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Christoph Dieckmann
Die Erfahrung des Scheiterns

ESSAY Annäherungen an die Frage, was Ost und West in 20 Jahren voneinander gelernt haben - Versuch einer Bilanz

Unlängst widmete die "Süddeutsche Zeitung" ihr Magazin einer Katastrophe. Das Jubiläum der sogenannten deutschen Einheit naht, Bilanz tut not. Sie lautet, dem "SZ-Magazin" zufolge: "20 Jahre nach der Wiedervereinigung werden die Ostdeutschen systematisch diskriminiert." Man liest: Zwei Drittel der Ostler fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse. Nur fünf Prozent der Funktionselite kommen aus dem Osten, von 15 Bundesministern keiner. Jeder zweite Westdeutsche hält Ostdeutsche für Jammer-Ossis. Ein Drittel aller Westdeutschen war noch nie im Osten. Nur vier Prozent der deutschen Ehen werden zwischen Ost und West geschlossen. "Ostfrauen suchen einen Partner, Westfrauen einen Versorger. (…) Ein Trend, der definitiv vom Osten ausging: sich beim Sex zu fotografieren."

Hier blenden wir uns aus, definitiv. Die Zahlen mögen stimmen. Die Wertungen sind Klischeegeschwurbel und wirken wie von 1995. Ein Großteil der zitierten Weisheit floss aus westlicher Feder, der des "Super Illu"-Chefredakteurs Jochen Wolff. Seit 20 Jahren leitet er mit Erfolg Burdas buntes Blatt für´s Ostbefinden. "Super Illu" avancierte zum gedruckten Zentralorgan der Ost-Identität; das gesendete heißt MDR. Beide setzen auf nichtbürgerliches Publikum. Der Osten ist weithin proletarisch geprägt, das musste der Westen lernen, gerade in den bürgerlichen Medienhäusern. Stolz verkündet Wolff, im Osten läsen mehr Menschen "Super Illu" als "Spiegel", "Stern", "Focus" und "Bunte" zusammen.

Die Ost-Identität wird alt

Die Jugend, ist zu vermuten, liest weitenteils am liebsten gar nicht. Ost und West sind für Menschen unter 30 überholte Kategorien. Die Ost-Identität wird alt. Gleiches gilt für die Ostalgie, die zu Unrecht als Diktaturverherrlichung beargwöhnt wird. Sie preist nicht die SED-Herrschaft. Sie bekennt Herkunft und Biographie und wehrt der DDR-typischen Minderachtung des Eigenen.

Schmerzlich war die Erkenntnis, dass 1990 keine Vereinigung von Gleichen stattfand, sondern die Adoption der bankrotten DDR durch die prosperierende Bundesrepublik. Ein kaputter, demoralisierter Staat hängte sich an einen intakten. Das Wir-sind-ein-Volk wurde Fünftelvolk, zu den Bedingungen der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die gar keinen Osten brauchte. Der Westen war in sich komplett - wirtschaftlich, ideologisch, kulturell, mit wohlgefüllten Aufsichtsräten, Redaktionen und Parteizentralen. Letzteres führte zu den Triumphen der PDS. Sie maßte sich eine Ost-Repräsentanz an, die ihr historisch zu allerletzt zugestanden hätte. Sehr viele Wähler akzeptierten ihren Radikalschwenk zur Wahrerin ostdeutscher Prägungen und Interessen. Die anderen Parteien waren ja altbundesdeutsch, mit kleinen Ost-Filialen.

Ich soll eine Frage beantworten: Was haben Ost und West in den vergangenen zwei Jahrzehnten voneinander gelernt? Die Frage ist von feiertäglicher Pauschalität. Nur Individuen können lernen. Was nützt dieser vogelkundliche Blick auf Schwarmverhalten und Kollektiv-Identität? Der Osten, der Westen - was soll das sein? Ich bin, unter anderem, Ostler. Steht mir deshalb heute ein sächsischer Bauarbeiter zwangsweise näher als ein Kollege aus Köln, weil ich mit dem Sachsen über Ost-Fußball und Olsenbanden-Filme palavern könnte? Nicht einmal Vorpommern ist gleich Vorpommern, wenn man Anklam mit dem nahen Leuchtturm Greifswald vergleicht. Ein Dauerarbeitsloser ist ja auch kein Wohlverdiener.

Kohl präsentierte Autorität

Freilich verbindet die meisten Ostdeutschen der Zeitenbruch von 1989, die Teilung ihrer Biographie in Jenseits und Diesseits des Grabens. Ideologisch waren die beiden deutschen Staaten verschieden gegründet: Der SED-Staat stand auf dem sowjetisch betonierten Fundament des "besseren Deutschland" und trug Antifaschismus und Antikapitalismus im Panier. Adenauers Bundesrepublik, amerikanisch gesponsert, entsorgte die braune Vergangenheit via Prosperität; die soziale Marktwirtschaft war ihre Konsensideologie. Die DDR hatte keine. Dafür empfanden sehr viele Bürger prinzipiellen Dissens zum Staat.

