent Mitte der 1990er Jahre auf jetzt 33 Prozent zeigt die ostdeutsche Exportquote einen klaren Aufwärtstrend.

Starke Landwirtschaft

Gut steht die postsozialistische Landwirtschaft da. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) haben sich in Gesellschaften bürgerlichen Rechts umgewandelt und dabei ihre großen Flächen weitgehend behalten. So passten sie hervorragend in das Förderkonzept der Brüsseler Agrarpolitik, die generell großbäuerliche Strukturen begünstigt. Nach grundlegender Modernisierung des Maschinenparks sind sie leistungsfähiger als die Einzelbauern im Süden und Südwesten der Republik.

Auf dem Lande wie in der Industrie setzte der Aufschwung erst Mitte der 1990er Jahre ein. Grund dafür war vor allem auch das im Einigungsvertrag festgeschriebene Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung", das jenen Personen, die die DDR vor 1989 verlassen hatten, das Recht auf Restitution ihrer Immobilien zusicherte. Unklare Daten- und Beweislagen in den Grundbuchämtern führten zu oft jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen, die sich als Investitionshemmnisse erwiesen.

Dagegen wirkten die vollen Fördertöpfe von Bund und Ländern gerade in der ersten Phase nach der Wiedervereinigung als wahrer Segen: Dank verkürzter Planungsprozesse konnten Autobahnen und Bundesstraßen, öffentliche Gebäude, Gewerbegebiete, Kläranlagen, Kanal- und Versorgungssysteme zügig erneuert oder neu gebaut werden. Historische Altstadtkerne wurden gerettet, Plattenbauten saniert. Die Telekom verkabelte Stadt und Land, die Deutsche Bahn erneuerte Gleisanlagen und Bahnhöfe. Ein Bauboom ohnegleichen schuf eine Infrastruktur, die den Westen in der Tat "alt" aussehen lässt. Auch wenn Abschreibungsobjekte hier und da am tatsächlichen Bedarf weit vorbeigeplant wurden und manche großspurigen Ansiedlungsversprechen platzten: Es war dieser Aufbruch der frühen Jahre, der den Aufschwung in Gang setzen sollte.

Heute hat die industrielle Leistungskraft (BIP) Ostdeutschlands Dreiviertel des Westens erreicht. Die Dynamik des Anfangs ist freilich verloren gegangen, eine weitere Annäherung so bald nicht in Sicht. Noch trägt sich die Wirtschaft in den neuen Ländern nicht selbst, hängen deren Haushalte weiter am Tropf. Forschung und Entwicklung, die wichtigsten Wachstumsfaktoren, finden weitgehend in den west- und süddeutschen Ballungsgebieten statt; der Osten hinkt hinterher. Allerdings führt der starre Ost-West-Vergleich zunehmend in die Irre: Wo High-Tech-Cluster gewachsen sind (das Chemiedreieck etwa oder Jena, Dresden, Eisenach) bleiben nord- und westdeutsche Regionen zurück. Dies wird die (Förder-)Politik nach dem Auslaufen des Solidarpakts zu berücksichtigen haben. Der Wettbewerb entscheidet sich dort, wo in die Köpfe investiert wird - und nicht in Beton.

Der Autor war bis 2007 Mitglied der Chef-

redaktion von "Deutschlandradio Kultur"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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