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Susanne Kailitz
Gemischte Bilanz

AZUBIS Die Zahl der Ausbildungsplätze geht zurück, ebenso die der Jugendlichen - trotzdem suchen nicht alle mit Erfolg

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist paradox: Während auf der einen Seite viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, suchen Unternehmen in bestimmen Regionen händeringend nach Bewerbern. Um 8,2 Prozent ist die Zahl der Ausbildungsplätze im Vergleich zum Vorjahr gesunken - weil aber gleichzeitig die Zahl der "ausbildungsinteressierten Jugendlichen" in ähnlicher Höhe zurückgegangen ist, hält die Bundesregierung die Lage auf dem Ausbildungsmarkt für "vergleichsweise stabil". In ihrem Bildungsbericht (17/1550) heißt es allerdings auch, weil sich die wirtschaftliche Lage nach der Krise noch nicht endgültig stabilisiert habe, könne insbesondere für die alten Länder für 2010 nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Marktverhältnisse für die Jugendlichen trotz des demografischen Effekts "noch nicht grundlegend verbessern" würden.

Dennoch soll es eine "Qualitätsoffensive in der Berufsausbildung" geben: Zu hoch sind die Wertschöpfungsverluste der deutschen Wirtschaft aufgrund fehlender Fachkräfte. Für 2009 beziffert das Institut der deutschen Wirtschaft Köln diese Verluste auf 14,4 Milliarden Euro. Weil die Zahl der Schulabgänger in den kommenden Jahren drastisch abnehmen wird, wird es immer schwieriger, die Fachkräftelücke zu schließen. Wie diese Aufgabe dennoch gestemmt werden kann, darüber wollten die Abgeordneten am vergangenen Donnerstag beraten. Weil sich aber die Tagesordnung um mehrere Stunden verschoben hatte, gaben die Fraktionen ihre Reden zu Protokoll und stimmten ohne Aussprache einem Antrag der Koalition (17/1435) zu. Vier Anträge der Opposition (17/1759, 17/1745, 17/1734, 17/541) wurden mit den Stimmen von Union und FDP abgelehnt. Nun soll die Regierung sich gegenüber den Ländern für eine stärkere Betonung der Berufsorientierung an den Schulen einsetzen und den Erhalt der dualen Ausbildung garantieren. Die Forderung der Sozialdemokraten, einen Rechtsanspruch auf eine Ausbildung zu etablieren, konnte sich ebenso wenig durchsetzen wie der Wunsch der Linksfraktion nach einer Statistik, in der die tatsächliche Anzahl der Jugendlichen dargestellt wird, die einen Ausbildungsplatz suchen. Die Bündnisgrünen hatten eine Modularisierung der Berufsausbildung gefordert: In einem "DualPlus"-System sollten neue betriebliche Ausbildungsstätten geschaffen und schon bestehende neu ausgerichtet werden.

Schieflage »umgekehrt«

Während die Abgeordneten der Opposition in ihren Stellungnahmen bemängelten, es gebe nicht genügend Ausbildungsplätze, widersprechen die Koalitionsfraktionen diesem Befund: So ist für den CDU-Bildungsexperten Marcus Weinberg das Ausbildungsjahr 2009 "positiv zu bewerten": Es habe mehr unbesetzte Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber gegeben. Das Ziel, jährlich rund 60.000 neue Ausbildungsplätze zu schaffen und 30.000 neue auszubildende Unternehmen zu gewinnen, sei erreicht worden. Es müsse künftig darum gehen, alle Jugendlichen mitzunehmen - also sowohl leistungsschwächere Jugendlichen als auch Jugendliche mit Migrationshintergrund - sowie Leistungsstarke zu fördern. Die SPD fordere mehr Ausbildungsplätze, obwohl ihr klar sein müsse, dass diese Plätze mittelfristig nicht mehr besetzt werden könnten. Für die FDP betonte Heiner Kamp, die duale Ausbildung in Deutschland sei "im internationalen Wettbewerb ein echtes Plus", um das man von anderen Ländern beneidet werde. Die Schieflage am Ausbildungsmarkt habe sich mittlerweile "umgekehrt": Das Problem seien nicht länger fehlende Ausbildungsplätze, sondern der Mangel an Auszubildenden. Darum müsse man die Berufsorientierung der Jugendlichen stärken und an ihrer Ausbildungsreife arbeiten. Kamp kritisierte die Gewerkschaften, die in der vergangenen Woche der Verlängerung des Ausbildungspaktes zwischen Regierung und Unternehmerverbänden bis 2014 eine Absage erteilt hatten. Im 2004 geschlossenen Ausbildungspakt zwischen Regierung und Wirtschaftsverbänden hatten sich letztere verpflichtet, jedem ausbildungswilligen und -fähigen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zur Verfügung zu stellen. Damit hatten die Wirtschaftsverbände eine drohende "Ausbildungsplatzabgabe" abgewendet. Vergangene Woche ist der Ausbildungspakt ohne Beteiligung der Gewerkschaften bis 2014 verlängert worden - diese hatten kritisiert, dass die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen immer weiter zurückgehe.

In ihrer Stellungnahme betonte Agnes Alpers für Die Linke, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) habe für eine "ehrliche Statistik gestritten" und sich damit "hinter die Jugendlichen gestellt". Die Linke ziehe den Hut vor dem DGB für seine Entscheidung, sich nicht am Pakt zu beteiligen. Mit ihrer Forderung, die Ausbildungsreife von Migranten zu verbessern, verschweige die Regierung, dass den Migranten Steine in den Weg gelegt würden: Bei gleichen Noten erhielten Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund "nur halb so oft einen gewünschten Ausbildungsplatz wie Deutsche".

Auch die Grünen bezeichneten den Ausbildungspakt als "mutlos". Bildungsexpertin Priska Hinz sagte, er biete keine Lösungen dafür an, wie der "Übergangsdschungel zwischen Schule und Ausbildung abgeschafft" werden könne und wie es gelingen solle, den 1,5 Millionen jungen Menschen ohne Ausbildungsabschluss "den Weg zu einem Berufsabschluss zu ebnen". Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt habe sich zwar verbessert, aber eine "Versorgungslücke von 68.000 Stellen" dürfe die Politik "nicht ruhen" lassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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