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Sandra Ketterer
Gute Luft, wenig Geld und 1.000 Kanus

ORTSTERMIN OST I Der verarmte Landkreis Demmin setzt auf Wasser und Bootsfahrten

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, der Landkreis Demmin ist der Kreis mit der zweitniedrigsten Kaufkraft in ganz Deutschland. Und ja, er hat die höchste Arbeitslosenrate in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Landrat Siegfried Konieczny (Die Linke) seufzt, wenn er danach gefragt wird. Er beklagt eine "gewisse Stigmatisierung", die sein Kreis erfahren habe. Die Menschen hätten oft ein Bild absoluter Trostlosigkeit im Kopf, wenn sie an seine Region dächten.

Wer sich auf den Weg nach Demmin macht, sieht zunächst viel Gelb und Grün: gelbe Getreidefelder, die sich über Kilometer rechts und links des Weges strecken; grüne Wälder und Weiden, auf denen hin und wieder ein Storch steht. "Die sauberste Luft und die unverbauteste Landschaft" gebe es hier, sagt Konieczny, "ein Wert, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann".

Doch der Kreis hat auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch allergrößte Probleme: Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 16 Prozent. Das ist sogar ein Fortschritt: Vor sechs Jahren waren fast doppelt so viele Bürger, nämlich 30,2 Prozent, ohne Job. Dazu kommt, dass die Zahl der Einwohner gesunken ist, von gut 99.000 im Jahr 1995 auf rund 80.500 Ende 2009. Die verbleibende Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter. 1999 waren noch mehr als 11 Prozent der Einwohner zwischen 6 und 15 Jahren jung, 2008 nur noch knapp 7 Prozent. Dafür stieg die Zahl derjenigen, die älter als 74 Jahre sind, von 5,5 auf 9,2 Prozent.

Der Landkreis Demmin liegt in der Mitte Mecklenburg-Vorpommerns, etwa zwei Stunden Autofahrt entfernt von den Metropolen Hamburg und Berlin. Die größte Stadt ist die Hansestadt Demmin mit mehr als 12.000 Einwohnern. Einige bundesweit bekannte Firmen haben sich im Süden des Kreises angesiedelt, etwa die Discounterkette Netto mit ihrer Firmenzentrale in Stavenhagen - eine der Erfolgsgeschichten Demmins. Die Kommune habe Mitte der 1990er seine Gewerbegebiete sehr preiswert angeboten, erzählt Konieczny: "Die Verantwortlichen wollten nicht an der Fläche, sondern den späteren Gewerbesteuern verdienen." Hier hätten sich schnell Unternehmen angesiedelt; an anderen Standorten, wo die Preise höher gewesen seien, blieben die Flächen leer. Im Norden des Kreises dominiert die Landwirtschaft. Hier gibt es auch die meisten Arbeitslosen.

Nach der Wende gingen zunächst die großen Agrarbetriebe pleite. Für viele Mitarbeiter der Bauern, Molkereien, Maschinen- und anderen mit dem Sektor verbundenen Betriebe blieb nur der Gang zum Arbeitsamt. Einige kamen bei Bauunternehmen unter, die in den 1990er Jahren aus dem Boden schossen, dann aber vielfach pleite gingen, als der Bedarf an Häuser- und Straßenbau nachließ. Heute setzt der Kreis unter anderem auf Tourismus, hat etwa nach eigenen Angaben mehr als 100.000 Euro aus dem Konjunkturpaket II in Schwimmstege für Kanus an der Peene investiert. "Das hat dazu beigetragen, dass sich die Region als Kanulandschaft etabliert", sagt Konieczny.

Was die Zukunft bringt, ist ungewiss. Denn im Herbst kommenden Jahres werden die zwölf Kreise Mecklenburg-Vorpommerns voraussichtlich in sechs neue Kreise zusammengefasst. Den Landkreis Demmin wird es dann nicht mehr geben. Sein Gebiet soll zweigeteilt werden.

Die Autorin arbeitet als freie

Journalistin in Hamburg und Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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