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Jörg von Bilavsky
»Ich bin in der Hölle«

Sinti und Roma Das Schicksal einer verfemten Volksgruppe im Dritten Reich und die Lehren für die Gegenwart

Am frühen Morgen mussten wir ... ins Lager marschieren. Dort hat man uns erstmal die Häftlingsnummer in den Arm tätowiert und die Haare abgeschnitten. Die Kleider, die Schuhe und die wenigen Dinge, die wir noch dabei hatten, wurden uns weggenommen. Die Baracken hatten keine Fenster, sondern nur Lüftungsklappen. (...) In einer Baracke, die vielleicht für zweihundert Menschen Platz gehabt hätte, waren oft 800 und mehr untergebracht. ... Die Menschen saßen reglos in diesen Buchsen und haben uns nur angestarrt. Ich habe gedacht, ich träume, ich bin in der Hölle." Dass Leidensberichte wie die der damals 17-jährigen Sintizza Elisabeth Guttenberger überhaupt existieren, grenzt an ein Wunder. Von den mehr als 22.000 Sinti und Roma aus ganz Europa, die seit Februar 1943 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, überlebten nur wenige das todbringende Martyrium.

Opfer von Menschenversuchen

Mit ein paar Scheiben Kommissbrot, einem Löffel Marmelade, einer Messerspitze Margarine, und Steckrübensuppe pro Tag starben die meisten Häftlinge an Hunger und Seuchen. Einen noch qualvolleren Tod erlitten die Opfer der Menschenversuche mit Fleckfieberimpfstoffen oder Experimenten zur Trinkbarmachung von Meerwasser. Arbeitsfähige Langerinsassen beiderlei Geschlechts wurden oftmals in andere KZ verbracht und für Zwangsarbeiten eingesetzt, die in den meisten Fällen den sicheren Tod bedeuteten. Die letzten im Lager verbliebenen Sinti und Roma, vor allem Frauen, Kinder und Alte schickte Lagerkommandant Liebehenschel Anfang August 1944 in die Gaskammern. Als die Soldaten der Roten Armee ein halbes Jahr später den Ort des Schreckens befreiten, war fast kein einziger Sinti oder Roma mehr am Leben.

Bestehende Gesetze verschärft

Nicht erst im berüchtigten "Zigeunerlager" von Auschwitz "hörten wir auf Menschen zu sein", wie ein Überlebender später berichten konnte. In den Augen der Nationalsozialisten und vieler anderer Deutscher galten die bis zu 25.000 in Deutschland lebenden "Zigeuner" seit jeher als "asozial", "arbeitsscheu" und "kriminell", die "Volksgemeinschaft" gefährdend und nicht integrierbar. Jahrhundertealte Vorurteile und Ängste der Bevölkerung gegenüber dem "fahrenden Volk" schürend, verschärften die NS-Bürokraten nach der Machtübernahme 1933 bereits existierende Gesetze zur "Bekämpfung der Zigeunerplage", wie es im Amtsdeutsch offiziell hieß. Fortan nahm die Drangsal der Sinti und Roma unter Hitlers und Himmlers Ägide immer brutalere Dimensionen an. Von der Ausgrenzung über die Verfolgung hin zur Vernichtung. Anknüpfend an das bereits 1899 in Bayern angelegte "Zigeunerregister", erfasste ab 1938 die "Dienststelle für Zigeunerfragen" reichsweit die stetig stigmatisierte Minderheit. Die penibel geführten "Personalakten" gaben Auskunft über ihren Aufenthaltsort sowie ihre "rassischen" Merkmale und erleichterten so die Festnahmen und Deportationen fast aller "Zigeuner" im Deutschen Reich.

An den Rand gedrängt

Zuvor aber machten ihnen Städte und Gemeinden durch immer neue bürokratische Schikanen das Leben schwer bis unerträglich. Mit der restriktiven Vergabe von Wandergewerbescheinen oder Berufsverboten entzogen ihnen die kommunalen Verwaltungen schrittweise die Erwerbsgrundlagen und drängten sie gezielt an den Rand der Gesellschaft. Die in Großstädten wie Köln, Frankfurt oder Freiburg mit Stacheldraht umzäunten "Zigeunerlager" waren schon geographisch sichtbarstes Zeichen dieser Ausgrenzung. Am Stadtrand, nicht selten in der Nähe von Kläranlagen, Friedhöfen oder Bahntrassen gelegen, drängten sich in den polizeilich bewachten Lagern nicht selten zehn Menschen in einem baufälligen Wohnwagen, der weder über Toiletten oder fließend Wasser verfügte. Das Leben in den städtischen Internierungslagern bildete quasi die Vorstufe dessen, was sie später in den Konzentrationslagern und bei der Zwangsarbeit erwarten und erleiden sollten.

Als asozial gekennzeichnet

Die pseudowissenschaftliche Bestimmung ihrer "rassischen Minderwertigkeit" sollte nicht nur solch diskriminierende Maßnahmen rechtfertigen, sondern bedeutete langfristig ihr sicheres Todesurteil. Obgleich in den ursprünglich aus Indien stammenden Roma "arisches" Blut floss, machten sich "Erbforscher" wie der Tübinger Arzt Robert Ritter und seine Mitarbeiter an der "Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle" daran, das Gegenteil zu beweisen. Nach Ritters deutschlandweit erhobenen "Studien" waren mehr als 90 Prozent der Sinti und Roma "asoziale und nichtsnutze Zigeuner-Mischlinge", die mit "rassehygienischen Maßnahmen", also per Sterilisation, Zwangsarbeit und noch drastischeren Mitteln "dezimiert" werden sollten. In diesem rassistisch aufgeheizten Klima gediehen auch die Nürnberger Gesetze samt den sie verschärfenden Kommentaren. Hierin zählten neben Juden nun auch die "Zigeuner" zu jener minderwertigen Rasse, deren Blut sich nicht mit dem deutschen mischen durfte. Um dies nicht nur per Heiratsverbot durchzusetzen, sondern auch biologisch zu verhindern, sterilisierten deutsche Ärzte bis zum Kriegende Tausende Sinti und Roma beiderlei Geschlechts. Im renommierten "Deutschen Ärzteblatt" hieß es 1939 unter der Überschrift "Die Zigeuner als asoziale Bevölkerungsgruppe" unumwunden: "Grundsätzlich muss indessen gefordert werden, unter allen Umständen Menschen dieser Artung daran zu hindern, ihr minderwertiges Erbgut an nachfolgende Geschlechter weiterzugeben. Ziel ist also: Rücksichtslose Ausmerzung dieser charakterlich defekten Bevölkerungsgruppe."

Deportationen nach Osten

Schon wenige Wochen später wurden im wahrsten Sinne des Wortes die letzten Weichen für die "rücksichtlose Ausmerzung" dieser Bevölkerungsgruppe gestellt. Bereits kurz nach Kriegsausbruch rollten die ersten Züge mit Hunderten von Sinti und Roma aus Nord- und Westdeutschland ins besetzte Polen und damit in den sicheren Tod. In den folgenden Monaten und Jahren folgten ihnen "Zigeuner" aus allen von Hitlers Truppen besetzten Teilen Europas in die polnischen Ghettos und Konzentrationslager. Wer von den Deportierten nicht in den Straßen und Häusern von Lodz und anderer Ghettos an Auszehrung, Misshandlungen oder Flecktyphus starb, sollte schließlich fast immer in den Vernichtungslagern oder bei Erschießungen ums Leben kommen.

Genozidale Absichten

Spätestens mit Himmlers "Auschwitzerlass" vom 16. Dezember 1942 war die endgültige Vernichtung der Sinti und Roma beschlossen und an den genozidalen Absichten des Regimes kein Zweifel mehr möglich. Die 10.000 im deutschen Reichsgebiet verbliebenen Zigeuner erwartete mit ihrer Deportation ins größte NS-Vernichtungslager der sichere Tod. Drei Monate nach Himmlers Order fuhren die ersten Waggons aus Deutschland in Richtung Auschwitz-Birkenau, wo die meisten "Zigeunerfamilien" durch Hunger oder "Bauchtyphus, Skorbut, Ruhr, Krätze, Furunkolose und vor allem Flecktyphus" dahin gerafft wurden, wie die jüdische Häftlingsärztin Lucie Adelberger in ihrem "Tatsachenbericht" über Auschwitz schrieb. Den Tod der "Zigeuner" im eilends errichteten und völlig überfüllten Lager hatte Lagerkommandant Rudolf Höß bewusst einkalkuliert. "Nun waren die allgemeinen Verhältnisse in Birkenau alles andere - nur nicht für ein Familienlager geeignet. Es fehlte jegliche Voraussetzung, wenn man beabsichtigte, diese Zigeuner nur für die Dauer des Krieges aufzubewahren", gab er später emotionslos zu Protokoll.

"Wir sind doch Reichsdeutsche"

Beabsichtigt war über kurz oder lang die vollständige Auflösung des Sonderlagers und damit die Vernichtung ihrer dahinvegetierenden Insassen. 17 Monate nach Errichtung des Zigeunerfamilienlagers umstellten in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 SS-Leute die Baracken und zwangen ihre Bewohner auf die bereitstehenden Lkw Im Abstand von einer halben Stunde brachte man die verbliebenen 2.897 Häftlinge des Lagers zu den Krematorien. "Wir sind doch Reichsdeutsche!", "Wir haben nichts verbrochen" oder "Warum wollt ihr uns umbringen" riefen die verzweifelten Todeskandidaten, bevor sie vergast und anschließend verbrannt wurden. Mit ihnen fanden in anderen nationalsozialistischen Vernichtungslagern und bei Massenexekutionen in fast allen Teilen Osteuropas etwa eine halbe Million Sinti und Roma den Tod durch willige Helfer in der SS, der Gestapo oder durch die mit dem NS-Regime sympathisierenden Milizen in den besetzten Gebieten.

Lokale Studien

66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz erinnern neben den wenigen Überlebenden vor allem ihre Nachkommen in Bürgerrechtsverbänden an die Verfolgung und Vernichtung ihrer Vorfahren im Dritten Reich. Mit Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen halten sie das Gedächtnis an den Völkermord ebenso wach wie mit Gedenkstätten und Mahnmalen, wie jenem, das schon bald in unmittelbarer Nähe zum Reichstag entstehen wird. In den vergangenen Jahren sind auch viele lokal- und regionalgeschichtliche Studien erschienen, die das Schicksal der Sinti und Roma quasi aus nächster Nähe und im Detail untersucht haben. Gleichwohl fehlen noch immer die vom Historiker Michael Zimmermann in seiner Dissertation über die "nationalsozialistische ‚Lösung der Zigeunerfrage'" angemahnten Studien, die über die soziale Zusammensetzung, Berufsstruktur und den kulturellen Zusammenhalt der vom NS-System verfolgten Ethnie fundiert Auskunft geben.

Die heutigen Probleme

In der Analyse der historisch gewachsenen Kultur und Lebensweise aber liegt der Schlüssel zum Verständnis und zur Verständigung. Nur so lässt sich der immer noch getrübte Blick für die heutigen Probleme und Bedürfnisse der Sinti und Roma schärfen und ihre Integration erfolgreich meistern. Nicht nur in Frankreich, - auch vor allem in Ländern wie Rumänien und Bulgarien könnten noch vorhandene Stereotype und Vorurteile abgebaut und konkrete Verbesserungen für die Migranten erzielt werden. Und zwar im Dialog und im Einvernehmen mit der "Mehrheitsgesellschaft", die eine besondere Verantwortung für die Minderheiten in ihrer Mitte trägt. Damals wie heute.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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