Inhalt

AUFGEKEHRT
Tatjana Heid
Nimmerland abgebrannt

Wir wissen nicht, wo Nimmerland liegt. Doch eines ist sicher: In Deutschland ist es nicht. Und wäre es hier, Peter Pan würde sofort auswandern. Denn in Deutschland zeichnet sich ein kinderbedrohender Trend ab: Jeder dritte Nachbarschaftsstreit in Bayern geht auf Kinderlärm zurück. Kein Mensch möchte neben Schulen wohnen. Und laut geltender Baunutzungsverordnung ist der Bau von Spielplätzen und Kindergärten nur in Ausnahmefällen in Wohngebieten erlaubt. Diese Entwicklung lässt Schlimmstes befürchten: Wird in Zukunft jedes Geräusch geahndet? Werden irgendwann nicht nur Grundschulen vor die Tore der Stadt verlegt, sondern auch Sportplätze, Häuser mit quietschenden Rollläden und Gärten mit Zierspringbrunnen?

Und was ist mit den Popcorn-Essern im Kino? Sie kruscheln, knurpsen, schmatzen. Vielleicht dürfen sie demnächst nur noch am Nachmittag ins Kino gehen. Die Nicht-Esser bekommen dafür die Abendvorstellung. Auch könnte man sich auf eine neue Büroflurnutzungsverordnung einstellen. Die würde Frauen dann flache Gummisohlen vorschreiben. Schließlich stört nichts so sehr wie das Geklapper von Pfennigabsätzen auf Bürofluren. Dann wäre da noch die tägliche Fahrt mit der S-Bahn. Musik aus Kopfhörern, Zeitungsrascheln. Husten. Schnäuzen. Atmen. Eine Zumutung. Vielleicht wird künftig jeder, der Musik hören oder atmen möchte, in die zweite Klasse steigen müssen. Die anderen, friedlichen, nicht-atmenden Fahrgäste kommen in die erste Klasse. Und die Fahrgäste mit Kindern, Kleinkindern oder Babys bekommen einen eigenen Zug, wenn nicht gar eine eigene Bahnstrecke. Oder ein eigenes Land. Nimmerland. Wüsste man doch nur, wo es liegt. Die Kinder würden sich freuen. Denn angesichts solcher Szenarien wird eine Konfrontation mit Captain Hook zu einer - nun ja - kinderleichten Herausforderung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag