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Sandra Ketterer
»Er hätte nur gelitten - und wir mit ihm«

Spätabtreibung Die Diagnose ist ein Alptraum: Spina bifida, eine Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Eine Frau erzählt, warum sie sich für eine »stille Geburt« entschieden hat

Es ist Samstag, der 11. September 2010, als für Beate Lehmann* und ihren Mann die Welt zusammenbricht. Die 31-Jährige ist mit Schmerzen ins Krankenhaus gefahren. Sie denkt, es seien Frühwehen, sie ist im fünften Monat schwanger. Ein Wunschkind, der sechsjährige Paul* soll ein Geschwisterchen bekommen. Die Ärztin im Krankenhaus macht ein Ultraschall-Bild vom ungeborenen Kind. "Der Kopf war zu groß, am Rücken war eine offene Stelle von der ersten Rippe bis zum Beckenboden", erzählt Lehmann. Die Diagnose: Spina bifida, eine Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks, sowie ein Stau von Hirnwasser in den Hirnkammern, besser als Wasserkopf bekannt. Die Ärztin schätzt die Lebenschance des Jungen als gering ein. Und plötzlich steht die Frage nach einem Schwangerschaftsabbruch im Raum.

Grundsätzlich ist in Deutschland eine Abtreibung nur in Ausnahmesituationen innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei. Danach sind wenige Sonderfälle zulässig, etwa nach einer medizinischen Indikation. Derzufolge muss eine schwerwiegende Gefahr für Körper oder Seele der Mutter bestehen. Seit dem 1. Januar dieses Jahres besteht zudem die Pflicht, zwischen Diagnose und "stiller Geburt", wie ein solcher Abbruch auch genannt wird, mindestens drei Tage Bedenkzeit verstreichen zu lassen. Damit soll verhindert werden, dass die werdenden Eltern unter dem Eindruck des medizinischen Befundes eine übereilte Entscheidung treffen.

Lehmann nutzt das restliche Wochenende, um sich im Internet über die Krankheit ihres Sohnes zu informieren. Sie schöpft Hoffnung, denn es heißt, der Grad der Fehlbildung kann unterschiedlich ausgeprägt sein. "Ein behindertes Kind in der Familie zu haben, wäre für uns kein Problem gewesen", sagt sie. Erfahrung mit solchen Kindern hätten sie, ihre Nichte sitze im Rollstuhl. Auch ihr eigener Sohn sei nicht gesund auf die Welt gekommen, der Herzfehler habe sich aber inzwischen ausgewachsen.

Die Hoffnung, dass Peter*, das ungeborene Kind, ebenfalls mit Freude durchs Leben gehen könnte, stirbt am Montag endgültig. Beate Lehmann hat einen Termin in einem Berliner Klinikum, lässt sich von zwei Ärztinnen unabhängig voneinander untersuchen, spricht mit einem Kinderarzt. Alle bestätigen: Peters Gehirn ist fast nicht mehr vorhanden, er kann nur ein Bein bewegen und seine Nieren sind geschädigt. Die folgenden Tage sind die schwersten: "Ich habe von früh bis spät nur geheult, habe nicht geschlafen und nicht gegessen", sagt Lehmann. Tränen rollen ihr bei der Erinnerung über das Gesicht. Ihr Mann habe stundenlang Holz gehackt, "jeder bewältigt die Trauer auf seine Weise". Für beide stand früh fest, dass sie die Schwangerschaft abbrechen wollten. Den Ärzten zufolge hätte Peter - wenn überhaupt - nur mit der Hilfe von Apparaten überleben und trotzdem so gut wie nichts von seiner Umgebung wahrnehmen können. "Er hätte nur gelitten - und wir mit ihm", ist sich Lehmann sicher.

Sie besucht eine Beratungsstelle der katholischen Organisation Donum Vitae, bespricht ihre Situation. Am Donnerstag geht sie zusammen mit ihrem Mann in die Klinik. An den Zeitpunkt, an dem der Abbruch begann, kann sie sich gut erinnern: "Um elf Uhr bekam ich die ersten beiden Tabletten, die die Wehen auslösen sollten, dann alle drei Stunden zwei weitere." Tränen flossen da nicht mehr. "Ab dem Zeitpunkt, an dem ich im Krankenhaus eintraf, war ich ruhig. Ich wollte Peter den Weg nicht noch schwerer machen", sagt Lehmann.

Doch die Geburt dauert. Erst in der Nacht zum Montag wird der Junge tot geboren. Bis dahin hat seine Mutter immer wieder Tabletten geschluckt, sogar in einer sehr schmerzhaften Prozedur einen Blasenkatheder bekommen, um den Muttermund zu öffnen, gefolgt von neuen Medikamenten. Nach der Geburt gibt die Hebamme Lehmann ihren Sohn, sie will ihn unbedingt sehen. Eine Stunde hält sie ihn auf dem Arm, spricht mit ihm. "Die offene Stelle auf dem Rücken war wirklich sehr groß", sagt sie. Der Vater macht Fotos. Sie entschließen sich, ihren Jungen zusammen mit anderen Totgeburten vom Krankenhaus bestatten zu lassen. "Da ist er nicht alleine, aber wir können uns trotzdem um das Grab kümmern."

In ihrem Garten haben sie einen Baum gepflanzt und einen Gedenkstein eingerichtet. Sechs Wochen lang ist Lehmann krank geschrieben, bevor sie wieder arbeiten muss. Sie spricht viel mit Freundinnen, chattet im Internet mit Frauen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Im kommenden Jahr will sie erneut versuchen, schwanger zu werden. Paul soll sein Geschwisterchen bekommen. Und diesmal, so hofft sie, wird alles gut gehen.

* Namen von der Redaktion geändert.

Die Autorin ist freie Journalistin

in Hamburg und Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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