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CONTRA: EUROBONDSGastkommentar
Claus Hulverscheidt
Verfrühte Forderung

Man stelle sich einmal zwei Menschen vor, die gemeinsam ein Doppelhaus bauen wollen und dafür Kredite aufnehmen. Der eine Bauherr schränkt seinen Lebensstil ein, um sich das neue Heim leisten zu können. Der andere feiert rauschende Partys und hat schon nach dem Einbau der Fenster kein Geld mehr. Weil ihn seine Bank zurückweist, geht der zweite Bauherr zum ersten und bittet ihn, sich gemeinsam um ein weiteres Darlehen zu bemühen. Was würde der Gefragte wohl antworten?

Das Beispiel mag platt sein, beschreibt aber das Dilemma, dem sich die Bundesregierung im Streit um die Schaffung gemeinsamer Staatsanleihen aller 16

Euro-Länder gegenüber sieht: Einerseits hat sie ein Interesse, dass das "gemeinsame Haus Europa" fertig wird und es nicht aus dem Rohbau nebenan hereinzieht. Andererseits hat Deutschland in den zwölf Jahren seit Einführung des Euro viel Verzicht geübt - Stichwort: Lohnzurückhaltung -, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Der Lohn dafür ist eine Spitzenbonität auf den Finanzmärkten. Um diesen Lohn brächte sich die Bundesrepublik, würde sie ihr Zinsniveau mit dem der griechischen und irischen Partylöwen vermengen.

Wer jetzt Worte wie "Solidarität" und "Schicksalsgemeinschaft" bemüht, um die Deutschen zu Eurobonds zu nötigen, der vergisst, dass sich das "Haus Europa" nur errichten lässt, wenn die Bürger diesen Weg aus Überzeugung mitgehen. Das aber werden sie nicht tun, wenn sie dabei alle private Lebenserfahrung über Bord werfen sollen. Eurobonds können am Ende des europäischen Integrationsprozesses stehen, wenn sanktionsbewehrte Mindeststandards im Haushalts-, Steuer-, Sozial- und Arbeitsrecht gelten - nicht aber am Anfang.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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