Inhalt

Parlamentarisches Profil
Sibylle Ahlers
Gläubiger Protestant: Volker Kauder

In dem weiträumigen Büro des Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im 5. Stock des Jakob-Kaiser-Hauses kann man sich wohlfühlen. Für jede Gelegenheit gibt es passende Möbel: Eine Sitzecke mit Sesseln und niedrigem Tisch am Fenster, in der Mitte ein runder Tisch mit Stühlen und ein großer, aufgeräumter Schreibtisch vor der Wand - alles findet seinen Platz und trotzdem wirkt der helle Raum nicht überfüllt. An den Wänden hängen moderne Kunstwerke in freundlichen, bunten Farben von dem ostdeutschen Künstler Strawalde, von Robert Fleck und Markus Daum, der auch das Kreuz im Sitzungssaal der CDU/CSU-Fraktion geschaffen hat.

Auf dem Couchtisch steht eine kleine Bronzefigur mit pausbäckigem Gesicht von Roland Martin, einem Künstler aus Volker Kauders Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen: Der Kannitverstan. Mit sichtlichem Vergnügen erzählt Kauder die Geschichte des Tuttlinger Handwerksburschen aus Johann Peter Hebels "Rheinischem Hausfreund", der in Amsterdam auf die Frage, wem gewisse Besitztümer gehören, stets die Antwort Kannnitverstan (Ich kann dich nicht verstehen) erhält und von dem Reichtum des Unbekannten sehr beeindruckt ist.

Volker Kauder selbst strahlt eine große Gelassenheit aus. "Ich ärgere mich sehr selten. Ich habe an meinem 50. Geburtstag beschlossen, mich nicht mehr zu ärgern", sagt er und klingt zufrieden, als ob ihm dieses mehr als als zehn Jahre nach dem Vorsatz ohne große Anstrengungen gelingt. "Dafür habe ich aber festgestellt, dass ich mich um so häufiger wundern muss." Wundern tut er sich beispielsweise über die große Geschwätzigkeit in Europa, wenn dort über den Euro gesprochen wird.

Doch ein weit ernsteres Thema treibt den gläubigen Protestanten um, ein Thema, das selbst in der Vorweihnachtszeit viel zu wenig Beachtung fände. "Ich glaube, dass die Verfolgung von Christen in letzter Zeit zugenommen hat", sagt Kauder besorgt. Besonders furchtbar sei die Lage der Christen in Eritrea, berichtet der 61-Jährige sichtlich betroffen. Regelmäßig betont der Christdemokrat in Reden, dass Christen, die weltweit am stärksten verfolgte Religionsgruppe sind.

"Auch im Irak ist die Lage für die Christen schlimm. Immerhin haben meine Hinweise im Bundestag das Problem etwas mehr in den Mittelpunkt gerückt. In der Vergangenheit hat sich die Politik um das Thema sicher zu wenig gekümmert", kritisiert Kauder und ergänzt: "Ich wünsche mir, dass bei allen Besuchen in Ländern, wo Christen verfolgt werden, das Thema angesprochen wird". Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sei bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, lobt er und fügt hinzu: "Auch ich habe bei meinen Besuchen in Indonesien und Malaysia um Auskünfte über die Lage der Christen gebeten. Im nächsten Jahr werde ich das auch in Indien tun." Kauder verzeichnet bei seinem Engagement kleine Erfolge. "Ich habe eine Erfahrung gemacht: Wenn man das Thema bei den Staatschefs anspricht, hinterlässt dies Wirkung."

Fragen zum täglichen Politikgeschäft beantwortet der mit einer Ärztin verheiratete Kauder konzentriert, sachlich, ernsthaft und eloquent. Keine Kunstpause oder auch nur ein kurzes "Äh" unterbrechen seine druckreifen Ausführungen. Volker Kauder ist kein Mann der langen blumigen Reden. Meist antwortet er kurz und knapp, ohne Ausschmückungen oder ausmalende Adjektive. Ihm selbst sind im Leben und der Politik nach eigener Aussage wichtig, dass "Aussagen und Taten möglichst nahe beieinander liegen. Nur dann ist Politik glaubwürdig."

Diese Aufrichtigkeit hat ihm auch den Respekt von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingebracht. Im Herbst 2001 sagte er ihr offen ins Gesicht, dass der mächtige baden-württembergische Landesverband nicht sie, sondern den bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat bevorzuge. Jahre später honorierte sie dies. Auf der Suche nach einem treuen Bundesgenossen erinnerte sich die CDU-Vorsitzende an diese Aufrichtigkeit und machte Kauder zum Fraktionschef. Ein Mammutjob, den er als "wunderschöne Aufgabe" bezeichnet, "da sie die Breite der Politik abdeckt".

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag