Inhalt

AUFGEKEHRT
Peter Gillies
Bürgen heißt Würgen

Gläubiger gelten als reich und mächtig, Schuldner als arm und ohnmächtig. Wenn der Schuldner jedoch genügend Kredite zusammengepumpt hat, kehren sich die Machtverhältnisse um. Der Schuldner wird bisweilen so mächtig, dass er die Gläubiger in die Zange nehmen kann: Er droht schlicht mit seiner Pleite. Hier kommt ein Dritter ins Spiel, der Bürge. Er verspricht, für die Schulden geradezustehen. In Euroland wurde dem Steuerzahler ungefragt diese Funktion des Bürgen übergestülpt. Eine höchst undankbare Rolle. "Da lächelt der König mit arger List", heißt es Schillers "Bürgschaft" ahnungsvoll, als der gescheiterte Tyrannenmörder Damon - "den Dolch im Gewande" - für seine pünktliche Rückkehr an den Hof einen Freund zum Bürgen stellte. "Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen." In Schillers Ballade, einst Schülers Schrecken, muss der Bürge dramatische Abenteuer bestehen, die ihn an der fristgerechten Rückkehr hindern. Eine Räuberbande überfällt ihn, mit der Keule streckt er drei Mordgesellen nieder. Er "weint und fleht", aber "die Angst beflügelt den eilenden Fuß".

Auch den modernen Bürger erwarten Abenteuer. Mit Angstschweiß auf der Stirn und im Herzen die Furcht bangt er, seine Garantie einlösen zu müssen. Obgleich jeder Banklehrling die Lebensweisheit "Bürgen heißt Würgen" eingebläut bekommt, werden immer noch zu viele unbedachte Bürgschaften abgegeben. Das Gesetz der Bürgschaft war und ist unerbittlich. Ob in Taler, Kreuzer oder Euro: Es muss eingelöst werden. An den Gestaden des Euro kennt man mit Bürgen kein Erbarmen. Schiller lässt seine Bürgschaft mit einem Happy End ausklingen. Bei ihm ist die "Treue kein leerer Wahn". Beeindruckt bittet der Tyrann, der Gläubiger: "Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte." Könnte auf Portugal passen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag