Inhalt

Annika Joeres
Der gespendete Herzschlag

WENN TOD LEBEN RETTET Hubert Knicker war 38 Jahre alt, als sein gewohntes Leben aufhörte. Die Ärzte stellten ein vergrößertes Herz fest. Fortan drehte sich sein Alltag um das Überleben. Bis er ein neues Herz bekam

Hubert Knicker hat viele Leben gehabt. "Im Prinzip bin ich schon zehn Mal gestorben", sagt der 52-Jährige mit leiser Stimme. "Manchmal wundere ich mich selbst, dass ich noch auf der Erde bin." In den vergangenen 14 Jahren hing sein Leben am seidenen Faden. Erst seitdem ihm in diesem Sommer ein Herz implantiert wurde, wacht Knicker morgens ohne Todesangst auf. "Es ist wie eine zweite Geburt", sagt er.

Möglicherweise hat eine harmlos erscheinende Stechfliege die Gesundheit des jungen Knicker zerstört. Der gelernte Krankenpfleger reagierte schon immer allergisch auf die kleinen Tiere. Einmal, da war er Mitte 30, entzündete sich nach einem Stich in die Wade sein gesamtes Bein und er bekam Fieberschübe. Wahrscheinlich entzündeten sich auch Teile seines Herzens, aber das sind nur Vermutungen.

Fest steht aber, dass er von einem Tag auf den anderen nur sehr schwerfällig Treppen steigen konnte. Bei der Arbeit im Krankenhaus bekam er Atemnot, sobald er schneller durch die Flure schritt. Knicker ging von Arzt zu Arzt, bis ein Kardiologe in Bad Oeynhausen ein vergrößertes Herz feststellte. Der Muskel war zu schwach, um das Blut durch seinen Körper zu pumpen, es leistete nur noch 24 Prozent von der Kraft eines gesunden Organs. Mehr als zwei Monate verbrachte er in der Klinik und wurde schließlich mit einer Pumpe entlassen. Die Diagnose erschütterte den Familienvater: Die Ärzte schickten ihn im Alter von 38 Jahren in die Verrentung. "Von einer Sekunde auf die andere wurde mir klar: Du wirst nie wieder arbeiten können. Du wirst kein normales Leben mehr führen können", erzählt er.

Tatsächlich war die Unbeschwertheit eines gesunden Lebens vorüber. Zwar bekam er wieder leichter Luft und schaffte auch die Treppen im Haus, aber sein Körper blieb schwach. Schließlich ist dieser existentiell auf die Leistung des Herzens angewiesen, darauf, dass alle Glieder und Organe mit frischem, sauerstoffreichem Blut versorgt werden können. Erst viele Jahre später gestand ihm seine Frau, dass ihm seine Ärzte zum damaligen Zeitpunkt kaum eine Überlebenschance eingeräumt hatten.

»Es war ein Martyrium«

Als er eines Tages den Rasen mähte, wurde Knicker ohnmächtig. Glücklicherweise fand ihn seine Frau und er wurde mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Sein Herz flimmerte, er hatte starke Herzrhythmusstörungen. Der Muskel zog sich zusammen und stieß nicht mehr ausreichend Sauerstoff aus. Ihm wurde ein Defibrillator eingesetzt. Dieser kleine Apparat stößt elektrische Ladungen aus und setzt das Herz wieder in Gang. Normalerweise ist er für Notfälle gedacht, um Menschen mit einem Infarkt zu reanimieren. Hubert Knicker aber trug die Maschine unter der Haut mit sich. "Es war ein Martyrium", sagt er.

Seiner Stimme ist anzuhören, wie sehr ihn die unerwarteten Stromschläge gequält haben müssen. Denn immer, wenn sein Herz unter einer bestimmten Frequenz pumpte und zu flimmern anfing, versetzte ihm der Defibrillator einen Stromschlag. Auf der Einkaufsstraße, im Wohnzimmer beim Fernsehen, manchmal mitten in der Nacht. Völlig überraschend und ohne Vorwarnung. "Es ist, als würde ein Pferd in den Rücken springen", sagt er. So, als ob einem der Kiefer rausflöge und alle Kraft aus dem Leib schwinde. "Ich hatte schreckliche Angstzustände", sagt Knicker. Mindestens einmal in 14 Tagen setzte ihn die Maschine unter Strom, in einer Nacht waren es sogar sechs Stöße.

