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Johanna Metz
Ovationen für einen Abwesenden

AUSZEICHNUNG Europaparlament ehrt kubanischen Dissidenten Fariñas mit Sacharow-Preis

Sein Stuhl im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg blieb leer. Das Castro-Regime in Havanna hatte Guillermo Fariñas die Ausreise verweigert. Seine Auszeichnung, den diesjährigen Sacharow-Preis für geistige Freiheit, konnte der kubanische Dissident daher am vergangenen Mittwoch nicht persönlich entgegennehmen. Kein ungewöhnlicher Vorgang in diesen Tagen: Gerade erst ließ auch China den unbequemen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo nicht zur Ehrung nach Oslo reisen.

Fariñas blickte die Spaziergänger stattdessen entlang der Parlamentsgebäude von Plakaten an - mit großen Augen, kahlem Kopf und abgemagertem Oberkörper. Eine Folge von 23 Hungerstreiks, mit denen der 48-jährige Menschenrechtsaktivist in den vergangenen Jahren für mehr Freiheiten in seiner Heimat gekämpft hat (Das Parlament Nr. 43/10). Den letzten, ganze 135 Tage lang, beendete er im Juli - er kostete ihn fast das Leben. Bis heute ist er gesundheitlich schwer angeschlagen.

Die Abgeordneten in Straßburg ehrten den abwesenden Preisträger mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus. Der dankte dem Europäischen Parlament in einer zuvor aufgezeichneten Rede und kritisierte die Regierung Kubas scharf: "Allein schon die Tatsache, dass ich diese Insel, auf der ich geboren wurde, nicht frei verlassen und wieder betreten kann, diskreditiert jene, die unsere Heimat so schlecht regieren, und beweist, dass sich am autokratischen Regime meines Landes leider nichts geändert hat", sagte er. Zugleich appellierte er an die EU, auf die Einhaltung der Menschenrechte in Kuba, die Freilassung aller politischen Häftlinge, das Ende der Verfolgung von Regierungskritikern, die Zulassung von Oppositionsparteien und Gewerkschaften und die Einhaltung von Menschenrechten, zu drängen. Auch eine Sorge benennt Fariñas ganz offen: "Die arroganten Regierungsmachthaber könnten aus Frustration heraus die Tötung von Bürgern befehlen." Umso wichtiger sei es jetzt, dass die Weltgemeinschaft den Blick auf die Proteste in Kuba lenke.

Stimme Europas

Fariñas ist bereits der dritte kubanische Dissident seit 2002, den das EU-Parlament mit dem Sacharow-Preis auszeichnet, nach Oswaldo Paya und den "Damen in Weiß".

EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek bezeichnete den leeren Stuhl für den promovierten Psychologen und Journalisten als "das beste Beispiel dafür", wie wichtig der Kampf für die Menschenrechte ist. Obwohl Aktivisten wie Fariñas verfolgt und ins Gefängnis geworfen würden, könnten sie nicht zum Schweigen gebracht werden, betonte er: "Rolle des Europäischen Parlamentes ist es, diese Stimme vernehmlich zum Hören zu bringen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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