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Christian Hillgruber
Mensch von Anfang an

CONTRA PID Embryonenschutz darf nicht gelockert werden

Warum sollten wir menschliche Embryonen schützen vor verbrauchender Forschung oder todbringender Selektion nach Kriterien genetischer Disposition, wenn sie doch so klein und unscheinbar sind und noch gar nicht aussehen wie Menschen? Weil sie dessen ungeachtet Menschen sind, und jeder Mensch, auch der ungeborene, nach dem Grundgesetz ein eigenes, unabgeleitetes Lebensrecht hat und ihm unantastbare Menschenwürde eigen ist. Jedem Menschen kommt um seiner selbst willen ein nicht nur von der staatlichen Gewalt, sondern auch von jedem Einzelnen unbedingt zu achtender Wert zu. Ein Mensch ist eine selbstständige Person, nicht eine verfügbare Sache, er gehört niemandem anders als sich selbst und muss deshalb stets Zweck an sich selbst bleiben.

Der menschliche Embryo ist also Rechtssubjekt, nicht Forschungsobjekt, nicht etwas, was man zu Forschungszwecken verwerten oder nach Feststellung fehlerhafter Beschaffenheit wegwerfen, aussondern und "verwerfen" darf, sondern jemand, der unbedingte Achtung verdient. "Menschenwürde", so hat das Bundesverfassungsgericht formuliert, ist "die Würde des Menschen als Gattungswesen. Jeder besitzt sie, ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften, seine Leistungen und seinen sozialen Status. Sie ist auch dem eigen, der aufgrund seines körperlichen oder geistiges Zustands nicht sinnhaft handeln kann." Auch wenn die PID "nur" zur Vermeidung schwerer Erbkrankheiten eingesetzt werden soll, wird einem Menschen im embryonalen Stadium seiner Existenz allein aufgrund eines Gendefekts die Existenzberechtigung abgespro-chen. Erkennt man aber einen Menschen nur dann als solchen an, wenn er bestimmte Voraussetzungen erfüllt, enthält man ihm die aufgrund seiner Würde geschuldete vorbehaltlose Achtung als Subjekt vor.

Ist ein menschlicher Embryo schon ein Mensch? Sieht so wie ein Zellhaufen etwa ein Mensch aus? Ja, so sieht er ganz zu Anfang aus, der Mensch, so hat jeder von uns einmal ausgesehen. Wir wissen es und dürfen uns daher weder verbal noch optisch irreführen lassen. Wer Mensch und damit Person ist, ist es von Anfang an. Auch bevor sein äußeres Erscheinungsbild sich unserer eingebildeten Vorstellung davon, wie ein Mensch auszusehen hat, angenähert hat, ist der Embryo kein Fabelwesen, das sich erst in einer unerklärlichen Metamorphose plötzlich zum Menschen wandelte, sondern schon ganz Mensch, ein und derselbe Mensch, eben nur in seinem frühesten Entwicklungsstadium. Er ist allerdings noch ganz wehrlos, und deshalb müssen wir ihn wirksam schützen. Christian Hillgruber

Der Autor ist Professor der Rechtswissenschaften an der Universität Bonn.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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