Inhalt


Ein deprimierendes und deprimiertes Land

Afghanistan ii Nur in der Hauptstadt Kabul zeigen sich Erfolge beim Aufbau

In den 30er Jahres des vergangenen Jahrhunderts wurde es besungen, das Land. Kabul galt als das "Paris des Ostens". Reste davon waren im Januar 2002 im zerstörten Stadtzentrum an ziselierten Mauerruinen, Mahnmal-gleich, zu erahnen. Noch in den 70ern, bevor die Sowjets kamen, war Afghanistan - ein Königreich mit selbstbewussten Stammesführern - für Motorrad-Junkies und Rucksacktouristen beliebte Zwischenstation auf dem steinigen Weg nach Indien, wie 2300 Jahre zuvor für den Welteneroberer Alexander den Großen.

Es war einmal. Heute wirkt das Land - nach Kriegen gegen die Sowjetunion, gegen die Taliban und inzwischen voller Skepsis auch gegenüber den westlichen Helfern - zermalmt, wie unter dem Absatz gewaltiger Mächte zertreten. Ein deprimierendes wie deprimiertes Land. Ein unverstandenes. Ein rückständiges.

"In fünf Minuten seit ihr im 14. Jahrhundert." Mit diesen, von Hohn triefenden Worten entließ uns im November 2001 ein russischer (!) Soldat an der Grenze Tadschikistans über den Fluss Pjansch nach Afghanistan, in das Areal der Nordallianz. Das mit dem "14. Jahrhundert" mochte noch stimmen in einem Land, dessen Helligkeit nachts vom Grad der Karbidlampe bestimmt wurde, dessen Tempo der Schritt des Esels vorgab. Die "fünf Minuten" freilich waren zu optimistisch. Es dauerte 28 Stunden, ehe man einen Fuß in das sandige graue Ufer der anderen Seite setzen konnte. Mit Grau ist die Farbe des Landes beschrieben: grau die Dörfer, kaum von der Steinwüste zu unterscheiden, grau die Gestalten, die wie wesenlos abends auf dem Heimweg im Nichts der Einöde verschwinden, eins mit ihr geworden, grau der alles bedeckende Staub, der große Gleichmacher, der wahre Beherrscher des Landes. Oder rissig - die Erde, die Runen in den Gesichtern der Menschen, die ab 40 wie 70 aussehen: rissig, ausgemergelt, ausgetrocknet wie die Flußbetten in ihrer Nähe. Das war 2002 - 2010 kaum anders.

Das Land hat nicht profitiert von der Anwesenheit westlicher Truppen, allenfalls Kabul, aber nur die City. Doch hier, wo die Loja Dschirga tagt, die afghanische Version eines Parlamentes, kann der Erfolg westlicher Bemühungen gemessen werden: an belebten Schulen und Universitäten, an öffentlichen Gebäuden, an Kinos und Malls, an Werbeflächen wie überhaupt an Farben, an verstopften Straßen - ein Land im Werden? Kabul absolut; doch Kabul repräsentiert nicht Afghanistan, fast zweimal so groß wie Deutschland. Wie überwindet man diese Diskrepanzen - in sämtliche Richtungen? Kabul ist ja nicht Hauptstadt einer echten Demokratie. Das Parlament, sofern überhaupt einwandfrei gewählt, zählt nicht im Lande. Die Mehrheit seiner Bewohner - 80 Prozent Analphabeten - hat kein Nationalbewusstsein, geschweige denn ein parlamentarisches. Was sie verbindet, ist die Abneigung gegen "die in Kabul", von denen sie, die Landbewohner, nie etwas hatten.

Das wird in allen Gesprächen deutlich, wobei man nicht einmal weiß, ob man nicht gerade mit einem Taliban gesprochen hat. Was die Dörfler verbindet, ist ihre Ergebenheit den Stammesfürsten gegenüber. Das können Taliban sein, mit größerer Gewissheit sind es Warlords mit eigenen Gesetzen - auf jeden Fall Führer, deren demokratische Gesinnung allen im Lande hekuba ist. Eine Herkulesaufgabe, diesem Land auf die Füße zu helfen. Mutmaßlich ein Cannae, es zu verlieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag