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Rainer Poeschl
Die atomare (Schreckens-)Vision

energie Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Kernenergie als Weg in ein besseres Zeitalter

Es gilt nicht mehr der Satz: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Heute muss es heißen: Sie tun nicht, was sie wissen." Das war das Credo Robert Jungks, eines Bestsellerautors, der so gut wie vergessen ist. Er war der erste, der mit zugkräftigen Titeln wie "Heller als Tausend Sonnen" oder "Der Atomstaat" ein breites Publikum auf die Situation des Menschen nach der Entfesselung des Atoms aufmerksam machte. Jungk hatte den Glauben an die Beherrschbarkeit der damit verbundenen Risiken verloren - aus einem einfachen Grund: Der "Faktor Mensch" sei nie "ganz in den Griff zu bekommen".

Nicht alles, was Jungk prophezeite, ist eingetroffen. Aber ein Blick auf die Geschichte der Kernenergie in Deutschland bietet wenig Anlass, ihn als weltfremden Endzeitpropheten abzutun. Seine Warnung vor der Aufgabe, Unmengen von giftigen und strahlenden Stoffen sicher gegen Diebstahl, Erpressung, Erdbeben, Unfall oder Krieg über Hunderte oder Tausende von Jahren aufbewahren zu müssen, ist so aktuell wie ehedem. Jungk war eine Weile der Guru der Anti-Atomkraft-Bewegung, die nirgends einen solchen Einfluss gewann wie in Deutschland. Die Auseinandersetzung um die Kernenergie geriet hierzulande zu einem Glaubenskrieg, sie wurde zum Gründungsmythos einer Partei und sie hinterließ ein kaum übersehbares Schlachtfeld, auf dem Fachleute gegen Fachleute, Bürger gegen Behörden, Parteien gegen Parteien bis heute im Streit liegen. Dabei kam, genau besehen, die Bundesrepublik zur Atomkraft wie die Jungfrau zum Kind.

Frühe Selbstzweifel

Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki hatten der Welt die gewaltigen Zerstörungskräfte der Kernspaltung vor Augen geführt - und ihre Erfinder in tiefe Selbstzweifel gestürzt. Die friedliche Nutzung der Kernenergie schien da als eine Art Wiedergutmachung einen Ausweg aus dem moralischen Dilemma zu bieten, und bald schon machte das Wort vom kommenden "Atomzeitalter" die Runde. In Deutschland war in den 1950er Jahren die Besorgnis groß, den Anschluss zu verpassen. Weniger bei den Physikern, auch nicht bei den Energiebetreibern - RWE-Vorstand Heinrich Schöller versicherte 1957, niemand wolle sich für die Atomkraft ruinieren - sondern bei Politikern und hoffnungsfrohen Philosophen. Der Nachfolger von Franz Josef Strauß im Amt des Bundesministers für Atomfragen (heute: für Bildung und Forschung), Siegfried Balke, meinte: "Wenn wir keine Kernkraftwerke anzubieten haben, werden wir eines Tages auch keine Staubsauger mehr verkaufen." SPD-Abgeordnete warnten im Deutschen Bundestag, es müsse verhindert werden, dass die Deutschen zu einem "atomar unterentwickelten Volk" würden. Ernst Bloch schoss den Vogel ab. Er schwärmte von der Kraft des Atoms, dereinst "Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln". Die Atompolitik startete jedenfalls "von oben", als politisches Projekt. Eines war sie, zumindest ihrem Ursprung nach, nicht: Sie war keine Energiepolitik.

