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Tatjana Heid
Aus der Spur geflogen

SPORTAUSSCHUSS Abgeordnete unterstützen mehrheitlich Pechstein-Entscheidung des Innenministeriums

Im Fall der wegen Dopings gesperrten Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist kaum eine Frage eindeutig zu beantworten: Hatte sie verbotene Substanzen intus - oder nicht? Leidet sie an einer seltenen Blutanomalie? War ihre Sperrung richtig?

Nun wurde zumindest eine Frage klar beantwortet: Soll Pechstein weiter die Spitzensportförderung der Bundespolizei erhalten? Nein, befand das Bundesinnenministerium und strich der Eisschnellläuferin am vergangenen Montag, einen Tag vor Ablauf ihrer Sperre, die Förderung. Damit muss sie künftig ihren Dienst bei der Bundespolizei antreten - wie andere Beamte auch.

Größtenteils Zustimmung

Im Sportausschuss am vergangenen Mittwoch sorgte die Entscheidung für eine emotionale Diskussion. In der öffentlichen Sitzung des Ausschusses zum Stand der Dinge im Fall Pechstein äußerten die meisten Abgeordneten Verständnis für die schwierige Situation der Sportlerin. Diese war im Juli 2009 wegen auffälliger Blutwerte rückwirkend für zwei Jahre gesperrt worden und damit die erste Sportlerin, die aufgrund indirekter Dopingnachweise von Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Doch trotz allen Verständnisses: Die Fraktionen von Union, SPD und den Grünen befürworteten explizit die Entscheidung des Innenministeriums.

Man müsse die menschliche Situation Pechsteins begreifen, sagte der sportpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Klaus Riegert (CDU). Sie habe ihr Leben auf den Spitzensport ausgerichtet und sei dann aus ihrer Sicht zu Unrecht verurteilt worden. Er habe bei dem Urteil kein gutes Gefühl und würde es "öffentlich nicht verteidigen", betonte Riegert. Dennoch sei der Ausschluss von der Sportförderung korrekt. Die Rechtslage lasse keine andere Entscheidung zu. Der Dienstherr habe nicht "kleinkariert" gehandelt, sondern sei großzügig mit Pechstein umgegangen.

Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, fragte, ob man früher hätte handeln müssen. Pechstein sei lange krank gewesen und habe hohe Ausfallzeiten gehabt. Die Entscheidung des Innenministeriums nannte er aus heutiger Sicht richtig. "Wir müssen uns an dem ausrichten, was die Gerichte entschieden haben", sagte Gerster. Auch die Rehabilitierung der Sportlerin sei Sache der Gerichte.

Das Bundesinnenministerium sei verantwortungsvoll mit der Sache umgegangen, meinte die FDP-Politikerin Gisela Piltz. Dennoch sei sie eine "Anhängerin der Unschuldsvermutung". Ihr Parteikollege Joachim Günther, sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion, schlug vor, in Zukunft vor der Anklageerhebung Blutuntersuchungen durchführen zu lassen und den betroffenen Sportler nicht erst zu sperren. "Ich weiß, dass wir das nicht allein entscheiden können", räumte er ein.

»Sehr fragwürdiges Urteil«

Kritik kam von der Linksfraktion. Zwar stütze sich das Bundesinnenministerium mit seiner Entscheidung auf ein rechtskräftiges Urteil. "Das Urteil an sich ist aber sehr fragwürdig", sagte Jens Petermann und verwies auf die medizinischen Gutachten. Der Sportausschuss müsse sich hinter Pechstein stellen und ihre Rehabilitierung fördern, forderte er. Zugleich sprach er sich für einen Sonderstatus Pechsteins im Rahmen der Sportförderung aus.

Die Forderung nach einer politischen Rehabilitierung der Eisschnellläuferin sei "unprofessionell", widersprach Winfried Hermann, Grünen-Sprecher für Sportpolitik. Dies sei ein unangemessener Eingriff in das System und nicht Aufgabe des Ausschusses. Auch in Bezug auf die Sportförderung habe man sich nach der Gerichtsbarkeit zu richten. Die Entscheidung des Innenministeriums sei daher zu begrüßen. Zum Ausschluss gebe es zudem kaum Alternativen, ergänzte Frank Steffel (CDU). Man stelle sich vor, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) entschließe sich, Pechstein in der Förderung zu lassen - während auf der anderen Seite zahlreiche Sportler vergeblich versuchten, in die Sportförderung zu kommen. "Was wäre das denn für eine Botschaft?", gab Steffel zu bedenken.

»Nicht leicht gemacht«

Vor der Diskussion hatte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph Bergner (CDU), die Gründe für den Ausschluss Pechsteins dargelegt. "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", betonte er. Pechstein habe hervorragende Leistungen als Sportlerin erbracht, jedoch könne das Innenministerium nicht einerseits die Respektierung der Sportgerichtsbarkeit fordern, andererseits aber ihre Urteile in Zweifel ziehen. Auch spreche das Alter Pechsteins gegen die Sportförderung. Diese solle in erster Linie jungen Talenten vorbehalten sein, sagte Bergner. Pechstein wird kommende Woche 39 Jahre alt.

Ein anhaltendes Problem

Im Anschluss an die Pechstein-Diskussion ging es im Ausschuss um den Kampf gegen Doping allgemein. Unter anderem berichteten die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) und der Deutsche Olympische Sportbund über ihre Anstrengungen im Rahmen des 2009 verabschiedeten Nationalen Dopingpräventionsplans, an dem sich der Bund mit 300.000 Euro und die Länder mit 60.000 Euro beteiligen. Der Kampf gegen Doping bestehe aus zwei Säulen, erklärte Berthold Mertes von der NADA: "Repression und Prävention".

Experten und Abgeordnete wiesen auf zahlreiche Problemfelder hin: So müsse die Wirtschaft verstärkt in die Finanzierung eingebunden werden, auch sei Doping in der Gesellschaft teils positiv besetzt - siehe eine Shampoowerbung mit dem Slogan "Doping für die Haare". Aufklärung werde immer wichtiger. Auch wenn man sich insgesamt zufrieden gab, war zumindest dieses Urteil eindeutig: "Bund, Länder und Sportverbände müssen ihre Anstrengungen intensivieren", sagte Bergner.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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