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Johanna Metz
»Die Stasi hat es nicht geschafft, aus mir einen verbitterten Menschen zu machen«

VERFOLGTE Kerstin Starke saß wegen »staatsfeindlicher Hetze« viereinhalb Jahre im Knast in Hohenschönhausen. Vergessen kann sie nicht - aber ihre Lebensfreude hat sie trotzdem nicht verloren

Sieht so eine "Verräterin" aus? Kerstin Starke* schlendert die Promenade entlang - blumenbedruckte Bluse, offener Blick - ein herzliches, auch etwas verlegenes Lachen auf den Lippen: "Wissen Sie, ich schaff' das eigentlich nicht mehr", erklärt die 67-Jährige entschuldigend. "Ich habe zweimal Krebs gehabt, einen Herzinfarkt und kämpfe mit meinem Asthma. Ich brauche Ruhe. Da will ich meinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen." Ihre Geschichte erzählt sie beim Spaziergang um die Rummelsburger Bucht in Berlin daher als "Kerstin Starke". Ein "Volksschädling" sei sie gewesen, steht in ihrer Stasi-Akte. Ein hartes Urteil über eine junge Frau, die sogar an den Sozialismus als das bessere System glaubte.

Ihre Geschichte beginnt 1978. Auf ihrer Schreibmaschine Marke "Erika" verfasst die damals 35-Jährige Alltagsgeschichten aus dem real existierenden Sozialismus. Starke ist Abteilungsleiterin im Zentralen Warenkontor der DDR-Hauptstadt. Als sie Sonder-Bestelllisten für leitende Funktionäre entdeckt - begehrte "Bückware" für die Genossen, auf die der Durchschnitts-DDR-Bürger lange warten muss - ist ihr Gerechtigkeitssinn verletzt. Außerdem kann sie nicht verstehen, warum der Staat seine Bürger einsperrt; sie leidet unter der Unfreiheit. "Ich hatte Fernweh zum Verrücktwerden, wenn ich Postkarten von meinem Bruder aus dem Westen bekommen habe", sagt sie. Starke nimmt Kontakt zu einem ZDF-Korrespondenten in Ost-Berlin auf, überbringt ihm ihre Geschichten und die Kopien der Bestelllisten, hofft, dass die Presse im Westen das interessiert. Die Stasi nimmt schnell Fährte auf. Bald wird Starke identifiziert und monatelang rund um die Uhr observiert. Im Mai 1979 hat der Geheimdienst genug Beweise für eine Anklage, Starke wird verhaftet. Vorwurf: Staatsfeindliche Hetze. Ihre Texte werden nie veröffentlicht.

Die junge Frau wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, viereinhalb davon sitzt sie ab. Als sie im Sommer 1983 vorzeitig aus dem Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen entlassen wird, ist Starke 40 Jahre alt und sehr allein. Von ihrem Mann, der selbst kräftig in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, hat sie sich scheiden lassen. Zu ihrem Sohn hat sie den Kontakt verloren, er ist mit dem Vater in den Westen gegangen. "Das Regime hat mir ein Zehntel meines damaligen Lebens weggenommen", sagt sie heute. "Und meinen Sohn." Der ist zwölf, als die Mutter verhaftet wird. Ihr wird das Sorgerecht entzogen, der Pubertierende gibt ihr die Schuld an der Situation. Starke sieht ihn bis heute nur ein einziges Mal wieder. Der inzwischen 44-Jährige lebt immer noch beim Vater, hin und wieder schreiben sie sich Briefe, mehr nicht. "Mein Sohn hat gelitten in der Schule, die Lehrer haben ihn sehr gemein behandelt wegen meiner Geschichte", sagt Starke. "Das muss ein schrecklicher Knacks für ihn gewesen sein." Der Verlust ist bis heute ihr Trauma. "Ich denke immer: Welches Verhältnis könnten wir heute haben?" Sie blickt nachdenklich über die Bucht. Dann atmet sie durch und sagt entschlossen: "Die Stasi hat es trotz allem nicht geschafft, aus mir einen verbitterten Menschen zu machen. Ich kann nicht ständig darüber nachdenken, was mir von meinem Leben gestohlen worden ist."

