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Helmut Stoltenberg
»Der vergessene Holocaust«

GEDENKEN AN NS-OPFER Bei der zentralen Veranstaltung des Bundestages stand vergangene Woche der Völkermord an den Sinti und Roma im Mittelpunkt

Die Erinnerung an sein letztes Erlebnis mit den Eltern und Geschwistern schien Zoni Weisz für einen Moment zu überwältigen, als er im Plenarsaal des Bundestages mit stockender Stimme schilderte, wie er im Mai 1944 auf einem Bahnsteig den Platz seiner Familie in dem Zug nach Auschwitz sah, dem er selbst zusteigen sollte: "Mein Vater hatte den blauen Mantel meiner Schwester vor die Gitterstäbe des Viehwaggons gehängt, ich erkannte ihn sofort. Es war ein Mantel aus einem weichen blauen Stoff. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich heute noch, wie herrlich weich sich der Mantel meiner Schwester anfühlte".

Statt dem "Zigeunertransport" zuzusteigen, gelang es dem damals Siebenjährigen "mit Hilfe eines ,guten' Polizeibeamten", sich in einen auf der anderen Bahnsteigseite abfahrenden Personenzug zu retten. Seine Mutter und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet, sein Vater im KZ Mittelbau-Dora.

"Eine halbe Million ausgerottet"

Am vergangenen Donnerstag jährte sich die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz zum 66. Mal. Erstmals seit der Proklamation des 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 1996 durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog sprach mit dem Niederländer Weisz an diesem Tag ein Vertreter der Sinti und Roma auf der zentralen Veranstaltung im Bundestag. Es sei "lange Zeit außerhalb des öffentlichen Bewusstseins" geblieben, sagte Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) auf der Veranstaltung an Weisz gewandt, "in welch schrecklichem Ausmaß auch Angehörige Ihres Volkes Opfer der Verfolgung durch das NS-Regime gewesen sind". Er verwies darauf, dass "die Stigmatisierung von Sinti und Roma" lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten begonnen hatte, und erinnerte auch "an die Urteile höchster deutscher Gerichte", die sich "in den Anfangsjahren der Bundesrepublik bei Wiedergutmachungsfällen von Sinti und Roma die Diktion des NS-Regimes zu eigen machten". Erst 1982 erkannte die Bundesregierung die Ermordung der Sinti und Roma als Völkermord aus rassischen Gründen an, wie Lammert hinzufügte, um dann zu konstatieren, noch heute fühlten sich viele Sinti und Roma auch in Deutschland diskriminiert. "Bis heute ist die größte Minderheit Europas zugleich die wohl auch am meisten diskriminierte Minderheit Europas", sagte der Bundestagspräsident.

Weisz nannte den Völkermord an den Sinti und Roma einen "vergessenen Holocaust", weil ihm in den Medien nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht werde. Eine halbe Million Sinti und Roma seien im Holocaust ausgerottet worden, doch habe die Gesellschaft "nichts oder fast nichts" daraus gelernt - "sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen", klagte er.

Gleiche Rechte gefordert

Es sei "menschenunwürdig, wie Sinti und Roma insbesondere in vielen ost- und südosteuropäischen Ländern wie zum Beispiel Rumänien oder Bulgarien behandelt werden", sagte Weisz. In Ungarn überfielen Rechtsextremisten Juden, Sinti und Roma. Es sei kein Wunder, dass insbesondere Roma auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westeuropa kämen. "In manchen Ländern Westeuropas wie Italien und Frankreich wird man dann wieder diskriminiert (....). Man wird wieder des Landes verwiesen", kritisierte er und betonte: "Wir sind doch Europäer und müssen dieselben Rechte wie jeder andere Einwohner haben". Es dürfe nicht sein, mahnte Weisz, dass ein Jahrhunderte hindurch diskriminiertes und verfolgtes Volk heute immer noch "jeder ehrlichen Chance auf eine bessere Zukunft beraubt wird".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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