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Der Gewinner ist: Oslo

KONJUNKTUR Welche Länder gut durch die Krise kamen

Ganz Europa leidet unter der Wirtschafts- und Finanzkrise! Ganz Europa? Nein. Im Norden, in Norwegen ist die Welt noch vollkommen in Ordnung. Kein anderes Land ist so gut durch die Geschehnisse der vergangenen beiden Jahre gekommen, wie das Land an den unzähligen Fjorden.

Natürlich federten die Erlöse aus dem Ölgeschäft auch in der Krise viele Härten ab. Der Staat erzielt seit Jahren hohe Einnahmeüberschüsse. Kein Wunder also, dass nach weltweit 189 Zinssenkungen Norwegen das erste europäische Industrieland war, das die Leitzinsen bereits im Oktober 2009 wieder erhöhte. Der Zinsunterschied zu anderen Währungen lenkte dabei weitere Devisenströme in den Norden Europas. Damit hängt Norwegen nicht nur die skandinavischen Nachbarn ab. Die Börse in Oslo zählt auch international zu den großen Gewinnern der Krise.

Ähnlich wie in Schweden. "Investierst Du schon, oder staunst Du noch?" Frei nach dem Motto des blau-gelben Möbelherstellers kann man feststellen: Auch Stockholm hat die Krise relativ gut überstanden. Gestützt wird das Wachstum derzeit noch von einem großen Konjunkturpaket mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur und steuerlichen Erleichterungen. So wurde die Vermögenssteuer abgeschafft und die Körperschaftssteuer abgesenkt. Die Wirtschaft nimmt deshalb allmählich wieder Fahrt auf, anders als in Finnland oder Dänemark.

Generell gilt: Je weniger sich Banken eines Landes im großen Verbriefungsgeschäft mit faulen Krediten getummelt haben, umso besser sind die Länder aus der Krise gekommen. Dazu muss man nur kurz die Landesgrenze der USA in Richtung Kanada überschreiten. Ottawa strotzt derzeit nur so vor Selbstbewusstsein. Die Banken des Landes haben die Krise weit besser überstanden als diejenigen der G8-Länder. So hat auch die Bank von Kanada eine erste leichte Leitzinserhöhung gewagt. Beispiel Australien: Als erste der 20 wichtigsten Industrienationen setzte Australien ein eindeutiges Zeichen "Bei uns geht es wieder aufwärts". Und das, während alle anderen wichtigen Notenbanken ihre Leitzinsen auf historischen Tiefstständen belassen, um der Wirtschaft mit billigem Geld wieder auf die Beine zu helfen. Dahinter steht eine Ökonomie, die vor der Krise eine 17 Jahre währende Wachstumsphase erlebt hat und dank hoher Haushaltsüberschüsse für eine Flaute besser gewappnet war als andere. Und die Banken sind solide kapitalisiert. Weil sie sich kaum am US-Handel mit Risikopapieren beteiligt haben, waren hier die Ausfälle überschaubar.

Und welche Sorgen hat ein Land, das den Zufluss von Kapital mit einer Sondersteuer bremsen will? Die Börse von São Paulo führt die Liste der Kursgewinner weltweit an. Brasiliens Noch-Präsident Lula da Silva hat für politische und wirtschaftliche Stabilität gesorgt, die einstmals höchstverschuldete Nation der Welt zum Nettogläubiger gemacht, die notorische Inflation gezähmt, die neuntgrößten Devisenreserven der Welt angehäuft. Die Banken des Landes, zumeist auf kostengünstiges Massengeschäft orientiert, sind von der Finanzkrise nahezu unbehelligt geblieben.

Starkes China

Das Gros der Schwellenländer hat deshalb auch die wirtschaftlichen Turbulenzen besser gemeistert als die westlichen Industrienationen - und geht nun als Gewinner aus der Krise hervor. Selbst China konnte der Krise besser begegnen als westliche Industrieländer. Zugute kommt den Emerging Markets vor allem, dass sie in den vergangenen Jahren ihre Staatsverschuldung kräftig herunter gefahren haben. Viele westliche Industrienationen mussten hingegen zur Bekämpfung der Krise gigantische Konjunkturpakete schnüren - wodurch ihre Verschuldung massiv gestiegen ist. Christoph Birnbaum

Aus Politik und Zeitgeschichte

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