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Johannes M. Müller
Kurz notiert

Die Frage nach seiner Mutter hat ihn irritiert. Vor der Bundestagswahl im vergangnen Jahr war er politische Fragen gewohnt, danach hieß es plötzlich: "Und wie findet es Ihre Mutter, dass Sie im Bundestag sitzen?" Seit feststand, dass er mit 22 Jahren als jüngster Abgeordneter ins Parlament einziehen würde, war das mediale Interesse an Florian Bernschneider geweckt. Auch das private Umfeld in Braunschweig, sein Freundeskreis und seine Freundin interessierten die Presse. "In den ersten Wochen musste ich für mich erstmal klären, was ich persönlich in der Öffentlichkeit über mich sagen will und was nicht", erinnert sich Bernschneider.

Der FDP-Parlamentarier hat eine Trennlinie zwischen Öffentlichem und Privatem gezogen. Einblicke gewährt er nur vereinzelt: so kürzlich dem Projekt "Du hast die Macht" der Robert-Bosch-Stiftung, das Jugendliche für Politik interessieren will. "Wir haben klare Spielregeln abgesteckt und sie konnten dann auch mit Freunden von mir sprechen", erläutert Bernschneider. Er sitzt auf dem Sofa seines Abgeordnetenbüros im Jakob-Kaiser-Haus und trinkt Kaffee - stark und schwarz. Der tiefbraune Anzug passt zu den Brauntönen von Krawatte, Schuhen, Gürtel und seinem dunklen Haar - nur die blau-grünen Augen durchbrechen die farbliche Einheit.

Die mediale Aufmerksamkeit verdankt Bernschneider dem Superlativ seines Alters - der jüngste Abgeordnete im Bundestag zu sein, der am 15. Dezember seinen 24. Geburtstag feiert. Im Vergleich mit anderen Neulingen relativiert er sein Alleinstellungsmerkmal: "Ich glaube, die Abgeordneten, die das zum ersten Mal machen, fühlen sich alle ähnlich." Die mangelnde Lebenserfahrung, die ihm regelmäßig vorgeworfen wird, gleiche sich durch die erfahrenen Kollegen im Parlament aus. "Schließlich ergänzen sich Jung und Alt. Politik ist Teamwork", sagt er. Die Stärken junger Politiker sieht er im frischen Wind, den sie ins Parlament bringen, und ihrem vertrauten Umgang mit den neuen Medien.

Im Bereich der sozialen Netzwerke sieht der Liberale, der Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist, großes Potenzial für die Politik. "Ich glaube, die neuen Medien helfen uns, einen viel engeren Kontakt herzustellen, als das früher möglich war." Als jugendpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion appelliert er besonders an junge Menschen, sich im Internet überlegt zu bewegen und gibt zu bedenken, welche Folgen ein ungeschickt platziertes Party-Bild für die Karriere haben kann, wenn es der Personaler googelt.

Der junge Abgeordnete ist auch stellvertretendes Mitglied in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft". Er gibt zu bedenken, dass die Politik mit dem Potenzial der Online-Communities umsichtig umgehen sollte: "Wichtig für uns als Politiker ist es, zu erkennen, dass das mehr ist als ein Wahlkampf-Gag." Er betreibt neben seiner Homepage auch Accounts bei Facebook, StudiVZ, Myspace, Twitter und YouTube. Betrachtet man seine Aktivität bei Twitter, so hat sein Zwitschern seit der Wahl aber deutlich nachgelassen.

Lob für Philipp Rösler

Wie das Internet andere Medien beeinflussen kann, hat er am eigenen Leib erfahren. Bernschneider berichtet über eines der ersten Portraits, das nach der Bundestagswahl über ihn geschrieben wurde. Seitdem gilt Philipp Rösler als sein politisches Vorbild, obwohl er ihn selbst nie als solches bezeichnet habe; vielmehr lehne er das Prinzip einzelner Vorbilder ab. Bernschneiders Stimme klingt trotzdem ehrfurchtsvoll, wenn er über den Gesundheitsminister spricht: "Er macht Politik sehr sympathisch und sehr authentisch. Man kann sich eine große Scheibe bei ihm abschneiden." Auf Facebook hatte Bernschneider angeklickt, dass ihm die Seite seines Parteifreundes Rösler gefällt. Daraus schloss ein Journalist, dass dieser sein Vorbild sei. Dem widersprechen wollte der junge Abgeordnete im Interview jedoch nicht; schätzt er doch Rösler als Person sowie dessen Leistungen.

Auf seine eigenen Leistungen angesprochen, nennt Bernschneider die Verhandlungen zum Zivildienst: "Gerade in der Diskussion um den Zivildienst, glaube ich, wären die Verhandlungen anders ausgegangen, wenn ich nicht am Verhandlungstisch gesessen hätte." Wie genau, kann er nicht sagen. Generell fällt es ihm schwer, "ich" zu sagen. Er spricht lieber von den jungen Abgeordneten, der FDP oder der Politik. Sieht man Bernschneider im Plenum in den Reihen seiner Fraktion, geht er in der Gruppe von FDP-Abgeordneten auf; nur wer genauer hinschaut, den überrascht sein junges Gesicht.

Unpolitisches Elternhaus

Schon in der Schule diskutierte er gern und kam als Schülersprecher in Kontakt mit politischen Themen. Dabei stammt er aus einem "unpolitischen Elternhaus", wie er es selbst nennt: "Meine Mutter wäre wahrscheinlich genauso stolz, wenn ich heute für die SPD im Bundestag sitzen würde." Er lacht. Die größten Gemeinsamkeiten sah er mit der FDP, wo er zunächst bei den Jungen Liberalen aktiv wurde. Mit 16 trat er in die Partei ein. "Früher ging's ja nicht", sagt er und lächelt.

Nach dem Abitur begann er bei der Norddeutschen Landesbank ein Duales Studium der Betriebswirtschaftslehre, das er im September mit dem Grad des Bachelors abgeschlossen hat. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen", sagt er erleichtert. Die Doppelbelastung habe noch mehr Nachtschichten erfordert, als für das Mandat ohnehin nötig seien. Der Abschluss sei ihm aber gerade wegen seiner Zukunft wichtig gewesen. "Keiner hat hier ein Dauerticket. In drei Jahren kann alles zu Ende sein und dann sollte man noch andere Optionen haben", sagt er. "Ich glaube, sonst kann man auf Dauer auch nicht frei entscheiden." Wie lang er in der Politik bleiben will, habe er nicht geplant: "Solange es mir Spaß macht und solange ich etwas verändern kann, würde ich gerne bleiben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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