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Andreas Förster
Das leichte Abgleiten in die Szene und der schwere Weg heraus

NEONAZIS Erst nach zwei Wochen Untersuchungshaft begann sich Olaf von seinen rechtsextremen Kumpeln zu lösen - und dann auch von den Klischees in seinem Kopf

Michael will er in dem Artikel heißen, sagt er. "Oder nein, doch besser Olaf", schiebt er hastig nach: "Da kommt keiner drauf." Also Olaf*. 32 Jahre ist er alt, ein großer, kräftiger Mann. Keiner, der sich leicht einschüchtern lässt, sollte man meinen. Aber doch einer, der Angst hat - Angst davor, dass ihn die Fehler seiner Vergangenheit sein Leben kaputtmachen. "Mein neues Leben", betont Olaf.

Wann das alte endete, kann er nicht sagen: "Ich bin nicht eines Morgens aufgestanden und hab gesagt: So, ab heute bin ich kein Nazi mehr." Ein Prozess sei das gewesen, ein langsames Herauswachsen aus dem alten Ich, aus den Ideen, den Parolen. Aus der rechten Gemeinschaft, die ein Miteinander verhieß, doch nicht viel mehr war als eine Kumpanei.

Olaf stammt aus Vorpommern. Das klingt so vergessen wie es der Landstrich rund um Anklam nahe der polnischen Grenze auch ist. Auf einem Dorf hier ist er aufgewachsen, bei seiner Mutter. Kein Vater war da, doch trotz aller Schwierigkeiten hatte er eine behütete Kindheit. Ein braver Junge war er, tat alles, was die Mutter sagte, in der Schule war er leidlich fleißig.

Aber es war langweilig auf dem Dorf. Nach Anklam sind er und seine Freunde dann gefahren, als sie älter wurden und nicht mehr nur Fußball spielen und im Badeteich toben wollten. "Irgendeiner fing an, mit so blöden Sprüchen über Juden und Polacken", erzählt er: "Wir haben gelacht, und jeder wollte den anderen übertreffen, damit er mehr Beifall bekommt, mehr Selbstbestätigung." So einfach sei es losgegangen, erzählt Olaf und schüttelt den Kopf, als wundere er sich noch immer darüber. 14, 15 Jahre alt waren er und seine Freunde damals. In Anklam lernten sie neue Kumpels kennen, "die waren schon härter drauf", protzten damit rum, wie sie an den Wochenenden "Türken klatschen" oder einen Döner abfackeln.

Aber es waren nicht die großen Worte, die Olaf anzogen. Viel wichtiger war, dass einige der neuen Kumpels ihm zuhörten, wenn er erzählte, ihn fragten, was denn so los sei bei ihm zu Hause, im Dorf, auf der Schule. "Die haben sich für mich interessiert, das war nicht gespielt", sagt er. Und blöd seien sie auch nicht gewesen. "Über Politik haben wir geredet, darüber, dass immer mehr Ausländer nach Deutschland kommen und bei uns da oben keiner einen Job bekommt. Über so was konnten wir in der Schule gar nicht reden."

Er war immer öfter in Anklam, ging auf Parties, trank da Bier und hörte Musik, die verboten war. "Ich gehörte dazu, rasierte meinen Kopf, trug Springerstiefel", berichtet Olaf. "Ich wusste, ich falle auf, ich tat etwas, was man nicht machen darf. Das war ein tolles Gefühl." Ab und zu trafen sie sich mit Rechten aus anderen Städten. Sie hatten sich Decknamen ausgedacht und Codes für Verabredungen. Manchmal lauerten sie anderen Jugendlichen auf. "Zecken", sagt Olaf und erschrickt, weil er in den alten Slang verfallen ist. "Ich meine natürlich Linke." Ein aufregendes Leben sei das gewesen.

Olaf machte seinen Schulabschluss, fing in Neustrelitz eine Lehre als Bauschlosser an. Mit den Freunden aus Anklam traf er sich nun seltener, aber die sorgten dafür, dass er in Neustrelitz Anschluss fand in der Szene. In der Kameradschaft der Neonazis.

Was er so getrieben hat in diesen Jahren, darüber will Olaf nicht reden. Schlägereien, Schmierereien, dies und das, sagt er nur. "Das ist jedenfalls nichts, worauf ich stolz sein kann", fügt er hinzu. Später wird er von Scham sprechen, die er heute noch empfindet, wenn er an damals zurückdenkt.

Im Sommer 1999 holte ihn die Polizei ab, nicht das erste Mal. Einen Brand hatte es diesmal gegeben, in einem Wohnhaus. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden, niemand war zu Schaden gekommen. Aber es waren Menschen in dem Haus, Ausländer, und deshalb war es Mordversuch.

»Das war kein Spaß mehr«

Olaf konnte man eine Beteiligung nicht nachweisen. Er sei auch nicht dabei gewesen, sagt er heute, aber er habe die Täter gekannt. "Plötzlich fing ich an zu zweifeln daran, was wir machten", erinnert er sich: "Das war kein Spaß mehr." Er saß in Untersuchungshaft, zwei Wochen. "Da habe ich das erste Mal mit mir gekämpft, Schluss zu machen, auszusteigen und der Polizei zu sagen, wer den Brand gelegt hat. Aber die Angst war größer."

Als er ohne Anklage freikam, spürte er Misstrauen bei den anderen. Auch weil er nicht mehr zu jedem Treffen kam, Termine vorschob: "Ich hatte keine Lust mehr. Ich merkte, das läuft auf eine endgültige Entscheidung über mein weiteres Leben hinaus." Die Kumpels spürten die Distanz; er merkte, wie sie über ihn redeten, hatte Angst: "Ich dachte, ich komme da nie raus."

Er hat es geschafft, auch weil er weg ging aus dem Norden, nach Berlin, dann in eine kleinere Stadt, in der er heute lebt. Er hat seitdem keinen der Ex-Kumpel mehr gesehen.

Doch noch schwerer als die Freunde loszuwerden, sei es gewesen, den Kopf freizubekommen, sagt Olaf: "Du hast die Scheiße im Kopf drin, deine Klischees, die Parolen, die so einfach klingen und mit denen sich alles erklären lässt." Davon wegzukommen, sei das Schwierigste. Ganz geschafft habe er es noch immer nicht, gibt er zu: "Aber ich bemühe mich." Wenn einer über Ausländer hetzt etwa, dann hält er zwar nicht dagegen, aber er steigt auch nicht mehr darauf ein. "Da merke ich, dass ich ein anderer geworden bin, einer, der es sich eben nicht mehr so leicht machen will beim Nachdenken."

Seiner Frau, die er 2009 geheiratet hat, erzählte er einmal von früher. Sie hat zugehört. "Das war gut." Seine neuen Freunde wissen nicht, dass er einmal Neonazi war. So soll es auch bleiben, sagt Olaf: "Damit es wirklich vorbei ist."

*Name von der Redaktion geändert

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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