Durchgreifend forciert wurde der Bau von Kernkraftwerken nach der Ölkrise von 1973. Zugleich nahm aber auch die Skepsis in der Bevölkerung zu. Der Grund war eine nicht abreißende Folge von Störfällen und Beinahekatastrophen. 1966 kam es im Kernkraftwerk Enrico Fermi im US-Bundestaat Michigan zu einer Kernschmelze in Teilen des Reaktorkerns. Der Reaktor Browns Ferry im US-Staat Alabama schrammte 1975 knapp an einem GAU vorbei, weil ein Techniker, der mit einer offenen Kerze hantierte, einen Kabelbrand auslöste, der die Steuerzentren und die Kühlung lahmlegte. 1979 schockte die Beinahe-Katastrophe von Harrisburg die Welt, als der nukleare Super-GAU im Three-Mile-Island-Reaktor im US-Bundesstaat Pennsylvania um eine knappe halbe Stunde verhindert wurde. Die "New York Times" sprach damals angesichts des drohenden Schmelzens des Reaktorkerns von einem "Schmelzen der Glaubwürdigkeit".

Alles geht schief

Doch erst die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 offenbarte auf ebenso brutale wie unerwartete Weise die eisige Logik von "Murphy's Law", jenes Gesetzes, wonach "alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht". Das "Restrisiko" der Atomenergie hatte plötzlich ein Gesicht. Weder der Bau der Mauer in Berlin noch die Kuba- oder die Ölkrise hatten die Bundesbürger so beunruhigt wie die Katastrophe in der Ukraine. Praktisch über Nacht wurde aus einer über viele Jahre stabilen Mehrheit von Befürwortern des Baus weiterer Kraftwerke eine Minderheit. Mit dem Konsens zwischen den Parteien, auch innerhalb ihrer Reihen, über den Ausbau der Kernenergie, war es endgültig vorbei.

CDU/CSU und FDP verwiesen auf die spezielle Bauart des Reaktors von Tschernobyl und sahen in dem Unglück "keinen Anlass, den Bau weiterer Kernkraftwerke zu stoppen". Die SPD wollte sie abbauen, und die Grünen waren grundsätzlich dagegen. Die Losung "Atomkraft - nein, danke" war da schon keine Parole mehr, die in impotenter Agitation versandet wäre.

So hatte sich der Protest gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl, den 1973 ein Häuflein von 27 Bürgern aus der Kaiserstuhlgemeinde lostrat, zu einer Protestbewegung von zehntausenden Kernkraftwerks-Gegnern ausgeweitet, bis 1983 der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth überraschend den Verzicht auf den Kraftwerksbau erklärte. Es war ein Lehrstück friedlichen Bürgerprotests. Großenteils ökologisch motiviert fand er in einzelnen Politikern wie Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Hans Filbinger und seinem Wirtschaftsminister Rudolf Eberle willkommene Sündenböcke, weil sie im Aufsichtsgremium eben jener Gesellschaft saßen, die das Kernkraftwerk in Auftrag gegeben hatte.

Mitte der siebziger Jahre kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk Brokdorf an der Unterelbe, die 1981 zum Rücktritt des Hamburger Bürgermeisters führten. Während die Österreicher per Volksabstimmung entschieden, das bereits fertig gebaute Kernkraftwerk Zwentendorf nicht in Betrieb zu nehmen, blieben von diesem Schicksal auch zwei Kernkraftwerke nicht verschont, die Deutschland eigentlich fit für´s 21. Jahrhundert machen sollten. Der Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop wurde nach mehreren technischen Störungen stillgelegt. Zur teuersten Hightech-Investitionsruine Deutschlands geriet der Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein. "Der Schnelle Brüter ist ein toter Vogel",bilanzierte der damalige FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff das nach massiven Protesten 1991 beschlossene Ende eines Kraftwerks-Giganten, dessen Schicksal eng verwoben war mit dem Hanauer Atommüllskandal. Dort waren Bestechungen beim Verschieben von Atommüll aufgeflogen, Mitarbeiter waren infolge zahlreicher Störfälle erkrankt, radioaktives Kühlwasser hatte das Grundwasser verseucht.