»Frei war ich lange nicht«

Als der Defibrillator neu eingestellt wurde und Knicker andere Medikamente erhielt, ging es ihm etwas besser. Einige Jahre hatte er Ruhe. Aber die Lungen waren inzwischen ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Gefäße des Atemorgans hatten sich vergrößert. Der Defibrillator reichte nicht mehr aus, um die mangelhafte Pumptätigkeit des Herzens auszugleichen.

Knicker wurde unter dem linken Rippenbogen eine Pumpe eingesetzt, die das Herz unterstützen sollte. Von dort verlief ein Kabel durch die Bauchdecke nach außen zu einem Kontrollgerät, das Knicker um den Hals trug. Das Gerät in der Größe einer Fototasche gibt die Zirkulation des Blutes durch und enthält die Batterien für die Pumpe. Immer nach sechs Stunden musste er zur Ladestation zurück und die Akkus wechseln. "Frei war ich da schon lange nicht mehr", sagt Knicker.

Alles musste geplant sein, Urlaube waren für die Familie praktisch unmöglich. Als der Sohn auszog, verkaufte das Ehepaar sein Haus in Minden und kaufte sich eine Wohnung in Bad Oeynhausen, nur wenige Fußminuten vom Krankenhaus entfernt. Knickers Alltag drehte sich fortan nur noch um sein Überleben.

Er sollte mindestens sechs Liter am Tag trinken, um die Blutzirkulation zu erhöhen. "Wenn ich nicht ausreichend Flüssigkeit aufgenommen hatte, fing der Controller an zu fiepen und mir wurde schwindelig. Mein Leben hing wieder an einer Maschine", sagt er. An einer Maschine, die fehlbar war. Sie hatte nach zwei Jahren einen Defekt und schlug ständig Alarm.

Das war für die Ärzte der Zeitpunkt, um Knicker auf die Warteliste für Transplantationen zu setzen. Er erhielt die wertvolle Kennzeichnung "HU" für "highly urgent" - ein dringender Notfall. Die Mediziner warnten ihn, es könne sehr lange dauern, bis ein Spenderherz gefunden werde. "Die Krankheit war schlimm", sagt Knicker. Aber das Warten auf eine Organspende habe noch viel mehr an seinen Nerven gezehrt.

Die Patienten im Herzzentrum Bad Oeynhausen erleben ihr Schicksal gemeinsam. Sie erleben, wenn einer von ihnen eine schwierige Transplantation nicht überlebt, oder wenn einer jahrelang warten muss. Aber Knicker hatte Glück. Am 14. Juli erhielt er abends um 20 Uhr auf seinem Notfallhandy einen Anruf.

Es folgten die schrecklichsten und zugleich schönsten Stunden seines Lebens. Denn nur maximal sechs Stunden bleiben dem Ärzteteam und den Patienten, um das Herz eines Spenders zu verpflanzen. Und manchmal stellt sich erst in letzter Sekunde heraus, dass Organ und Empfänger doch nicht so gut übereinstimmen wie vermutet und der Patient wird aus dem OP-Saal wieder herausgeschoben, mitunter schon narkotisiert. "Zwei Stunden lag ich auf der Bahre und habe gehofft und gebangt", erzählt Knicker. Er habe sehr große Ängste gehabt. Denn der chirurgische Eingriff ist schwer und risikoreich. Weil die Pumpe von Knicker mit dem umliegenden Gewebe verwachsen war, dauerte die Operation mehr als neun Stunden.

Wohin mit der Dankbarkeit?

Als er am nächsten Morgen aufwacht, kann er kaum glauben, dass nun ein fremdes Herz in ihm schlägt. Mehrfach fragt er die Schwester, ob die Operation wirklich stattgefunden hat. Nach einer Woche kann er schon wieder auf dem Flur laufen. "Seitdem geht es mir gut", sagt Knicker. Die Familie seines Spenders möchte er nicht kennenlernen. Weil er die Angehörigen nicht an den Verlust erinnern und sie nicht erneut in Trauer stürzen möchte. Aber vor allem weil er um seine eigene Reaktion fürchtet. "Ich wüsste nicht, wo ich hin sollte mit all meiner Dankbarkeit", sagt er.

Die Autorin ist

freie Journalistin in Bochum.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag