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Parlamentarisches Profil
Jörg Müller-Brandes
Der Denker: Günter Krings

Wer Günter Krings gegenüber sitzt, den trifft ein kritischer, sehr gerader Blick. Beobachtet man ihn in Talkrunden, dann sagt er Sätze wie "Das ist inhaltlich problematisch, aber rechtlich nicht zu beanstanden". Der 41-jährige promovierte Rechtswissenschaftler aus Mönchengladbach ist mit jeder Faser Jurist. Er hat es weit gebracht in jungen Jahren. Bis zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag.

Für die Medien mag Krings ein etwas sperriger Typ sein. Krings hasst es zu vereinfachen, zu personalisieren, zuzuspitzen. Er ist kein Testosteron-Politiker, keine Rhetorik-Maschine, die politische Gegner zu überrollen versucht. Seine Stärken sind Analyse, Beharrlichkeit und exzellenter Sachverstand. "Mir waren immer Sachthemen wichtig", sagt er. Dabei war es ausgerechnet ein Umweltthema, das dem Christdemokraten zum politischen Durchbruch verhelfen sollte. Ende der Achtziger tobte in Nordrhein-Westfalen der Streit um den Braunkohlentagebau Garz- weiler II. Auch Krings machte sich hierzu seine Gedanken.

"Es ging um die Frage, was ist eine verantwortbare Energiepolitik. So war ich damals schon pro Kernkraft, aber gegen die Braunkohle", erinnert er sich. Als Leitbild diente dem überzeugten Christen, der nach eigenen Angaben auch schon mal fünf Bücher gleichzeitig liest, ein anderer Denker: Der ebenfalls aus Mönchengladbach stammende, 1993 verstorbene deutsch-amerikanisch-jüdische Philosoph Hans Jonas. Jonas hatte schon vor Jahrzehnten vor einer Klimakatastrophe gewarnt und die Verantwortung für die Natur, die Menschheitszukunft und das Menschenbild formuliert. Garzweiler II passte da wie die "Faust aufs Auge" aus Sicht des damals zwanzigjährigen Jurastudenten. So machte der Vorsitzende der Jungen Union (JU) Wickrath sich an die Überzeugungsarbeit und schaffte es schließlich, die Aufmerksamkeit der JU in ganz Nordrhein-Westfalen zu gewinnen. "Das war schon eine prägende Erfahrung", sagt Krings, dem dieser Erfolg schließlich zum Amt des JU-Bezirksvorsitzenden Niederrhein verhalf.

Die Karriereplanung am Reißbrett war allerdings seine Sache nicht. "Viele, die JU-Bezirksvorsitzende waren, befanden sich schon auf dem Absprung in die Berufspolitik", sagt er. "Ich habe das für mich erst nicht so gesehen und war sogar richtig sauer, dass man mir unterstellen könnte, ich würde mein ehrenamtliches Engagement dazu nutzen, dieses schließlich als Beruf auszuüben." Zehn Jahre sollte es dauern, bis Krings den Sprung in die Berufspolitik schließlich doch wagte. Nach erfolgreicher Kandidatur begann im Jahr 2002 schließlich seine Arbeit im Hohen Haus. Auch hier überließ er das Klappern lieber anderen und stürzte sich auf die Sachinhalte.

Krings, der inzwischen in seiner Fraktion als profilierter Experte für Urheberrecht gilt, ist Hans Jonas und dem Kampf für eine saubere Umwelt treu geblieben und leitete von 2006 bis 2009 als Vorsitzender den Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung. Öffnet sich einmal ein Zeitfenster, nutzt er dieses, um in Richtung USA zu entschwinden und seinen Blick zu schärfen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem er von 1994 bis 1995 das US-amerikanische und internationale Recht in Philadelphia studierte, dient Krings als wichtige Vergleichsgröße für sein Nachdenken über Deutschland.

"In Sachen Bildung und Sozialleistungen muss der Staat ein ausreichendes Maß an Sicherheit herstellen und als Fundament pflegen", resümiert Krings. "Das ist eine Lehre aus Amerika, auch angesichts der negativen Beispiele seiner Städte." Für die Durchsetzung in der Praxis musste der Abgeordnete Krings sich das rhetorische Rüstzeug erst mühsam aneignen. Doch noch immer bleibt spürbar, wie der Jurist Krings die optimale Präzision in der Sache anstrebt. Wörter und Sätze wirken oftmals wie Arbeitstitel für seine sprudelnden Gedanken. Dann formuliert er und denkt gleichzeitig schon weiter. Das Resultat des Gedachten soll möglichst optimal, wenn nötig auch selbstkritisch, sein. Im Vergleich zu den vielen Rhetorikkurs-gestählten Kollegen wirkt Krings damit wohltuend altmodisch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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