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Ina Brzoska
Kurz notiert

Brigitte Pothmer,

Ein beachtlicher Korso tuckerte im August durch die niedersächsischen Dörfer bei Hildesheim: Mit Sonnenblumen geschmückte Trecker und Bläserkorps sorgten für Aufruhr in der ländlichen Gegend. Die Wut der Bürger richtet sich gegen den geplanten Bau von Hochspannungsleitungen. Eine Verschandelung der Natur, heißt es, Bürgerinitiativen fordern Erdverkabelung statt "Megamasten". Mehrere tausend Menschen haben sich dem Protest angeschlossen, auch die grüne Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer, 55, mischt mit.

Es ist keine ganz leichte Aufgabe für eine Grüne. Seit Jahren wartet die Partei auf den Netzausbau, damit Wind- und Sonnenenergie besser genutzt und Atomkraftwerke endlich abgeschaltet werden können. Der Ausbau der Trassen ist die entscheidende Voraussetzung für die Ökowende. Schon als Umweltminister versuchte Jürgen Trittin einen Ausbau der Stromnetze zu erreichen - damals scheiterte das Gesetz am Widerstand von Union und FDP.

Brigitte Pothmer versucht den Kompromiss. In Luttrum und Hohenassel beispielsweise, zwei vom Trassenausbau betroffene Ortschaften nahe Hildesheim: Wenn Demonstrationen anstehen, postiert Pothmer sich vor Ort, schwingt sich auch mal auf den Trecker. Es ist ihr Wahlkreis, sie will das Feld nicht den Konservativen überlassen. "Die Megamasten können wir nicht gegen den Willen der Bürger bauen, wir müssen gemeinsam an einem Kompromiss arbeiten", sagt Pothmer. Sie führt Projekte aus der Schweiz an, wo Probleme bei Infrastrukturprojekten mit allen Beteiligten gelöst wurden. Die Chance gebe es in Hildesheim auch: Die die Menschen hätten längst verstanden, dass grüne Energie den Ausbau der Netze voraussetzt.

Pothmer will Akzeptanz schaffen. Beschleunigen tut das den Prozess kaum. Auch Pothmer sieht die Gefahr eines Stillstandes: Mehrere hundert Einsprüche sind gegen die Masten eingegangen, über drei Jahre dauert der Protest inzwischen. Ausgerechnet der Netzausbau, so warnte die Deutsche Energie-Agentur (dena) jüngst, könnte zum Bremsklotz für die Ökowende werden. Bis 2020 würden 3.600 Kilometer neue Stromübertragungsnetze benötigt, gebaut wurden bislang aber weniger als 100. Erdkabel, der erwünschte Kompromiss, könnte den Strom verteuern, laut dena würden sie das Neunfache kosten. Zahlen, die Pothmer für zu hoch hält. Berechnungen der Bürgerinitiativen würden zeigen, dass es auch billiger gehe. Am liebsten wäre Pothmer allerdings, wenn der Zwang zur Erdverkabelung gesetzlich festgeschrieben würde.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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