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Rainer Poeschl
Goethe war multilingual

KOMMUNIKATION Deutsche Sprache verliert an Bedeutung

Mit der deutschen Sprache als Wirtschaftssprache beschäftigte sich am vergangenen Montag der Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik unter Vorsitz von Harald Leibrecht (FDP) in einer öffentlichen Anhörung. Die Beiträge der sechs Sachverständigen und die anschließende Diskussion spiegelten die Sorge um den Statusverlust der deutschen Sprache im Ausland, aber auch im Inland in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft wider.

Nach Auffassung des Immunologen Ralph Mocikat spielt Deutsch bei der Grundlagenforschung und ihrer praktischen Anwendung weder auf internationaler Ebene noch hierzulande eine Rolle. Englisch als die seit langem anerkannte Lingua franca der Naturwissenschaften sei inzwischen die ausschließliche Umgangssprache, es bestimme Fachterminologien ebenso wie Tagungen oder interne Gespräche, auch wenn die Beteiligten alle Deutsche seien. Mocikat warnte vor einer Verkümmerung der deutschen Fachsprache und vor der Einschränkung kreativen Denkens, das an die Muttersprache gebunden sei.

Karl-Heinz Göttert, vormals Professor für Germanistik an der Universität Köln, plä-dierte demgegenüber für ein entkrampftes Verhältnis zur Mehrsprachigkeit. Weltsprachen habe es immer gegeben. So hätten sich Griechisch, Latein und Französisch im Laufe der Geschichte abgewechselt: Goethe sprach fließend sechs Sprachen. Bismarck ließ den Friedensschluss nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 auf Französisch abfassen, weil es die jedem verständliche Sprache war. Die Forderung nach Mehrsprachigkeit bedinge freilich einen sinnvollen Bezug des Deutschen zu anderen Weltsprachen, sagte Göttert. Dies bedeute, alles zu tun, um die deutsche Sprache im Ausland zu fördern.

Zahl der "Deutschlerner" sinkt

Die Mitglieder des Unterausschusses bewegte parteiübergreifend die Frage, inwieweit die kulturellen Aktivitäten im Ausland in sprachlicher oder in wirtschaftlicher Hinsicht tatsächlich Wirkung zeigten. Außerdem interessierte sie, ob die vielfältigen Initiativen des Unterausschusses - auch zur Sicherung der betreffenden Budgets beispielsweise des Goethe-Instituts, des DAAD oder der Auslandsschulen - der offenkundig negativen Entwicklung gerecht würden.

Tatsächlich sei die Zahl der "Deutschlerner" weltweit von 17 auf 14 Millionen zurück gegangen, sagte die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper (FDP) gegenüber dem Unterausschuss. Erfahrungsgemäß gehe dem Willen und der Leidenschaft zum Erlernen einer Sprache ein übergreifendes Interesse an dem betreffenden Land, seiner Kultur und seinen Menschen voraus. Für Christian Gramsch, Programmdirektor Deutsche Welle, bieten deshalb die in 29 nichtdeutschen Sprachen gesendeten Beiträge seines Senders einen Anreiz, um das Interesse an Deutschland und darüber hinaus an seiner Sprache zu wecken. Der Unterausschuss bereitet derzeit eine Empfehlung an den Bundestag vor.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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