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Kata Kottra
Ich bin dagegen

PORTRÄTS Engagierte Bürger oder engstirnige Egoisten - was für Menschen stehen hinter den Protesten?

Gegen neues Kraftwerk

Hans-Michael Peter ist diese Strecke schon oft gefahren. Vom Kurort Bad Säckingen lenkt er seinen Wagen auch diesmal über kurvige Straßen zum Haselbachtal. Dann stellt er sein Auto am Straßenrand ab, um zu zeigen, wofür er kämpft.

Er steht am Rand des Haselbachtals, der Blick erstreckt sich über den herbstlichen Wald. "Das alles soll geflutet werden", erklärt Peter. Eine Betonmauer soll sich quer durch das Tal spannen und einen künstlichen Stausee bilden.

Denn im Südschwarzwald will die Schluchseewerk AG ein neues Pumpspeicherkraftwerk errichten. Aus einem Becken im Haselbachtal könnte das Wasser dann durch unterirdische Rohre in einen Speichersee oben auf dem Berg gepumpt werden. Dafür müsste die Bergkuppe gesprengt werden. Wenn das Wasser herabfließt, würde durch Turbinen Strom erzeugt: So kann man Energie zwischenspeichern. Wenn Deutschland seine Energieversorgung in den nächsten Jahren zunehmend auf erneuerbare Energien umstellt, müssen die Speicherkapazitäten ausgebaut werden, weil Wind und Sonne nicht gleichmäßig Strom liefern. Allerdings wird in den Pumpspeicherkraftwerken auch Atomstrom gespeichert.

Vor Ort regt sich Widerstand gegen die geplanten künstlichen Becken. Einer ihrer Köpfe ist Hans-Michael Peter, ein studierter Biologe, der sein Geld mit Wanderführungen durch das Moor verdient. In der Gegend um Bad Säckingen kennt er jeden Winkel. "Für andere ist das vielleicht nur ein hässlicher, toter Stamm", sagt er und zeigt auf einen ausgetrockneten Baum im Haselbachtal. "Aber darin haben viele Spechte ihre Höhlen." Zauneidechsen, Gelbbauchunken und Fledermäusen hätten hier ihre Heimat, sie müssten weichen, wenn der Stausee gebaut würde. Besonders um die Heilquellen von Bad Säckingen sorgt sich Peter: Diese könnten durch den Bau des unteren Beckens verschmutzt werden - eine Katastrophe für den Ort, der vom Tourismus lebt.

Mit Quellen kennt sich Peter aus, als Wissenschaftler hat er sich jahrelang mit diesem Thema beschäftigt. Das neue Kraftwerk hat der knorrige Mann mit der karierten Schiebermütze von Anfang an bekämpft. Seine Bürgerinitiative hat inzwischen so viele Infomaterialien erstellt, dass sie kaum in eine Aktentasche passen: Auf einer Karte ist das geplante Haselbachbecken und das angrenzende Heilwassergebiet eingezeichnet, eine Simulation zeigt, dass die Talsperre aus Beton mit 76 Metern höher wäre als die Türme des Münsters von Bad Säckingen. Alle Dokumente sind in Laminat eingeschweißt, Peter wird sie interessierten Besuchern noch oft zeigen. Der Biologe ist kein Fanatiker, Übertreibungen sind ihm fremd. Ein Energieexperte sei er allerdings auch nicht, sagt er. Wie man die schwankende Energieproduktion in Zukunft ohne zusätzliche Pumpspeicherkraftwerke ausgleichen könnte, weiß er auch nicht. Er hofft darauf, dass neu entwickelte Speichertechnologien schon bald eine Alternative zu gefluteten Tälern und gesprengten Bergkuppen bieten könnten.

Drei Stunden Zeit nimmt sich der Aktivist, um der Besucherin die Standorte von Tal- und Bergbecken zu zeigen und sein Anliegen zu erklären. Es seien vor allem "Zugezogene", die sich gegen das Kraftwerk engagierten, erzählt er. Vielleicht, weil viele von ihnen wegen der Schönheit der Landschaft hierher gezogen seien, die sie jetzt bedroht sehen. Dann verabschiedet sich Peter, die Arbeit wartet, eine Schulklasse will durch das Moor wandern. Im Gegensatz zu Mitarbeitern des Schluchseewerkes bekomme er ja kein Geld, wenn er Leute über das geplante Kraftwerk informiere, knurrt Peter noch zum Abschied.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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