Als Bundesinnenministers Werner Maihofer 1976 das "Verursacherprinzip" auch für den Atommüll geltend machte, setzte er eine Frage auf die Tagesordnung, die seit Robert Jungks düsteren Zukunfts-Szenarien die Atomdebatte wie ein dunkler Schatten begleitet hatte: Wohin mit dem Atommüll? Maihofer, der wenig später wegen eines Lauschangriffs gegen den Nuklearexperten Klaus Traube zurücktreten musste, hatte angekündigt, weitere Betriebsgenehmigungen würden davon abhängig gemacht, ob die Betreiber das Problem der Entsorgung gelöst hätten. Die Entsorgungsfrage wiederum war mit dem heiklen Thema der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe verwoben. Das ergab sich schon aus dem Atomgesetz, in dem das sogenannte Verwertungsgebot, also die Pflicht, noch nutzbare Rohstoffe mit Hilfe der Wiederaufarbeitung zurückzugewinnen, festgeschrieben ist.

Es dauerte nicht lange, da wurde gezielt und wohlüberlegt der bis dato empfindlichste Schlag gegen jene Vision von der unerschöpflichen Energiequelle Atom geführt. Er kam ironischerweise nicht von den Atomkraftgegnern, auch nicht von einer Politik, die nachgiebig geworden wäre, sondern direkt aus den Reihen der Atomindustrie selbst. Der Chef des Strom-, Chemie-, Öl- und Handelsriesen Veba, Rudolf von Bennigsen-Foerder, erklärte 1989 völlig überraschend, Brennstäbe aus den Kernkraftwerken des Konzerns im französischen La Hague aufarbeiten zu lassen. Damit war die Anlage im oberpfälzischen Wackersdorf, eines der umstrittensten Bauprojekte der achtziger Jahre, nicht mehr zu halten. Erneut waren, begleitet von Protestdemonstrationen, schweren Krawallen und Polizeieinsätzen Milliardensummen verwirtschaftet worden. "Bonn steht vor der Pleite seiner Atompolitik", höhnte "Der Spiegel", dem der bemerkenswerte Veba-Manager in einem Interview versicherte: "Die Kernenergie ist keine Dauerlösung."

Müllmenge wächst

Tatsache ist aber, dass ohne Atomkraft die Elektrizitätsversorgung der Bundesrepublik zusammenbrechen würde. Rund 23 Prozent des erzeugten Stroms stammen aus Kernkraftwerken. Bei der Grundlaststromversorgung liegt der Kernenergieanteil sogar bei fast 50 Prozent. Die rot-grüne Bundesregierung hatte 2002 den Atomausstieg bis zum Jahr 2021 beschlossen. Bis dahin werden sich weiter Tausende Kubikmeter hochradioaktiver Abfallstoffe angesammelt haben. Unabhängig davon, ob es beim Atomausstieg bleibt oder nicht, ist das Kardinalproblem der Atomindustrie nach wie vor ungelöst: sich des strahlenden Giftmülls zu entledigen. Der Salzstock Gorleben ist seit mehr als 30 Jahren im Gespräch. Ob er jemals zum Endlager wird, ist völlig offen. Nicht anders sieht es mit Schacht Konrad aus, nicht zu reden vom Milliarden-Flop des Bergwerks Asse.

Als die klügsten Köpfe ihrer Zeit in Los Alamos am Bau der Atombombe arbeiteten, war vom Betrieb eines Reaktors, von Transport, Lagerung und Aufbereitung der Abfallprodukte oder der Sicherung gegen terroristische Anschläge noch keine Rede: "Wenn du etwas siehst, das technisch süß ist", bekannte Robert Oppenheimer später, "gehst du voran und tust es und du argumentierst darüber erst, nachdem du deinen technischen Erfolg gehabt hast. So war es mit der Atombombe."

Und heute? Man kann die Risiken der Atomkraft kleinreden, man kann sie dramatisieren und man kann sie verdrängen. Man kann es aber auch mit dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt halten, der in einer Rezension von Robert Jungks Heller als Tausend Sonnen das knappe Fazit zog, dass "eine gewisse Art von Denken offenbar gefährlich ist wie das Rauchen in einer Pulverfabrik."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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