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Sandra Ketterer
Vom Zonenrand in die Mitte

ORTSTERMIN WEST I Der Kreis Herzogtum Lauenburg lockt mit guten Standortbedingungen

In der Priesterkate in Büchen ist die innerdeutsche Teilung immer noch lebendig. Mit einer Dauerausstellung erinnern die Bürger in dem reetgedeckten Backsteingebäude, dem wohl ältesten denkmalgeschützten landwirtschaftlichen Gebäude des Kreises Herzogtum Lauenburg, an das, was sich jahrzehntelang vor ihrer Haustür abspielte. Der Kreis in Schleswig-Holstein gehörte einst zum "Zonenrandgebiet", zählte zu den westdeutschen Landstrichen, in denen sich besonders wenig Unternehmen ansiedelten.

Der Fall der Mauer 1989 und die Einheit ein Jahr später hatten auch für die Lauenburger gravierende Folgen. Denn bis dahin bot die geografische Randlage auch einen Vorteil, erhielt der Kreis doch vom Bund die "Zonenrandförderung", etwa steuerliche Vergünstigungen. Dieser Vorzug fiel mit der Einheit weg, der Bund gab das Geld nun in den Osten. "Das hat erstmal zu einigen dramatischen Verwerfungen geführt", erinnert sich Landrat Gerd Krämer (parteilos). So wanderten Unternehmen nach Mecklenburg-Vorpommern ab, wo eine höhere Förderung lockte.

Die Lauenburger behalfen sich mit einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die sie schon 1989 gründeten. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Immerhin 560 Unternehmen mit 8.800 Arbeitsplätzen haben sich Krämer zufolge bis zum vergangenen Jahr angesiedelt. Seit das Land vereint sei, habe der Kreis einen neuen Standortvorteil: "Wir sind jetzt mittendrin in Deutschland, deswegen sind wir für Unternehmen attraktiv."

Etwa 187.000 Einwohner wohnen heute im einstigen Herzogtum Lauenburg, dessen Gebiet seit dem 14. Jahrhundert fast unverändert ist. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Menschen hinzugezogen, etwa 27.000 seit 1990, meist aus Hamburg. Reduziert hat sich dagegen die Arbeitslosenquote: Betrug sie 2003 noch 8,5 Prozent, lag sie im Juli dieses Jahres bei 6,4 Prozent. Und das trotz Wirtschaftskrise: Hier mache sich die Struktur der Firmen, nämlich überwiegend kleinere und mittlere Betriebe, positiv bemerkbar, sagt der Landrat. Darin stimmt ihm Lars Schöning zu. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lübeck spricht von einer "stabilen Wirtschaftsstruktur" und "exzellenten Standortbedingungen": Die Nähe zu Hamburg und den Wirtschaftsräumen Berlin, Lüneburg und Lübeck sowie bezahlbare Gewerbeflächen machten den Reiz aus.

Einen Schwerpunkt hat der Kreis auf Tourismus gelegt. Das sieht man der offiziellen Statistik auch an. Denn die meisten Beschäftigten finden sich im Dienstleistungssektor, fast 10.000 in Handel, Gastgewerbe und Verkehr und mehr als 17.000 laut Statistik in "sonstigen Dienstleistungen". Obwohl 60 Prozent der Fläche des Kreises für die Landwirtschaft genutzt werden, arbeiten in dieser Sparte nur knapp 700 Menschen.

Das Verhältnis zu den ehemals neuen Nachbarn im Osten bezeichnet Landrat Krämer inzwischen als "gut und sachlich". Er führt als Beispiel ein Naturschutzprojekt an, das die beiden ostdeutschen Kreise Nordwestmecklenburg und Ludwigslust sowie Lauenburg im Westen gemeinsam mit dem World Wide Fund For Nature (WWF) betreiben. Die Natur ist ein Pfund, mit der das ehemalige Herzogtum wuchern will: Gehetzte Großstädter sollen im Naturpark Lauenburgische Seen ihre Ruhe finden oder auf dem Elbe-Radweg ihren Alltag abstrampeln. Landrat Krämer verweist stolz auf mehr als 600.000 Übernachtungen - in Herbergen mit mehr als neun Betten - im vergangenen Jahr. Dieses Potenzial wollen die Einwohner des einstigen Zonenrandgebietes ausbauen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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