Verdränger und Verklärer

Und doch, es gibt diese Wutmomente. Loblieder auf die DDR kann sie schwer ertragen; es ärgert sie, wenn gesagt wird, die DDR sei kein Unrechtstaat gewesen: "Dabei kann man von morgens bis abends aufzählen, was es alles an Unrecht gab!" Aber Starke will sich über die Verdränger und Verklärer nicht unnötig aufregen: "Es hat keinen Sinn. Genau das führt in die Verbitterung und das will ich nicht." Nur ihren Vernehmer würde sie gern noch mal treffen, den Mann, der sie Tag für Tag stundenlang verhörte, der ihre einzige Bezugsperson war im Knast. Irgendwie war er ihr sogar sympathisch. "Ich möchte wissen, ob er mal zu der Einsicht gekommen ist, dass es Mist war, was er gemacht hat." Sie hat versucht, ihn zu finden, sie kennt seinen Namen. "Aber finden Sie in Deutschland mal einen, der Schulze* heißt. Das ist wie die Nadel im Heuhaufen suchen."

Also blickt Starke lieber nach vorne. Den Mauerfall betrachtet sie bis heute als großes, überraschendes Glück. "Endlich frei! Ich hätte den ganzen Tag singen und tanzen können." Aber ausgerechnet am 9. November 1989 kämpfte sie mit ihrem Asthma. Tagelang saß sie röchelnd vor dem Fernseher. Der so lang ersehnte Spaziergang in den Westen musste fünf Tage warten.

Seither aber hat sie ihre neuen Freiheiten ausgiebig genutzt: Sie hat an der Volkshochschule Französisch gelernt, ist viel gereist. Überzogene Erwartungen an den Westen hatte sie trotzdem nie: "Ich wusste schon aus dem West-Fernsehen und von den Erzählungen meines Bruders, dass dort keine gebratenen Tauben durch die Gegend fliegen."

Auch für ihren zweiten Mann erwies sich der Westen nicht als Schlaraffenland. Er verlor seine Arbeit, litt unter der Perspektivlosigkeit. Wenige Jahre nach der Wende starb er viel zu früh an einem Herzinfarkt.

Starke hingegen arbeitete schon seit 1987 im öffentlichen Dienst. Bis zu ihrer Rente 2005 verkaufte und vermaß sie Grundstücke. "Das war eine tolle Zeit", sagt sie und ihre Augen leuchten bei der Erinnerung.

Heute lebt Starke in einer kleinen Mietwohnung in Berlin-Lichtenberg. Neben ihrer Rente bekommt sie Geld von der sogenannten Kriegsopferversorgung vom Versorgungsamt, aus dieser Kasse werden seit der Wende auch frühere Stasi-Opfer entschädigt. "Es geht mir gut", versichert Starke, die überlegt, ob sie ein Buch über das Erlebte schreiben soll. Doch erst mal fliegt sie im September für einige Tage nach New York und Kanada - ein lang gehegter Traum. "Da wollte ich schon immer mal hin", erklärt Starke. "Das muss man doch machen, so lange es noch geht, stimmt's?"

Nein, verbittert ist Kerstin Starke nicht geworden. Nicht mal ihren schon bei der Stasi berüchtigten Humor hat sie verloren. Zum Abschied erzählt sie einen Witz: "Ein Stasi-Oberst ist auf der Jagd, schießt aber nur einen Hasen. Verärgert schüttelt er den Hasen und schreit ihn an: Gestehe, dass Du ein Hirsch bist!" Starke lacht herzhaft. Die Jäger der Stasi haben aus ihr definitiv keinen Angsthasen gemacht.

*Namen von der Redaktion geändert

Aus Politik und Zeitgeschichte

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