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Erich Loest
Ost-West. Nord-Süd

DEUTSCHLAND Wie geeint ist die Nation nach 20 Jahren Einheit? Ein subjektiver Blick auf das Land

In jenem Jahr 1990 war der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland enorm. Die DDR erschien dem Westler beherrscht von Wut, Resignation, Schrott und Taubenzecken, der Ostler vermutete westlich der Grenze ein Warenparadies mit Adidas-Schuhen, Jakobs Krönung und richtigen Autos. Das alles ist bekannt und bedarf nicht der Ausschmückung oder Erläuterung.

Nach 20 Jahren haben sich die deutschen Unterschiede verschoben. Im Norden streckt sich ein Küstenstreifen von Borkum bis Usedom mit Häfen, Werften und Badeorten, deren Probleme an Nord- und Ostsee sehr ähnlich sind. Weniger Schiffe, mehr Quallen, der Zustrom an Erholungssuchenden könnte stärker sein, das Wetter besser. Der Bahnhof von Rostock wirkt ungleich moderner als der von Bremen, auch am Strand von Heringsdorf sind unterdessen Räucheraal und Flunder wohlfeil. Es wirkt identitätsstiftend, dass der Norddeutsche Rundfunk Schleswig-Holstein wie Mecklenburg-Vorpommern gleichermaßen bedient. Wenn gegen unsere überholte föderale Zersplitterung angegangen würde, hielte ich ein Hansa-Bundesland aus den genannten Ländchen mit Hamburg dazu für denkbar.

Lutherland eben

Hinter dem letzten Strandkorb beginnt die Norddeutsche Tiefebene von der Oder bis zur Ems. Acker und Wald, Sumpf und Sand, als Wappentiere Wildschwein und Weißstorch. Absterbende Industrie, als Rohstoffe ein paar Eimer Erdöl, hier und da Kalk und Kali und überall sehr viel Kies. Sie erstreckt sich bis an die Ränder von Dortmund und Hannover, schwingt südlich bis Leipzig und Dresden und Zittau gar. Gemeinsame Probleme nahe Cloppenburg und Cottbus sind Mangel an Landärzten und die Verödung ganzer Dörfer. Freude spenden saubere Seen, Alleen und Radwege, Backsteintore, Reiterhöfe und sättigende Küche ohne Schnickschnack, Grünkohl mit Pinkel etwa oder Lausitzer Lamm und die Spreewaldgurke. Da ist gut sein, wenn man das Leben so mag, ordentlich und strebsam, Lutherland eben, die meisten Blumen blühen auf Friedhöfen.

Nun beginnt das Deutschland, das die Welt kennt, das der Industrie, der Konzerne, Ballungsgebiete, Autobahngeschlinge, der Brauereien und der Forschung. Zwischen Mönchengladbach und Wolfsburg kicken zwei Drittel der starken Fußballvereine. Fabriken und Werkstätten drangen bis in die Dörfer der Mittelgebirge vor, aus dem Agrarland Bayern erwuchs nach dem Zweiten Weltkrieg eine gewaltige Werkbank. Weinberge, warum ist es am Rhein so schön, zieht den Bayern die Lederhosen aus, Starkbieranstich und Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren. Oberammergau und Großflughäfen und Kölscher Karneval und Bodenseefelchen - da ist Wirbel und Vielfalt, Wandel und Beharren, Dynamik und Tradition - Schützenvereine, Kegelclubs und der neuste Porsche.

Alles andere als moralisch

Diese Daseinsform, dieser Schaffensdrang schob sich nach Thüringen und Sachsen vor. Dort und im Hallenser Raum brach 1990 nahezu die gesamte Wirtschaft zusammen. Die Chemiewerke um Leuna und Bitterfeld, die Textilindustrie fast überall, die "Trabant"-Produktion, der Schwermaschinenbau von Magdeburg und Leipzig - überall verödeten Werkhallen und rauchte kein Schornstein mehr. Es geschah alles andere als moralisch und vielfach nicht einmal nützlich, wie Kapital einströmte, aufwirbelte, Schneisen schlug und Morsches wegblies, Arbeitskräfte "freisetzte", aber wer wusste die Alternative? Die Bürgerrechtler, die die DDR zu Fall gebracht hatten, aber über Kanzelsprüche wie "Schwerter zu Pflugscharen" und "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" nicht hinauskamen, starrten stumm und ratlos zu. Viele um die vierzig oder fünfzig standen vor den Trümmern ihrer Existenz; alle Studien und Erfahrungen waren für die Katz. Ältere verschwanden im Vorruhestand, Jüngere begannen von vorn.

