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AUFGEKEHRT
Tatjana Heid
Eine kleine Katastrophe

Wie 2010 begonnen hatte, so endete es. Weiß. Vor dem Bundestag türmte sich der Schnee, überall im Land schlitterten die Menschen zur Arbeit. Die Flughäfen waren überfüllt, manch eine Fluglinie empfahl ihren Gästen, auf die Bahn umzusteigen. Die ihrerseits riet von Reisen mit der Bahn ab. "Alle reden über das Wetter. Wir nicht", lautete der Werbeslogan der Deutschen Bahn 1966. Heute könnte er heißen: "Meiden Sie die Bahn. Ihre Bahn." Wenn die Bahn nicht mehr fahren will, Fluggäste die Vorweihnachtszeit auf dem Feldbett verbringen und die Straßen vereist sind, dann bedeutet das für Politiker vor allem eines: die Gelegenheit, Tatkraft zu zeigen.

Als im Berliner Stadtteil Reinickendorf der Räumdienst kurz vor Weihnachten das Handtuch warf, griff Bezirksbürgermeister Frank Balzer kurzerhand selbst zur Schippe. Kein Wunder: Der Mann ist im Wahlkampf. Und nichts kommt dem Wahlkämpfer so gelegen wie ein Kataströphchen. Nichts Schlimmes, natürlich. Nur ein wenig Schnee, etwas zu viel Regen, eine winzige Sturmflut. Erinnern wir uns an Gerhard Schröder, der mit Gummistiefeln und perfekter Frisur die Herzen der Deutschen zurückeroberte, als die Elbe wenige Wochen vor der Bundestagswahl 2002 über die Ufer trat.

Auch Klaus Wowereit wusste, was er tat, als er nach dem vergangenen Winter flugs das Straßenreinigungsgesetz novellierte: Wer in Zukunft keinen Schnee räumt, kann zu einem Bußgeld von bis zu 25.000 Euro verdonnert werden. Wowereit: ein Mann der Tat. Ob er damit gegen Renate Künast ankommt, falls diese demnächst im grünen Parka Eis vor einem Altenheim wegzuräumen gedenkt, wird sich bei der Wahl zeigen. Man kann sich vorstellen, wie Wowereit und Künast sich lächelnd einen guten Rutsch wünschen - wohl wissend, dass der Weg zum Wählerherz in diesem Jahr mit Streusalz geebnet ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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