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Hans-Jürgen Leersch
»Eher bitter als reizend«

IM WORTLAUT Bundestagspräsident Norbert Lammert über Eduard von Simson

In seiner Rede beim Bundesverwaltungsgericht am 7. November in Leipzig zum 200. Geburtstag von Eduard von Simson ging Bundestagspräsident Norbert Lammert auf das Angebot der Kaiserkrone an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1849 durch von Simson im Auftrag des Frankfurter Paulskirchenparlaments ein. So habe der König damals geschrieben: "Jeder deutsche Edelmann, der ein Kreuz oder einen Strich im Wappen führt, ist hundertmal zu gut dazu, um solch ein Diadem aus Dreck und Letten der Revolution, des Treubruchs und des Hochverrats geschmiedet, anzunehmen." Gegenüber Ernst August von Hannover sprach er von einem "Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolution von 48 ketten wolle". Und seine Schlussfolgerung aus den, wie er sie sarkastisch zu nennen pflegte, "tollen Jahren" 1848/49 an seinen Londoner Gesandten Bunsen ist der vielzitierte Satz: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten." Das war die Zeit, in der Eduard von Simson gelebt hat als Jurist und Parlamentarier.

Bezeichnend für diese damalige Situation und übrigens besonders hervorzuheben, weil buchstäblich einzigartig für die Biographie Eduard von Simsons, ist der Umstand, dass er gleich zweimal in prominenter Rolle an der Etablierung einer deutschen Kaiserwürde beteiligt war - 1849 aus den genannten Gründen ohne und 1870 mit Erfolg. Von Otto von Bismarck ist dazu die Bemerkung überliefert: "Es ist ein reizendes Spiel des Geschickes , dass derselbe Mann ausersehen war, 1849 die Kaiserkrone namens der Nationalversammlung anzubieten und jetzt die Annahme der von den Fürsten dargebotenen Krone zu erbitten."

Für einen Parlamentarier muss das eher bitter als reizend gewesen sein. Es führt den demokratischen Grundgedanken der Volkssouveränität ad absurdum. Die Paulskirchenversammlung ... stand vor der Doppelaufgabe, Freiheit und Einheit schaffen zu wollen und zu sollen - und in dem Dilemma, zunehmend begreifen zu müssen, dass beides gleichzeitig nicht zu haben war. Die Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung, wie sie dann beschlossen wurde, wollte die Einheit aller Deutschen, hätte in der Verfassungswirklichkeit aber nur einen kleindeutschen Staat geschaffen, der nicht durch Volkssouveränität parlamentarisch repräsentiert, sondern durch eine konstitutionelle Erbmonarchie geprägt gewesen wäre. Mit anderen Worten: Der de facto erklärte Vorrang der Einheit hätte die Freiheit limitiert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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