Im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit entwickelte sich eine Lebensform von Langzeitarbeitslosen, die nun schon in der dritten Generation wuchert und für die sich zaghaft die Bezeichnung "Unterschicht" eingebürgert hat; dieser Begriff gilt unterdessen nicht mehr als diskriminierend. Leipzig sackte zur Stadt der Mini- und Midilöhne ab, 19 Prozent werden zu den Armen gerechnet, in Dresden sind es 13,8 Prozent und 15,8 Prozent in Chemnitz.

Ein schmales Drittel der Bewohner von Thüringen, Sachsen und dem Hallenser Raum (auch diese Region würde ich gern zu einem Bundesland zusammenschließen) arbeitet, verdient, reist, konsumiert und kleidet sich wie in den Industriezonen des Westens, sucht für ihre Kinder die beste Ausbildung und spricht Hochdeutsch mit ihnen. Für sie darf die deutsche Vereinigung als abgeschlossen und gelungen betrachtet werden. Nun müssen die Angekommenen aus dem Tal der geringeren Produktivität heraus, was immer noch Jahre dauern wird, müssen sich ausweiten in die Bereiche der Minderverdienenden, der Leiharbeiter beispielsweise. In Sachsen herrscht unterdessen die CDU wie in Baden-Württemberg und wie in Bayern die CSU, die PDS-Linkspartei regiert nirgends mehr mit. Hier sind keine Sprünge mehr nötig, der Fortschritt ist eine Schnecke, das oft verhöhnte Wort von den blühenden Landschaften trifft auf weite Strecken zu.

Geballte Geschichte

Einen Sonderfall bietet Berlin mit seinem Vorort Potsdam. Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre verlief nirgends so geballt wie hier und hinterließ über den Bombensturm des letzten Krieges und kommunistischer Willkür hinaus eine solche Zahl prägender Gebäude oder die Erinnerung an sie, ans Hohenzollernschloss beispielsweise. Hier quälen sich die Konflikte zwischen Ost und West weiter, werden alte Schlachten erneut geschlagen, wird in Potsdam und in Ostberlin kräftig SED-PDS-Linkspartei gewählt. Dort wohnt der Stamm der alten Funktionäre, hier lagen die Akademien für Staatsrecht und Staatssicherheit. Ulbrichts Altkader und ihre Nachfahren haben ihre Tageszeitung, ihre Verlage, der Zusammenhalt ist gewahrt durch Freundeskreise und Stammtische. Wenn es nicht allzu kalt ist, demonstrieren Hunderttausend zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Tag ihrer Ermordung.

Die Linkspartei regiert mit, denn die CDU im ehemaligen Westberlin ist zerrissen und ohne Köpfe. Dieses Westberlin blutete aus zu Mauerzeiten, die Industrie verschwand und damit eine Eliteschicht. Der Unterhalt der Frontstadt verschlang Unsummen, die heutige Hauptstadt folgt diesbezüglich auf dem Fuße. Denn hier wird nicht produziert, sondern regiert, verwaltet und repräsentiert. Hier fliegen die Politiker der Welt ein und aus, wird kongressiert und demonstriert. Hier leben die Botschafter und Lobbyisten, man leistet sich getrennte Opernhäuser und Universitäten, und nun hecheln und krebsen auch zwei Fußballclubs auf gleichem Niveau, die alte Dame "Hertha" im Westen und "Eisern Union" im proletarischen Osten, deren Anhänger sich auch zu DDR-Zeiten nicht unterkriegen ließen. "Union" als Hort, als Ventil der Unterschicht? Das wird sich zeigen.

Babelsberg ist nicht wieder das Mekka des deutschen Films geworden, zu stark bleiben die Positionen in München und Hamburg. Ein paar Jahre lang zog es junge Literaten hierher, sie schrieben über die selben Themen und zerstreuten sich wieder. Die Stadt lebt auch von ihren Kunstschätzen, ihren Museen. Dauerdebatte: Das Schloss wird gebaut, später gebaut, nicht gebaut, gebaut. Die Liste der Sehenswürdigkeiten vom Schloss Sanssouci bis zur Nofretete ist endlos. Die Stadt wird durchquirlt von Einwanderern; Vietnamesen, Türken, Araber und Russen bilden Parallelgesellschaften, die zusätzliche, sogar dominierende Probleme aufwerfen.

Berlin-Potsdam wird noch lange der Austragungsplatz des Ostwestkonfliktes sein, hier tauchen neue Politiker und nun auch Politikerinnen der Linkspartei auf und unter, hier entscheidet sich deren Schicksal. Die neue DDR stirbt zuletzt in Köpenick. Berlin und Potsdam, ein Koloss mit den Füßen im Sand.

Der Autor, von 1994 bis

1997 Vorsitzender des

Verbandes deutscher Schriftsteller,

lebt in Leipzig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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