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Susanne Kalitz
Analog ist out

FILM Abgeordnete begrüßen Förderung der Kinodigitalisierung. Umrüstung stellt vor allem kleine Kinos vor Probleme.

Im "Programmkino Ost" in Dresden ist die cineastische Welt noch in Ordnung. Hier gibt es 35-mm-Filmrollen aus Polyester, rund 25 Kilogramm schwer, die per LKW angeliefert werden und deren Einzelteile vor der ersten Vorstellung zu einer einzigen großen Filmrolle zusammengeklebt werden. Geht es nach Geschäftsführer Sven Weser, ändert sich daran erst einmal nichts - sein Haus läuft gut. Rund 150.000 Besucher pro Jahr lassen sich hier von neuen und alten Filmen verzaubern. "Wir sind ein klares Filmkunstkino", sagt Weser, "und werden so auch gut angenommen."

Geht es aber nach den großen Filmverleihfirmen und der Politik, werden Wesers Arbeit und sein Kino sich in den kommenden Jahren gravierend verändern. Digitales Kino ist das Motto: Dabei sollen aktuelle Filme künftig nur noch als Datenpakete an die Kinos geliefert und dort auf modernen Projektoren abgespielt werden. Brillante Bilder ohne Kratzer und Wackeleien werden damit versprochen - und immense Einsparungen für die Verleihfirmen, die dann viel günstiger als bisher ihre Filme ausliefern können. Statt weniger Kopien, die pro Stück mehrere Tausend Euro kosten können und kreuz und quer durch die Kinolandschaft verschickt werden, könnten die Datenpakete auf einer Festplatte oder gleich online zum Kinostart theoretisch an jedes Kino im Land ausgeliefert werden. Damit wären die Zeiten vorbei, in denen die Besucher kleiner ländlicher Kinos wochenlang darauf warten müssen, bis auch sie die großen Blockbuster sehen können.

Doch bevor die Kinobetreiber von diesen Vorteilen profitieren können, entstehen ihnen erst einmal enorme Kosten. "Das Umrüsten auf die digitale Technik kostet pro Leinwand zwischen 70.000 und 80.000 Euro", sagt Weser, "dazu kommen zusätzliche Ausgaben für eine Klimatisierung der Räume, weil die Digitalprojektoren enorm wärmeempfindlich sind." Der Hauptgrund für die enormen Kosten der Umrüstung ist der technische Standard, auf den sich die sieben größten Hollywood-Firmen geeinigt haben. Sie wollen ihre Filme nur an Kinos verleihen, die dem sogenannten DCI-Standard entsprechen - obwohl digitale Technik auch billiger zu haben ist. Für das Programmkino schlüge die neue Technik mit mindestens 350.000 Euro zu Buche.

"Bis wir das wieder eingespielt hätten, würde es ewig dauern", sagt Weser. Wirklich profitieren würden nur Kinos, in denen 3D-Filme angeboten und die dadurch recht große Mehrerlöse erzielen würden. Für Weser ist daher klar: "Solange uns die Filme von den Firmen auch analog geliefert werden, rüsten wir nicht um. Aber wir wissen natürlich, dass der Druck irgendwann zunehmen wird."

Förderung angelaufen

Vor welche Probleme die Digitalisierung der Kinolandschaft vor allem kleinere Kinos stellt, sieht man auch in Berlin - und deshalb nimmt die Hilfe zu, die den Kinobetreibern bei der Umstellung der Technik gewährt wird. Pünktlich zur Bundestagsdebatte am vergangenen Freitag startete die Förderung der Kinodigitalisierung, die gemeinsam von der Filmförderungsanstalt (FFA) und dem Kulturstaatsminister getragen wird. Damit können Kinos, die zwischen 40.000 und 260.000 Euro Umsatz pro Jahr machen, und Filmtheater in Orten mit unter 50.00 Einwohnern finanzielle Hilfe für die Umrüstung beantragen.

In der Debatte begrüßten alle Fraktionen, dass die Förderung, für die im Bundeshaushalt 4 Millionen Euro zur Verfügung bereit gestellt werden, nach jahrelanger Debatte konkret wird. Die Abgeordneten nahmen zudem eine Mitteilung der EU-Kommission zur Kinodigitalisierung zur Kenntnis und teilen damit den Wunsch der Kommission, "die Vielfalt der europäischen Kinolandschaft und damit das vielfältige Filmangebot in den europäischen Kinos zu erhalten". Sie unterstützen auch die Forderung, dass sich die Förderung auf kleine unabhängige Kinos und solche im ländlichen Raum konzentrieren müsse - diese seien "die Gewinner" der Initiative von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), sagte der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Wolfgang Börnsen. Auch für die filmpolitische Sprecherin der Liberalen im Bundestag, Claudia Winterstein, ist die Bedeutung der deutschen Kinolandschaft immens; daher habe die Koalition die Digitalisierung "zum Schwerpunkt ihrer Filmpolitik gemacht". Bislang seien weniger als 600 der insgesamt 4.700 Leinwände in deutschen Kinos auf digitale Technik umgestellt. Während die großen Ketten und Multiplex-Häuser dies aus eigener Kraft leisten könnten, müsse den kleineren Kinos Hilfe gewährt werden - sie leisteten gerade im ländlichen Raum eine "kulturelle Grundversorgung".

Auch die Opposition ist zufrieden mit dem, was Bernd Neumann in langen Verhandlungen mit der FFA, den Ländern und der Filmbranche erreicht hat. Der Start der Förderung sei rechtzeitig zur Abstimmung über einen entsprechenden Antrag (17/1156) ihrer Fraktion erfolgt, sagte die filmpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Angelika Krüger-Leißner. Wichtig sei jedoch, dass man sich an das Gebot der EU-Kommission zur technischen Neutralität halte und keinen speziellen Standard vorschreibe. Der SPD-Antrag wurde mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen abgelehnt.

Claudia Roth, Vorsitzende der Grünen, mahnte zudem an, noch einmal über die Umsatzgrenzen nachzudenken: Mit den jetzt definierten Zahlen seien viele wichtige Kinos nicht förderberechtigt, dies sei "gefährlich" für die Kinolandschaft. Für die Fraktion Die Linke gibt es einen weiteren Kritikpunkt. Ihre Rednerin Katrin Kunert sagte, man müsse mehr als die geplanten 20 Millionen Euro über fünf Jahre hinweg bereitstellen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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