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Tatjana Heid
Kein Anstoßen mit halbvollen Gläsern

BILDUNG Koalition und Opposition streiten weiter über die Ergebnisse der Pisa-Studie

Es war der ewig bemühte Vergleich vom halbleeren und halbvollen Glas, der sich am Mittwoch bei der Aktuellen Stunde zur Pisa-Studie auf Verlangen der SPD-Fraktion aufdrängte. Die Fraktionen waren sich einig: Ja, es gibt Verbesserungen. Und: Nein, sie reichen nicht. Einzig die Lesart war unterschiedlich.

Nahezu leer war das Glas für die Linksfraktion. Bei der ersten Pisa-Studie hätten 22,6 Prozent nur schlecht lesen können, aktuell seien es 18,5 Prozent, sagte die bildungspolitische Sprecherin, Rosemarie Hein. "Damals war es ein gutes Fünftel, heute ist es ein knappes Fünftel." Wer das als Erfolg sehe, habe "sehr bescheidene Vorstellungen". Zur Hälfte voll war das Pisa-Glas dagegen für Sylvia Canel (FDP): Die Schüler "können nur mittelmäßig lesen, aber immerhin schon besser als 2000", fand sie. Auch habe sich der Zusammenhang von Lesekompetenz und sozialer Herkunft deutlich verringert. "Die Richtung stimmt", rief Canel.

Ihre Forderungen: weniger "bevormundende Politik", mehr eigenständige Schulen, Ausbau der frühkindlichen Bildung und individuelle Förderung. Heins Forderungen: ein Ende des Kooperationsverbots und die Errichtung von Gemeinschaftsschulen. Das Kooperationsverbot untersagt dem Bund Investitionen im Bildungsbereich.

Pisa-Gefahr und Pisa-Erfolg

Auch die SPD-Fraktion sprach sich für längeres gemeinsames Lernen aus. Als weiteren Punkt nannte sie die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen. "In diesem Bereich sehe ich bei der Regierungskoalition eine Totalverweigerung", sagte Swen Schulz. Es sei notwendig, dass der Bund jährlich zehn Milliarden Euro zusätzlich in Bildung investiere. Das sei ein erreichbares Ziel, wenn man auf "Quatsch" wie Betreuungsgeld und Steuergeschenke an Hoteliers verzichtet, betonte Schulz. Die Politik der Regierungskoalition sei eine "Pisa-Gefahr".

Für eine bildungspolitische Debatte habe Schulz wenig abgeliefert, konstatierte Marcus Weinberg (CDU). Das Thema könne nicht auf "Betreuungsgeld und Ganztagsschulprogramm" reduziert werden, sagte er. Richtig sei, dass sich die Lesekompetenz "signifikant verbessert habe". Herausforderungen blieben dennoch Defizite beim Leseverständnis, Kinder mit Migrationshintergrund und das Problem der sozialen Herkunft. In Zukunft solle früher, zielgenauer und bedarfsorientiert gefördert werden.

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen schloss sich den Forderungen von der SPD und der Fraktion Die Linke an. Priska Hinz sprach sich für Ganztagsschulen und eine Ende des Kooperationsverbotes aus. In Zukunft müsse außerdem "jede Schule zu jedem Abschluss" führen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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