Ich kenne keinen, der die DDR zurückbegehrt. Aber endlos ist der Streit, woran sie verreckte. Die Moralisten rufen: an Stasi, Mauer, Lüge! Die Wirtschaftler wissen: an Ineffizienz und technologischer Stagnation. Beides stimmt. Das Ende der SED-Macht wurde von Predigern wie Ökonomen bejubelt. Der Volksjubel endete, als Orientierung und Zukunft fehlten. Hier trat Helmut Kohl auf den Plan, in Dresden, am 19. Dezember 1989. Er präsentierte Autorität und wies den Weg ins Licht. Ungezählte Ostler hielten den Kanzler für einen weisungsbefugten Wirtschaftskommandanten. Die Bundesrepublik schien ihnen der Idealstaat: sozial, aber freiheitlich und effizient. Kohls Ost-Mündel, die "Allianz für Deutschland", wurde am 18. März 1990 triumphal gewählt. Und es ward Deutschland.

Anhaltender Phantomschmerz

Ein Satz des "Super Illu"-Chefs Wolff: "Für mich ist es erstaunlich, wie sehr junge Menschen im Osten noch immer davon ausgehen, dass der Staat sich um alles kümmert." Junge Menschen? Wohl kaum. Die Älteren prägt die zentralstaatliche Erfahrung. DDR, das bedeutete: ideologischer Frontalunterricht. Zugleich war der diktierende auch der fürsorgliche Staat; sein Mantra lautete: sozialistische Geborgenheit. Die Sozialität, arbeitsweltlich organisiert, zerbrach nach 1989, weil die Arbeitswelt verschwand. Der Phantomschmerz zeitigt bis heute egalitäre Forderungen wie "Gerechtigkeit" und "soziale Sicherheit" - auch dank des Kälteschocks der Kapitalgesellschaft. "Freiheit" ist als staatsideologisches Mantra erkannt und "Wohlstand" als Individualsportart, in der Westdeutsche siegen. Im Osten schätzt man, und sei´s rhetorisch, kollektive Solidarität. Der Bettler, der Trinker auf der Parkbank wird als Opfer des neuen "Systems" empfunden, der groteske Sozialabstand zwischen Hartz IV und Hochfinanz als pervers.

Das Gefühl von Westalgie

Was also hat der Osten vom Westen gelernt? Alles, notgedrungen. Der Umbau Ost geriet zum Nachbau West. Im Osten musste alles anders werden, damit im Westen alles bleiben konnte, wie es war - vorerst. Der Zusammenbruch des Osten wurde im Westen als Selbstbestätigung missverstanden. Bald nach der Vereinigung schrieb Friedrich Dieckmann, eines habe der Osten dem Westen voraus: die Erfahrung des Scheiterns. Nur allmählich begriff der Westen seine Sicherheiten und Wohlstandsgarantien in Gefahr und ahnte, was jeder weiß: Die Wachstums-Ideologie hat Grenzen und fordert Opfer. Deutlich spürt man auch Westalgie: eine retrospektive Vergoldung der Bonner Republik.

Es gibt kein östliches Warten auf den Staat. Der Staat kommt nicht, das hat man im Osten gelernt. 1993 wurde ich Zeuge dieser Lektion, beim Hungerstreik der Kalikumpel von Bischofferode. Ihre neuen Herren von Kali + Salz Kassel wollten die rentable Grube schließen, aus Gründen der "Marktbereinigung". Da lagen die Eichsfelder Kumpel auf Hungerpritschen und sprachen gläubig vom Kanzler, der doch vom Ärmelaufkrempeln geredet habe, vom Miteinander für das Vaterland: Wenn der Helmut von unserm Hungerstreik erfährt, wird er kommen und uns retten. Doch statt des Kanzlers erschien Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel. Ratlos sprach er: Hier hat der Kapitalismus seine Fratze gezeigt.

1993 ist lange her. Was den globalen Kapitalismus betrifft, haben die Deutschen, Ost wie West, seither dieselben Erfahrungen gemacht. Unterschiede bleiben, verfestigen sich, schwinden - je nach Austausch und Individualität. Man erspare mir die Würdigung von Sand- und Ampelmännchen und jenes uckermärkischen Pflaumenkuchens, den die Kanzlerin als einzigen Krümel ihrer Östlichkeit zu rühmen wagt.

Freiheit wird gelebt

Der Westen scheint die stabilere Gesellschaft. Im Osten ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch. Jugend wandert westwärts, dafür glänzen gerettete Innenstädte. Die Instanzen von Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie arbeiten. Und Freiheit ist nicht nur Propaganda, sondern wird praktiziert, auch in Überwindung des Brecht-Worts: Ungereiste Völkerschaften leben stets nahe der Barbarei.

Nicht mehr vereinigen lassen sich die 40 Jahre deutsch-deutscher Unterschiedsgeschichte. Viel wäre gewonnen, würden die vier BRD-Jahrzehnte ebenso als deutsche Teilgeschichte erkannt wie die der DDR. Noch immer firmiert das einzige Fußball-Länderspiel beider Staaten von 1974 als "Deutschland gegen DDR".

1991 kam ich zur "Zeit". Ein Jahrzehnt versuchte ich den zumeist westdeutschen Lesern den Osten als gleichberechtigtes Deutschland zu vermitteln, als Chronist des Übergangs. Der Übergang endete am 11. September 2001. Seit jenem Tage wissen sich Ost- und Westdeutsche weltpolitisch im selben Boot.

Mehr als die Hälfte der deutschen Afghanistan-Soldaten kommt aus den sogenannten neuen Bundesländern. Die Bundeswehr, mithin der Krieg, ist im Osten ein begehrter Arbeitsgeber. Auch diese bittere Pointe gehört zur ehrlichen Bilanz der friedlichen Revolution.

Der Verfasser ist Autor der

Wochenzeitung "Die Zeit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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