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Helmut Herles
Immer noch »Raumschiff«

HAUPTSTADT Mythos und Wahrheit der »Berliner Republik«

"Berlin wird nicht Babylon - und Bonn nicht Krähwinkel." Das schrieb der damalige Bundespräsident Johannes Rau, nachdem der Bundestag zu seiner letzten ordentlichen Bonner Sitzung am 1. Juli 1999 im Bundeshaus zusammengekommen war. Alle Redner, auch die 1991 aus der Umzugsentscheidung des Parlaments siegreich hervorgegangenen Berlin-Befürworter, waren sich mit dem Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) einig, der in seiner Abschiedsrede von Bonn sagte: "Krieg und Nachkriegszeit haben unser Land tiefgreifend verändert. Das sollten auch jene begreifen, die heute in einer dümmlichen Weise von ,Bonner Republik' reden. (...) Wir gehen nach Berlin, aber nicht in eine neue Republik. Schon deshalb sollten wir darauf verzichten, von ‚Berliner Republik' zu reden."

Dies bestätigte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die am Ende des Umzugsjahres unter der Überschrift "In Berlin wie in Bonn" resümierte: "Nichts spricht dafür, dass sich seither im Zentrum der deutschen Politik etwas verändert hat, was mit dem Umzug aus der alten in die neue Bundeshauptstadt zu erklären wäre. Beinahe geschäftsmäßig haben die Verfassungsorgane ihre Arbeit aufgenommen. Nationales Pathos blieb aus. (...) Der Begriff von der ‚Berliner Republik' hat sich als Hirngespinst entpuppt." Und im Bonner "General-Anzeiger" hieß es: "Bonn heißt jetzt Berlin". Diese übereinstimmende Einschätzung traf damals zu - aber gilt sie auch heute noch?

Falsche Sprachsignale

Viel spricht dafür, viel aber auch dagegen. Was dagegen steht, sind falsche Sprachsignale und damit zusammenhängend Entscheidungen, die am Ende eben doch in eine andere Republik führen als die des Bonner Grundgesetzes. Längst haben sich zu viele angewöhnt, von Berliner und Bonner Republik zu schreiben, ohne zu bedenken, dass jedes Etikett einer Republik wie "die Weimarer" eine endliche Periode angibt. Wann soll demnach die Berliner Republik enden? Wir wollen doch die Bundesrepublik Deutschland auf Dauer. Also sollten wir auch so von unserem Staat reden.

Andere Beispiele: In Bonn war selbstverständlich stets vom Bund die Rede und von "Bundeshauptstadt". In Berlin verschwindet "Bund" zunehmend aus dem Sprachgebrauch: Es heißt zu oft Armee statt Bundeswehr. Allenthalben tönt es "Hauptstadt, Hauptstadt". Parlamentskorrespondenten nennen sich jetzt Hauptstadtkorrespondenten. Als lebte Deutschland nicht von vielen Hauptstädten her. Zum ersten Mal wurde mit und in Berlin sogar die "Hauptstadt" im Grundgesetz festgeschrieben.

Noch schwerer wiegt, dass sich falsche Begriffe von der Bonner Geschichte der Bundesrepublik in Berlin verselbständigt und vergröbert haben und in Handeln umgemünzt wurden. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog sagte schon Mitte der 1990er Jahre: "Das Ende des Trittbrettfahrens ist erreicht." Und Klaus Kinkel (FDP), seinerzeit Außenminister, meinte: "Wir müssen herunter von der Zuschauertribüne." Als sei die Bundesrepublik in Bonn von Trittbrettfahrern auf der Zuschauertribüne verantwortet worden.

Die Folge ist eine in Berlin anders, aber nicht besser gewordene Politik. Am schwersten wiegt dabei die Umwandlung der Bundeswehr von einer Kriegsverhinderungs- zur Kriegseinsatz-Armee. Nun steht eine weitere Berliner "Revolution von oben" bevor: Die Wehrpflicht soll nur noch ein Reserveartikel im Grundgesetz sein.

Dennoch hatten die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und der "General-Anzeiger" nach dem Umzug alles in allem recht. Der politische Betrieb, unter Einschluss des journalistischen, und die Verfassungsorgane funktionieren letztlich in Berlin wie in Bonn. Die Bundespressekonferenz, ein eingetragener Verein von Korrespondenten, ist allerdings zahlreicher und damit schwieriger geworden: 1990 in Bonn mit 508 Mitgliedern, heute in Berlin mit 812 und in Bonn mit 81. Der Verein der Auslandspresse und der Deutsche Presseclub arbeiten mit Programmen und Personen wie am Rhein. Gegen die "Vermassung" des Journalismus stellen sich wie in Bonn journalistische Kreise wie noch immer die "Gelbe Karte" oder Neugründungen wie "Tacheles" und exklusivere kleinere Zirkel wie der "Wohnzimmerkreis".

Längere Wege

Da hat sich also wenig geändert. Nur der politische Alltag ist durch die größeren Entfernungen und längeren Wege in den Sitzungspalästen an der Spree und durch die räumliche Trennung von Bundestag und Bundesrat schwieriger geworden. In Berlin ist alles mehr als eine Nummer größer - übrigens mit einer fatalen Fernwirkung auf das heutige Bonn: Sonst wäre die Stadt nicht in die Millionenfalle eines zusätzlichen Kongresszentrums am früheren Bundeshaus samt Abriss der denkmalgeschützten Villa der Parlamentarischen Gesellschaft getappt.

Sagte man Bonn seit Wolfgang Koeppens Roman "Das Treibhaus" Volksferne oder ein "Raumschiff"-Dasein nach, so hat sich das in Berlin eher gesteigert. Man verkehrt wieder und weiter in seinen "In"-Lokalen und Zirkeln, geht durch den unterirdischen Gang vom Plenum in die Büros. Zufällige Treffen wie im Bonner Regierungsviertel sind in Berlin seltener geworden. Selbst das Abgeordneten-Kabarett findet kaum noch zusammen. Elektronik und Internet ersetzen zunehmend unmittelbare Begegnungen und Beobachtung. Dennoch würde Johannes Rau vermutlich auch heute an seiner "Nicht Babylon und nicht Krähwinkel"- Bemerkung über Berlin und Bonn festhalten.

Der Verfasser, bis 2000 Chefredakteur des

"General-Anzeigers", war danach Chefkor-respondent des Blattes in Bonn und Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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